Velvet

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  • Erschienen: Januar 2011
  • , 2011, Titel: 'Velvet', Originalausgabe
Velvet
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Eva Schuster
80

Histo-Couch Rezension vonDez 2011

Unterhaltsamer Ausflug in die Welt der Geister

Kurzgefasst:

London, 1901. Als ihr Vater stirbt, ist die junge Velvet ganz auf sich gestellt. Eine Stellung als Wäscherin bewahrt sie vor dem Schlimmsten. Die Chance auf ein neues Leben bietet ihr Madame Savoya, ein stadtbekanntes Medium. Als Assistentin der schillernden und wohlhabenden Dame erhält Velvet Zutritt zu einer Welt der kostbaren Kleider, des Komforts und des gehobenen Umgangs. Die feine Gesellschaft Londons strömt in den Salon der Spiritistin, um die Stimmen der Toten zu hören. Hier ist Velvet glücklich. Das liegt nicht zuletzt an George, dem charmanten Gehilfen Madame Savoyas, der ihr Herz im Sturm erobert. Doch allmählich keimt in Velvet der Verdacht, dass irgendwer ein falsches Spiel treibt ...

 

London, 1901: Die sechzehnjährige Velvet Groves ist Waise. Ihre Mutter starb schon vor vielen Jahren, im vergangenen Jahr ertrank ihr trunksüchtiger Vater. Velvet hat keine Angehörige und ist mittellos. Um dem Arbeitshaus zu entkommen, nimmt sie dankbar eine Stelle als Wäscherin an. Die ständige Hitze und die feuchte Luft setzen allerdings ihrer Gesundheit zu. Zu ihrem Glück darf sie bald darauf die Ausbesserungsarbeiten der feinen Kleider übernehmen.

Besonders fasziniert ist sie von den edlen Kleidern einer gewissen Madame Savoya. Als Dank für ihre gute Arbeit schickt sie Velvet zu Weihnachten die Einladung einer spiritistischen Sitzung, die Velvet zusammen mit ihrer Freundin Lizzie besucht. Die junge, schöne Madame Savoya ist ein berühmtes Medium, das mit der Geisterwelt in Kontakt steht. Viele Einwohner der Oberschicht gehen bei ihr regelmäßig ein und aus. Die öffentliche Sitzung beeindruckt Velvet und schüchtert sie zugleich ein wenig ein.

Trotz aller Bemühungen geschieht ihr bald darauf ein Missgeschick mit einem Kleid Madame Savoyas und Velvet wird von der Wäscherei entlassen. Zu ihrer Überraschung sucht kurz darauf Madame Savoya sie persönlich auf - und bietet ihr ein Stellung in ihrem Haushalt an. Velvet kann ihr Glück kaum fassen: Sie darf Madame Savoya in deren eleganten Villa als Gesellschafterin dienen, sie zu Spaziergängen begleiten, kleine Einkäufe erledigen und bei den spiritistischen Sitzungen die Gäste empfangen. Ihr neues Leben wird ihr auch durch Madame Savoyas Verwalter und Assistenten George versüßt, einem attraktiven und charmanten jungen Mann. Doch allmählich beschleicht Velvet der schlimme Verdacht, dass die spiritistischen Sitzungen nur Betrügereien sind ...

Die Welt des Spriritismus

Mit ihrem neuesten Streich Velvet beweist Mary Hooper erneut, dass sie eine der führenden Autorinnen der historischen Jugendromane ist. Nachdem ihre früheren Werke die Leser bereits ins elisabethanische und viktorianische Zeitalter entführten, ist diesmal das beginnende 20. Jahrhundert, kurz nach dem Tod Königin Viktorias, der Schauplatz. Velvet bietet nicht nur ein anschauliches Porträt jener Epoche, sondern lässt die Blütezeit der spiritistischen Sitzungen und der Medien aufleben. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts mehrten sich die angeblichen Medien, die Menschen anboten, mit ihren Verstorbenen in Kontakt zu treten. Madame Savoya ist zwar eine fiktive Figur, doch andere Medien, die hier kurz auftauchen, wie Mrs. Palladino, hat es wirklich gegeben. Auch der große Autor Sir Arthur Conan Doyle hat hier einen Auftritt, denn tatsächlich war Doyle bis zu seinem Lebensende sehr an der Parapsychologie interessiert. Sehr interessant sind die Einblicke in die Konkurrenzkämpfe der Medien untereinander, die dafür sorgen, dass die Sitzungen immer spektakulärer werden, da die Wünsche und Anforderungen der Gäste immer weiter stiegen. Wie in früheren Werken der Autorin gibt es auch hier den Kontrast zwischen der armen Bevölkerung Londons und der Oberschicht zu sehen. Besonders schockierend ist die Babyfarm einer gewissen Mrs. Dyer, die es gleichfalls wirklich gegeben hat. Mittellose junge Frauen und Mädchen gaben ihr aus Verzweiflung gegen Bezahlung ihre neugeborenen Babys bis auf Weiteres in Obhut, ohne zu ahnen, dass Mrs. Dyer die Kinder regelmäßig verhungern ließ und den Tod mit Krankheit und Schwäche erklärte.

Die Protagonistin Velvet, wie sich Kitty seit ihrem neuen Lebensabschnitt selbst nennt, hat zu Beginn des Romans von spiritistischen Dingen kaum eine Ahnung. Umso neugieriger ist sie auf ihre erste Teilnahme an einer solchen Vorführung, die sie gleich in den Bann schlägt. Am meisten fasziniert sie jedoch Madame Savoya, deren Schönheit und Eleganz sie in Velvets Augen wie eine Königin wirken lässt. Ihre neue Arbeitsstelle scheint anfangs perfekt und besser als alles, was Velvet je zu träumen gewagt hat: Madame Savoya ist nicht nur eine großzügige, sondern auch eine nachsichtige und freundliche Dienstherrin. Velvet bekommt edle Kleider, teure Cremes und erlesene Parfüms, sie muss nur leichte Arbeiten verrichten und fühlt sich auch bald in der Konversation mit den vornehmen Gästen von Madame sicher. Der attraktive George lässt zudem ihr Herz höher schlagen und bald hegt sie leise Hoffnung, dass seine Blicke und Gesten auf ebensolche Gefühle seinerseits hinweisen könnten. Der einzige Wermutstropfen, außer dass sie ihre Freundin Lizzie aus der Wäscherei seltener sieht, ist scheinbar nur das ordinäre Dienstmädchen Sissy, das ebenfalls ein Auge auf George geworfen hat.

Eine Seifenblase platzt

Vor lauter Begeisterung über Madame und deren Fähigkeiten verschließt Velvet lange Zeit die Augen davor, dass in der Welt des Spiritismus vieles Schein und nur wenig Sein ist. Zwar hört sie immer öfter, dass es zunehmend Scharlatane gibt, aber es kommt ihr nicht in den Sinn, dass Madame auch dazu gehören könnte. Der Leser dagegen erfährt etwas früher, sofern er es nicht bereits schon geahnt hat, dass Madame Savoya ein falsches Spiel treibt und verfolgt gespannt, wann Velvet dies endlich realisieren wird. Velvets Ahnungen werden schließlich sehr reizvoll dargestellt - das junge Mädchen registriert zwar allmählich einzelne Unstimmigkeiten, bringt dies aber nicht mit einem umfassenden Betrug in Zusammenhang. Madame bittet sie beispielsweise regelmäßig, ihr nach dem Empfang der Gäste mitzuteilen, welche Informationen sie aufgeschnappt hat, wen die Gäste im Jenseits sprechen wollen und was sie mit jenen Personen verbindet. Diese kleinen Details bringt Madame später in die Sitzung ein - erklärt der verunsicherten Velvet aber, diese Informationen seien lediglich kleine Hilfsmittel für sie, um den ersten Kontakt mit den Geistern herzustellen. Auch als es um die Materialisierungen von Geistern geht, die gerade in Mode sind und die zunehmend von den Medien erwartet werden, ahnt Velvet, dass Madame da irgendwie nachhilft - aber sie zweifelt dennoch nicht daran, dass Madame trotzdem grundsätzlich in der Lage dazu ist, mit den Geistern zu kommunizieren und ihre Fähigkeiten lediglich ein wenig aufpoliert. Als Velvet letztlich ahnt, in was sie da verwickelt ist, steckt sie bereits viel zu tief in den Machenschaften drin und verdrängt lieber, was ihr immer mehr und mehr bewusst wird. Velvet ist dem Leser von Anfang an sympathisch und man wünscht ihr nur das Beste. Umso bewegender und schmerzhafter ist es dann zu verfolgen, dass ihre Seifenblase bei Madame Savoya in mehrfacher Hinsicht zu platzen droht. Madame Savoya und der elegante George sind zwei mysteriöse Gestalten, die anfangs aber durchaus nicht unsympathisch sind und nur allmählich hinter ihre Fassade blicken lassen.

Der recht einfache Aufbau der Handlung, die sich keine Abschweifungen gönnt und recht geradlinig auf das Finale zusteuert, zeigt, dass sich der Roman an ein junges Publikum wendet, aber wie üblich bei Mary Hooper ist die Lektüre für erwachsene Leser genauso reizvoll. Negativ fällt lediglich der etwas zu gedrängte Schluss auf, bei dem sich die Ereignisse überschlagen und ein wenig zu knapp dargestellt werden. Es bleibt eine offene Frage, wenngleich sie für die Haupthandlung nicht wichtig ist, dennoch wäre es schön gewesen, auch diesen Strang zu einem Abschluss zu bringen.

Velvet ist ein kurzweiliges Lesevergnügen mit einer liebenswerten Protagonistin und einer interessanten Thematik, die die faszinierende Welt der spiritistischen Medien und ihren Betrügereien im nachviktorianischen Zeitalter näher bringt.

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