Das Schwert und die Lämmer

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Blanvalet, 2011, Titel: 'Das Schwert und die Lämmer', Originalausgabe

Couch-Wertung:

87
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Kirsten Lambeck
Eine einfache Magd auf Pilgerreise

Buch-Rezension von Kirsten Lambeck Nov 2011

Kurzgefasst:

Im Jahre 1212 taucht ein junger Schafhirte vor dem Kölner Dom auf und ruft die Armen und die Kinder zur Befreiung des Heiligen Landes auf. Tausende schließen sich ihm an, darunter auch Madlen, eine in Ungnade gefallene Magd, die ihre beiden Söhne nicht alleine ziehen lassen will. Ständig dem Hungertod nahe führt der Kreuzzug der Kinder quer durch Deutschland. Unzählige Gefahren und Intrigen sind zu überstehen, aber Madlen hält zu ihren Söhnen. Doch in den Alpen wird sie von ihnen getrennt. Wie weit kann Madlen gehen, um ihre Söhne wiederzusehen?

 

Die Witwe Madlen lebt ein einfaches Leben im Rheinland des 13. Jahrhunderts: mit ihrer Arbeit als Magd auf der nahen Burg bringt sie sich, ihre betagte Mutter und ihre Schwestern durch. Nur zwei ihrer Kinder haben die ersten Jahre überlebt, Hugo und Konrad sind schon seit Jahren bei einem Schreiner in Köln in der Lehre. Um die Söhne wiederzusehen und ihnen die Nachricht vom Unfalltod ihres Vaters zu bringen, plant Madlen eine Pilgerreise zu den Heiligen Drei Königen nach Köln

In Ungnade gefallen

In letzter Minute verbietet ihr Dienstherr die Reise, Madlen aber fährt trotzdem mit dem Pilgerschiff. Die junge Witwe, zunächst völlig überfordert mit dem ungewohnten Treiben der Großstadt, fällt auf der Suche nach den Söhnen auf einen der Mitreisenden herein, der sie, statt ihr die Werkstätten der Schreiner zu zeigen, in der erstbesten dunklen Gasse zu vergewaltigen versucht. Sie schlägt den Mann nieder und kann spätestens jetzt nicht mehr ohne weiteres in ihr Heimatdorf zurückkehren.

Ein Schafhirte ruft zum Kinderkreuzzug

Madlen findet ihre Kinder schließlich in einer Menschenmenge, die einem Wanderprediger zuhört: Nicolaus, ein Schafhirte, ruft die Kinder und Armen zu einem Kreuzzug ins heilige Land auf. Der charismatische Redner zieht auch Madlen in ihren Bann. Hugo und Konrad sind entschlossen, Nicolaus, der Befehle von einem Engel erhalten haben will, zu begleiten. Madlen, die ihre Kinder nicht schon wieder verlassen will, zieht mit der Menge nach Süden - der Beginn des später als deutscher Zweig des Kinderkreuzzuges in die Geschichte eingegangenen Pilgerzuges vor allem aus Knechten, Mägden und anderen Angehörigen der unteren Schichten.

Hunger und strenge Regeln

Zunächst scheint sich alles zum Guten zu wenden: Die Menschen in den Dörfern am Ufer des Rheins spenden der Pilgergesellschaft reichlich und Madlen und ihre Jungen bekommen mehr zu essen als je zuvor. Sie erregt die Aufmerksamkeit von Nicolaus und wird seine Beraterin und Vertraute. Auch Diego, ein spanischer Reisender, bietet dem Prediger seine Dienste als Führer an: ihm ist als einzigem die Reiseroute nach Jerusalem vertraut. Im Laufe der Reise wendet sich das Blatt: der Kreuzzug wächst auf mehrere tausend Teilnehmer an, gleichzeitig verschließen mehr Städte und Klöster den Pilgern die Tore: es hat sich herumgesprochen, dass der Kreuzzug Jugendliche, Novizen und Gesinde - und damit dringend benötigte Arbeitskräfte - anzieht. Außerdem wirkt der Anführer Nicolaus zunehmend wahnsinnig und löst Konflikte innerhalb der Reisegesellschaft immer brutaler. Er überwacht die Rationierung des Essens und die Einhaltung strenger Verhaltensregeln mit Hilfe einer ihm unbedingt gehorsamen Gruppe von Anhängern innerhalb des Kreuzzuges.

Scheitern am Mittelmeer

Schließlich steht die Überquerung der Alpen bevor, der Gotthart-Pass stellt sich als unpassierbar heraus, weil ein feindliches Heer diesen besetzt hält. Immer wieder geraten die Kreuzfahrer in Gefechte und Lawinen, immer wieder gibt es Tote. Madlen fühlt sich immer mehr dem Spanier Diego verbunden, während sie sich ihren Söhnen, die als Nicolaus' Schergen arbeiten, zunehmend entfremdet. Sie macht jedoch eine für sie schockierende Entdeckung: Diego ist Jude. Schließlich wird Madlen von der Pilgergesellschaft getrennt. Erst am Mittelmeer trifft sie wieder auf die Reste der Kreuzfahrer: Das Meer hat sich nicht wie erwartet vor ihnen geteilt, Sklavenhändler haben die Pilger in ihre Gewalt gebracht und an Sarazenen verkauft. Erneut begibt sich Madlen mit Diego auf die Suche nach ihren Söhnen.

Begrenzter Horizont macht Madlens Rolle authentisch

Kerns Roman erzählt gekonnt von den Lebensverhältnissen einer Magd im hochmittelalterlichen Rheinland. Besonders ihr zu Beginn sehr begrenzter Horizont und die alles bestimmende Frömmigkeit prägen Madlens Rolle, ein wohltuender Kontrast zu so vielen Heldinnen historischer Romane, die mit Werten und Sichtweisen gerade aus unserer Zeit gefallen zu sein scheinen. Madlens durch und durch mittelalterliche Sicht auf die Dinge der Welt macht den Roman zu einer Besonderheit. Leicht unrealistisch ist allerdings ihre rasche Entwicklung zur professionellen Reisenden und Vertrauten und Beraterin des Wanderpredigers.

Schwerpunkt: Zwischenmenschliches

Kern legt einen Schwerpunkt auf die Entwicklung der Menschen und ihrer Beziehungen untereinander auf dem langen und beschwerlichen Weg in Richtung Mittelmeer: da ist zum einen die Gemeinschaft einiger Pilger rund um Madlen, die sich allabendlich am selben Feuer trifft, die Kleinfamilie aus Madlen, Hugo und Konrad, die Führungsriege des Kreuzzuges mit Nicolaus und seinen Helfern und nicht zuletzt die Beziehung zwischen Madlen und Diego. Dessen Motivation, einen christlichen Kreuzzug zu begleiten und zu unterstützen bleibt allerdings schwer nachvollziehbar.

Lohnender Blick auf spannende Ereignisse

Der Spannungsbogen des - durch den Inhalt als Roadmovie angelegten - Romans ist eher kleinschrittig angelegt: immer wieder ergeben sich kleinere und größere Konflikte und Schwierigkeiten, dem Leser ist das Scheitern der Unternehmung schon recht früh klar - hätte sich das Mittelmeer im 13. Jahrhundert auf Geheiß eines Schafhirten geteilt, wüsste die Weltgeschichte davon. Doch es gelingt, die Spannung auch über diesen Punkt hinaus zu halten: Madlen muss ihre Söhne finden. Die letzten Seiten bescheren noch einmal einen überraschenden Wendepunkt, der Madlens Bild von ihren Söhnen gehörig ins Wanken bringt.

Insgesamt ein lohnender Blick auf einen wenig bekannten Aspekt mittlalterlicher Frömmigkeit.

Das Schwert und die Lämmer

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