Das Freudenufer

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • btb, 2008, Titel: 'Glädjestranden', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
In der Sehnsucht gefangen

Rezension von Rita Dell'Agnese Feb 2012

Kurzgefasst:

Die schwedische Westküste 1822: Goldfarbenes Herbstlicht. Ein Mückenschwarm, der wirr über den reifen Roggenfeldern tanzt. Ein Winter aus sauren Äpfeln und Wolle. Dann endlich der Geruch nach Frühling. Glück, flüchtig wie eine Libelle in der Nachmittagssonne. Und Krähen, die fortwirbeln wie Asche. Es ist der ewige Kreislauf der Natur, dem auch sie unterliegen: Die junge Tora, deren Eltern zu früh gestorben sind und die in ihrer eigenen Phantasiewelt lebt. Ihr stolzer Stiefvater Erland Frank, der die Felder gekonnt bewirtschaftet, dessen Sehnsucht aber dem weiten Meer gilt. Und Toras Onkel, ein wortkarger Einzelgänger, der sich nur in Gegenwart seines Hundes wohlfühlt. Drei Menschen mit ihrer je eigenen Vorstellung vom Glück. Nur in der gleichförmigen Arbeit auf den Feldern finden sie zu einer Gemeinschaft, die sie mit Worten nicht erreichen können. Bis Tora und Frank an einem Winterabend auf dem zugefrorenen Meer spazieren gehen - doch das Eis, auf dem sie sich bewegen, ist brüchig...

 

Die Menschen haben es im fühen 19. Jahrhundert in diesem Landstrich an der schwedischen Westküste nicht leicht: Die Witterung setzt dem Pflanzenwuchs zu, viele Gebiete sind sumpfig, die Erträge aus dem Meer mäßig. Da beschließt Erland Frank, seine Stieftochter Tora zu einem entfernt liegenden Pfarrhof zu senden, wo sie lernen soll, einen Haushalt zu führen. Das phantasievolle Mädchen leidet darunter, die Heimat verlassen zu müssen. Seit dem Tod ihrer Mutter spürt sie, dass sie ihrem Stiefvater im Weg ist. Der träumt davon, genug Geld aus dem Hof und seinen Unternehmungen zu See zu erwirtschaften, um eine Jacht zu bauen. Denn seine Passion gilt dem Meer. Tora ahnt, dass Erland Frank den wahren Besitzer des Hofs - Toras Onkel Arvid - um sein Erbe betrügt. Sie weiß aber auch, dass Arvid selber im Herzen kein Bauer ist und den Hof nicht so zum Blühen bringen könnte, wie der verschlossene Erland Frank, der einst unvermittelt aufgetaucht war und die verwitwete Mutter Toras geheiratet hatte. Nach ihrer Rückkehr auf den elterlichen Hof beginnt Tora auf vielfältige Weise, ihrem Stiefvater die Stirn zu bieten. Die beiden Persönlichkeiten messen sich in einem mehrheitlich stummen Kampf und zollen sich dabei immer größeren Respekt. Für Tora ist klar: Sie will den Hof für Arvid, und letztlich auch für sich selber, erhalten.

Stille, aber intensive Bilder

Ellen Mattson nutzt eine besondere Art, den Lesern diesen speziellen Landstrich näher zu bringen. Ihre Beschreibungen leben von stillen, aber intensiven Bildern, die eine fast unwirkliche Atmosphäre schaffen und einen Hauch von Mystik vermitteln. Mit Mystik hat der Roman Freudenufer jedoch nichts zu tun. Vielmehr beschreibt die Autorin das harte Leben der Bevölkerung, die oft mit wenig auskommen muss und die sich stets in einem Überlebenskampf befindet. Obwohl auf Arvids Hof dank Erland Franks Sachverstand mehr wächst und blüht als andernorts, kann sich auch dieses Gut kaum tragen. Nur durch seine Übersee-Geschäfte, die gut verborgen bleiben, schafft es Erland Frank, einen gewissen Wohlstand aufzubauen. Der aber soll nicht dem Hof zugutekommen, sondern in die Schifffahrt fließen. Die Gedankengänge des Fremden, der sich seine Braut emotionslos nach ihrer Mitgift ausgesucht hat, legt Ellen Mattson offen. Dennoch ist es nicht immer einfach, zu verstehen, weshalb der Mann so handelt, wie er es tut. Besonders als er unerwartet Emotionen zeigt, ist er für die Leser nur noch schwer einzuschätzen.

Faszinierende Charaktere

Die Charaktere hat Ellen Mattson dem unwirtlichen Landschaftsstrich angepasst. Tora ist ein eigensinniges, aber starkes Mädchen, das früh gelernt hat, sich zu behaupten. Ihr Onkel Arvid hingegen, ein Freigeist, verzweifelt ob der Belastung, die auf seine Schultern geladen werden soll. Er fühlt sich weder den Ansprüchen Erland Franks gewachsen, noch dem Anspruch der Gesellschaft an ihn, das väterliche Erbe zu führen und es zum Blühen zu bringen. Lieber verbringt Arvid seine Stunden in der freien Natur - nur begleitet von seinem Hund. Jeder Charakter ist feinfühlig und stimmig ausgearbeitet und kann in seiner Besonderheit bestehen. Bestechend ist die Sprachlosigkeit, mit der sich die Menschen begegnen. Es macht den Roman zu einem poetischen Werk, das seine intensive Wirkung erst lange nachdem der letzte Satz gelesen ist, entfaltet.

Zeitgeist eingefangen

Mit ihrem Roman gibt Ellen Mattson auf eine unaufgeregte und dadurch eindringliche Art den Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts wieder. Die Autorin legt eine stimmige Geschichte vor, die die Leser zwingt, sich mit ihr auseinander zu setzen. Sie entschädigt die Leser für die Mühe mit einer außergewöhnlich schönen und intensiven Geschichte um drei Menschen, die aufeinander angewiesen sind und die ihre unterschiedlichen Sehnsüchte zu stillen versuchen.

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