Die Kinderhexe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2011, Titel: 'Die Kinderhexe', Originalausgabe

Couch-Wertung:

84
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Rita Dell'Agnese
Wenn Kinderreime den Tod bedeuten

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2011

Kurzgefasst:

Würzburg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges: Grausam wütet der Hexenwahn, die Scheiterhaufen lodern höher als je zuvor. Als auch die alte Hebamme Babette sterben muss, schwört ihr Pflegekind Kathi Rache. Zusammen mit einer Freundin gibt sie an, auf einem Hexensabbat Bürger der Stadt gesehen zu haben. Die Nachricht vom Hexenflug der Mädchen verbreitet sich wie ein Lauffeuer, und bald kann niemand mehr seiner Haut sicher sein. Immer mehr Männer und Frauen fallen den tödlichen Bezichtigungen zum Opfer. Und am Ende sehen sich auch die Kinder selbst vom Feuertod bedroht...

 

Sie sind Kinder und sie singen und erzählen Reime über Frau Holle: In den Ohren des fanatischen Hexenjägers Meister Dürr ist dies der Beweis dafür, dass eine weitere Hexe ihr Unwesen treibt. Es kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn Krankheiten wüten, Wasser vergiftet ist und die Ernte immer kärglicher ausfällt und die Menschen nicht mehr ernährt. Und Meister Dürr findet willfährige Helfer. Denn das Gut, dass die der Hexerei überführten Menschen hinterlassen, fällt an den Bischof. Und diesem gefällt es durchaus, dass immer mehr Scheiterhaufen brennen. Um Geständnisse zu erzwingen, wird da auch mal zu härteren Mitteln gegriffen. Die Verfolger machen selbst vor den Kindern nicht Halt: Aber sie haben nicht mit den Kindern und ihrem unbändigen Willen zu überleben gerechnet.

Bedrückendes Kapitel der Geschichte

Die Hexenverfolgung an sich ist bereits düster genug, um die Menschen der Gegenwart leer schlucken zu lassen. Wie schnell sich der Volkszorn gegen einen bezichtigten Menschen richtet, erinnert an Ausgrenzung und Stigmatisierung in der heutigen Zeit. Die Hilflosigkeit, mit der die einmal ins Auge der Hexenverfolgung Geratenen der Macht ihrer Peiniger gegenüber stehen, macht betroffen. Erst recht, wenn es um die schwächsten Glieder der Gesellschaft geht, um die Kinder. Roman Rausch macht genau diese Situation sichtbar. Er stellt die kleine Kathi in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Das Mädchen, das es einmal besser haben soll und von seiner Mutter zum örtlichen Apotheker in die Ausbildung geschickt wird, hat wenig zu lachen. Im Würzburg des 17. Jahrhundert muss das Mädchen froh sein, überhaupt einen Platz zu bekommen, an dem es eine Arbeit erlernen kann. So erzählt sie ihrer schwer dafür arbeitenden Mutter auch nicht, dass sie vom Apotheker nicht nur regelmäßig und hart gezüchtigt wird, sondern auch das von der Mutter bezahlte Essen nicht bekommt. Nur die kräuterkundige Hebamme Babette, die Kathi und anderen Kindern immer mal wieder etwas zu Essen zusteckt, verhindert, dass das Mädchen entkräftet zusammen bricht.

Eindrücklich schildert Roman Rausch die Zusammenhänge zwischen Hungersnot, Gewalt und Hexenverfolgung. Der Autor erzählt von durch Fäkalien, Kadavern und anderen Abfällen vergifteten Flüssen und die dadurch entstehenden Krankheiten. Und er zeigt die Schrecken des Krieges auf, die auch dort, wo gerade nicht gekämpft wird, ihre Kreise ziehen. Das von ihm skizzierte Bild des Lebens in Würzburg ist bedrückend.

Kinder als Macht

Obwohl die Kinder, denen Roman Rausch seinen Roman widmet, von der Verfolgung und auch von Folter nicht verschont bleiben, mischt hier der Autor eine Portion Hoffnung bei. Er lässt den Kindern ihre Würde, lässt sie sich zu einer ernstzunehmenden Macht zusammen rotten und für ihre Freiheit und Zukunft kämpfen. Dabei schafft er keineswegs kleine Superhelden, denen alles gelingt. Zwar sind seine Protagonisten schlaue Kerlchen und gewitzte Mädchen, doch haben sie vor allem den unbändigen Überlebenswillen gemein, der in der Beschreibung von Roman Rausch demjenigen der heutigen Straßenkinder in den Slums dieser Welt ähnlich ist. Um zu überleben, sind die Kinder bereit, das Gesetz zu brechen und sich gegen die geltende Ordnung zu stellen.

Spannend erzählt

Wenn auch die Geschichte da und dort etwas dick aufgetragen wirkt, so ist sie doch spannend erzählt und sehr gut in Szene gesetzt. Roman Rausch vermag mitzureißen und zu überzeugen. Sein Roman ist ein feinfühlig und umsichtig geschriebenes Gesellschaftsportrait, das zum Nachdenken anregt. Seine Figurenzeichnung ist gelungen und passt sich dem schwierigen Thema bestens an. So bekommt der Leser hier einen gelungenen historischen Roman vorgelegt, der zwar beklemmende Szenen enthält, aber von Überlebenswille und Hoffnung lebt.

Die Kinderhexe

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