Léon und Louise

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Hanser, 2011, Titel: 'Léon und Louise', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Kirsten Lambeck
Die Liebende am offenen Sarg

Buch-Rezension von Kirsten Lambeck Okt 2011

Kurzgefasst:

Es ist die große Liebe: Léon und Louise begegnen sich an der Atlantikküste im Ersten Weltkrieg, doch dann reißt ein Fliegerangriff die beiden auseinander. Sie halten sich für tot. Léon heiratet, doch Louise, von leidenschaftlichem Temperament, geht ihren eigenen Weg - bis sie sich 1928 zufällig in der Pariser Métro wiederbegegnen. Der Beginn einer Dreiecks-Geschichte, die den Widrigkeiten des Lebens mit Aufrichtigkeit, Humor und Beharrlichkeit standhält.

 

Alex Capus Roman beginnt mit einer wirklich großen Szene im Jahre 1986, in der Kathedrale von Notre Dame: Léon liegt aufgebahrt am Altar, die Trauergemeinde ist versammelt, unter ihnen auch Léons Enkel, der die Geschichte erzählt. Da betritt eine alte Dame die Kirche, tritt zum offenen Sarg, küsst den Toten und geht wieder, nicht ohne die andächtige Stille zweimal mit einer altmodischen Fahrradklingel zu zerreissen und allen Anwesenden in die Augen zu blicken: Louise.

Liebe in schwierigen Zeiten

Die eigentlich historische Handlung setzt 1918 ein: Léon, ein 17jähriger Rumtreiber, wird von seiner Familie genötigt, eine Anstellung als Morseassistent in einem kleinen Ort nahe der französischen Atlantikküste anzunehmen. Zum ersten Mal ist er auf sich allein gestellt, weit weg von Freunden und Familie. Bereits auf der Hinfahrt per Fahrrad begegnet ihm die junge Louise, die wie er von den Kriegsereignissen in das Dorf verschlagen wurde. Léon verliebt sich bald in die junge, starke Frau, die nichts von ihrer Herkunft verrät. Louise gibt sich zunächst unnahbar, doch bald nähern sich die beiden jungen Leute an. Höhepunkt der Beziehung ist ein Fahrradausflug ans nahe Meer - Léon und Louise genießen das Leben als verliebte junge Menschen. Doch auf dem Heimweg ereignet sich das Unfassbare: Sie geraten in einen Fliegerangriff.

Wiedersehen nach Jahren

Léon erwacht erst Tage später in einem Lazarett und erfährt zu seinem Entsetzen, Louise sei tot. Auch im Dorf wird nie wieder von ihr gehört - das Leben im Nachkriegsfrankreich muss weitergehen. Zehn Jahre später lebt Léon in Paris, ist verheiratet und Vater eines Kindes, seine Frau Yvonne wieder schwanger. Den Lebensunterhalt verdient er als Chemiker. Dann, in der Metro, zunächst nur als flüchtiger Blick, begegnet ihm Louise. Während Léon hilflos und verwirrt ist, begegnet seine Frau der Situation mit Größe: Léon muss Louise suchen, er wird sonst nie wieder glücklich sein. Für Léon bleibt immer klar: er wird bei seiner Familie bleiben und für sie sorgen - auch Louise erwartet nichts dergleichen. Trotzdem bleiben die beiden einander immer verbunden, bis der nächste Weltkrieg seine Schatten nach Paris wirft und die beiden Liebenden mit neuen Trennungen konfrontiert.

Szenen mit Gänsehautgarantie

Léon und Louise ist eine der ganz großen Liebesgeschichten: Capus erzählt das Suchen, Finden und Verlieren dieser beiden Menschen so unaufgeregt und klar, dass viele Szenen Gänsehaut verursachen. Nicht nur die Anfangsszene, in der es dem Autor gelingt, über etliche Seiten und viele Zwischengedanken die Spannung in der Kathedrale zu halten, auch viele andere Begegnungen der beiden bleiben im Gedächtnis. Naturgemäß ist Léon derjenige der beiden, von dem der Leser mehr erfährt und mit dem er mehr mitfühlt, erleben wir die Handlung doch als Erzählung des Enkels. Capus macht Léons Dilemma, zwischen der großen Liebe und der Familie zu stehen, auf jeder Seite nachvollziehbar. Louise bleibt, auch ihrer Natur gemäß, geheimnisvoll und wenig greifbar.

Keine Klischees

Capus begegnet der Situation ganz ohne die üblichen Klischees. Da gibt es keine gute und böse Frau, kein "Du musst dich entscheiden!", keine klare Handlungsmaxime. Léon, Louise und auch Yvonne finden einfach eine Art, mit ihren Beziehungen zueinander umzugehen, ohne einander mehr als nötig zu verletzen. Dabei sind die beiden Liebenden so verschieden: Léon ist die Mensch gewordene Zuverlässigkeit und Verantwortung, Louise wie immer geheimnisvoll und weit entfernt von allen Konventionen. Louises Kriegserlebnisse scheinen fantastisch und kaum zu glauben (der französische Staatsschatz im Senegal spielt darin eine tragende Rolle), aber einer Frau wie Louise sind auch diese Erfahrungen zuzutrauen.

Eine wunderschöne, einfache Sprache ohne jeden Kitsch

Besonders beeindruckend sind aber die Beschreibungen des sich verändernden Frankreichs in der Zeit der Weltkriege. Da wird erzählt, wie Léon und sein Sohn aus dem Fenster blicken und der Soldat, der immer an einer bestimmten Stelle auf der Straße steht, eines Morgens eine andere Farbe trägt: Die Deutschen sind in Paris einmarschiert, weitgehend ohne Kämpfe, das Alltagsleben geht weiter. Capus bedient sich dabei einer ganz einfachen, sehr stilsicheren Sprache, die den Roman zu großer Literatur macht. Immerhin erreichte Léon und Louise absolut verdient die Longlist des Deutschen Buchpreises 2011. Trotzdem bleibt er vor allem eines: eine wunderbar leicht zu lesende historische Liebesgeschichte ohne jeden Kitsch.

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