Die Feinde der Tuchhändlerin

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2009
  • Piper, 2009, Titel: 'Die Feinde der Tuchhändlerin', Originalausgabe
Die Feinde der Tuchhändlerin
Die Feinde der Tuchhändlerin
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Eva Schuster
76

Histo-Couch Rezension von Eva Schuster Feb 2012

Intrigen im mittelalterlichen Worms

Kurzgefasst:

Worms, 1231. Die durchwachte Nacht hat tiefe Ringe unter die blauen Augen der jungen Tuchhändlerin Constanze gezeichnet. Etwas Schreckliches ist passiert: Ihre geliebte Schwester Marie ist verschwunden. Seit sie zum Hafen aufgebrochen ist, um dort Waren abzuholen, hat sich ihre Spur verloren. Mit Hilfe des Ritters Konrad, der ihr treu zur Seite steht, begibt Constanze sich auf die Suche. Und gerät dabei in höchste Lebensgefahr.

 

Worms im Jahr 1231: Vor drei Jahren starb der angesehene Tuchhändler und Ratsherr Richard Hohenau unter mysteriösen Umständen. Seine beiden jungen Töchter Constanze und Maria blieben als Waisen zurück. Es gelang Constanze jedoch, das Geschäft des Vaters weiterzuführen und das Ansehen sogar noch zu vergrößern. Nun aber erschüttert Constanze ein erneuter Schicksalsschlag: Ihre jüngere Schwester ist spurlos verschwunden. Tags zuvor brach die siebzehnjährige Maria mit einem Knecht zum Hafen auf, um eine neue Lieferung an Stoffen in Empfang zu nehmen - doch sie traf weder dort ein noch kehrte sie zurück.

Constanze ist überzeugt, dass Maria etwas zugestoßen ist und wendet sich an den Stadtvogt. Der allerdings scheint der Ansicht, dass Maria sicher mit einem Liebhaber davongelaufen ist. Die Wochen vergehen ohne ein Lebenszeichen der Schwester. Schließlich wird im Fluss eine tote Frau gefunden - und sie trägt Marias Kette um den Hals. Jetzt weiß Constanze, dass Maria in höchster Gefahr schwebt oder vielleicht schon längst tot ist. Hat Constanzes ehemaliger Verlobter etwas damit zu tun? Was hat es mit der Burg auf sich, auf der Maria angeblich gesehen wurde? Bald weiß die junge Frau nicht mehr, wem sie trauen kann - selbst höchste Ratsmitglieder scheinen in eine Verschwörung verwickelt zu sein. Nur der treue Ritter Konrad steht ihr zur Seite ...

Liebe und Intrige

Caren Benedikts Debütroman entführt die Leser in das mittelalterliche Worms und bietet dabei beste Unterhaltung. Die Hauptfigur Constanze ist eine sympathische junge Frau, mit der man sich gerne identifiziert. Der Tuchhandel ist ihre Welt, trotz ihres jungen Alters führt sie das Geschäft erfolgreich weiter und kennt sich hervorragend mit den unterschiedlichsten Stoffen und Schnittmustern aus. Mit dem Verschwinden ihrer Schwester gerät ihre Welt aus den Fugen. Sie ist überzeugt davon, dass Maria sie nie aus freien Stücken verlassen hätte - weder hatte die Siebzehnjährige einen Liebhaber noch gab es irgendwelche Streitigkeiten. Im Gegenteil, Maria liebte den Tuchhandel wie sie selbst und nichts deutete darauf hin, dass sie den Hof heimlich verlassen wollte. Constanze spürt aber bald, dass ihr von offizieller Seite Widerstand entgegen schlägt. Eigentlich sollte der Stadtvogt gründliche Ermittlungen einleiten, stattdessen begegnet er ihr herablassend und dreist. Auch unter den hohen Ratsherren scheint sie mehr als genug Feinde zu haben - ihr wurde nie verziehen, dass sie wider Erwarten den lukrativen Tuchhandel fortführen wollte und diesen Anspruch in einem Prozess durchsetzte. Die Handlung spart nicht mit Wendungen und teils drastischen Entwicklungen. Es geschehen mehrere Morde und die Verräter lauern überall. Die Spannung liegt zum einen lange Zeit in der Frage, was mit Marias geschehen ist - und zum anderen im zweiten Teil in der Frage, ob und wie Constanze es schafft, den Tuchhandel für sich zu behalten, der ihr durch perfide Intrigen entrissen werden soll. Interessant sind auch die kleinen Informationen zu juristischen Abläufen jener Zeit. Der Schreibstil ist angenehm flüssig, die Sprache der Figuren weder zu gestelzt noch zu modern. Längen gibt es keine, die Handlung schreitet stets schnell voran und hält sich nicht an ausladenden Schilderungen auf.

Gelungene Nebenfiguren

Constanzes ständiger Begleiter und Beschützer Konrad ist anfangs eine sehr geheimnisvolle Figur. Sie weiß wenig über ihn, nur dass er ihr treu ergeben ist und sie ihm vertrauen kann. Später offenbart sich, dass er eine bewegte Vergangenheit hinter sich hat und indirekt selbst ein Opfer der Verschwörung gegen seine Herrin ist. Allmählich entwickeln sich zwischen den beiden romantische Annäherungen, die aber nie plakativ in den Vordergrund treten. Sehr gelungen sind die beiden verwaisten Straßenjungen Albert und Cuno, die Constanze zufällig kennen lernt und die sie bei sich aufnimmt. Die beiden Jungen werden von ihr schon bald als kleine Brüder betrachtet und sorgen ein ums andere Mal für humorvolle Szenen. Eine Mitleid erregende Gestalt ist der Totengräber Tamme. Wie zur damaligen Zeit für Totengräber üblich, lebt er zurückgezogen und meidet die Gesellschaft, da es als unschicklich gilt, sich mit diesem Berufsstand abzugeben. Zusätzlich ist er durch eine schwere Gesichtsentstellung gestraft, aber sein kindliches Gemüt und seine sanfte Art sorgen dafür, dass er Constanzes Vertrauen gewinnt.

Geringe Schwächen

Ein wenig zu übertrieben erscheinen die Wendungen am Schluss, eine Figur zeigt plötzlich ein gänzlich anderes Gesicht. Das sorgt zwar für Dramatik, wirkt aber ein bisschen konstruiert und effektheischend und verhältnismäßig wenig realistisch. Auf der anderen Seite erhält Constanze von jemandem unerwartete Hilfe, die wiederum so großzügig ausfällt, dass sich einige Probleme zu leicht klären. Schön wäre zudem noch ein wenig mehr an Lokalkolorit gewesen, um das mittelalterliche Worms noch etwas deutlicher und detaillierter vor den Augen erscheinen zu lassen. Insgesamt fallen die Mängel aber gering aus - was bleibt, ist ein sehr unterhaltsamer und fesselnder Roman, souverän geschrieben und absolut empfehlenswert.

Die Feinde der Tuchhändlerin

Caren Benedikt, Piper

Die Feinde der Tuchhändlerin

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