Windzeit, Wolfszeit

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Verbrecher, 2011, Titel: 'Windzeit, Wolfszeit', Originalausgabe

Couch-Wertung:

79
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Carsten Jaehner
Interessanter Einblick in Islands Geschichte

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2011

Kurzgefasst:

Island im 13. Jahrhundert. Snorri Sturluson, heute als Verfasser der "Edda" bekannt, ist einer der mächtigsten und reichsten Männer der Insel. Mehrere Wahlperioden lang bekleidete er das einzige Staatsamt des als Republik freier Bauern verfassten Landes. In seiner Rolle als "Verkünder der Gesetze" tarierte er die Interessen der großen Familien aus und sicherte Island auf diese Weise ein fragiles Gleichgewicht. In den letzten sechs Jahren seines Lebens zerreißt dieses sorgsam geknüpfte Netz seiner Verbindungen. Familienzwiste und Fehden zwischen den führenden Clans sowie außenpolitische Verwicklungen, die nach Norwegen und in den Konflikt zwischen dem Papst und dem Kaiser führen, stürzen Island in einen erbitterten Bürgerkrieg. Auch Snorri Sturlusons persönliches Schicksal bleibt davon nicht unberührt.

 

Island, 1235. Snorri Sturluson bekleidet auf der Insel das Amt eines Verkünders der Gesetze, die auf dem Althing beschlossen werden. Island ist zu dieser Zeit unabhängig und hat auf ein reguläres Staatsoberhaupt verzichtet. Natürlich schauen die Norweger gierig auf die Insel. Snorri gerät in die Gefangenschaft der Norweger und soll nach Island zurückkehren, um dort die politischen Ränkespiele in Ordnung zu bringen.

Einige Familien versuchen in Island, die Macht zu übernehmen, darunter auch die Suturlungen, zu denen auch Snorri gehört. Snorri kehrt 1239 zurück in seine Heimat Reykholt und stellt fest, dass seine Familie bereits mitten in die Kämpfe verwickelt ist. Mit Hilfe seines unberechenbaren Sohnes Órækja und der moralischen Unterstützung seiner Frau Hallveig ruft er die Familie auf dem Hof Sauðafell zusammen, um mit den verbliebenen Sturlungen die Zukunft der Familie zu planen.

Es beginnt eine Reihe von Kämpfen und Schlachten, an deren Ende Snorri 1241 von seinen Schwiegersöhnen erschlagen werden wird. Zwanzig Jahre später fiel Island an Norwegen. Doch neben seinen Kämpfen zählt vor allem die Edda-Dichtung Snorris zu seinen berühmtesten Hinterlassenschaften, die seinen Namen bis heute mit Islands Geschichte verweben.

Komplizierte Politik Islands

Mit seinem ersten Roman Windzeit, Wolfszeit, gleichsam ein Zitat aus der Edda, wagt sich der Island-Experte und Übersetzer Karl Wetzig an ein für die Isländer wichtiges Stück Geschichte. Snorri Sturluson war nicht nur ein bedeutender Staatsmann, sondern auch der Verfasser der Edda, Islands gewichtiger Sagensammlung. Wetzig erzählt in seinem Roman die letzten sechs Jahre bis zu Snorris gewaltsamem, seinerzeit also eher natürlichem Tod.

Über allem schweben die damaligen politischen und kulturellen Verhältnisse, die den Hintergrund für die Geschichte bilden. Wetzig versteht es, die Informationen immer wieder einzustreuen und den Leser nicht mit Unnützem zu überfordern. Snorris Vorgeschichte wird immer wieder eingeflochten und somit auch die Ausgangssituation aufbereitet, mit der der Roman startet. Gelegentlich verwirren die Fülle an Namen und die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse, was aber nicht so sehr dem Autor anzulasten ist, denn er kann ja nichts dafür, dass es nachweislich tatsächlich so gewesen ist. Allerdings hilft hier auch der Stammbaum, der als Zugabe dem Roman angefügt ist.

Wetzig versteht es, den Leser in die mittelalterliche Atmosphäre Islands und Norwegens zu holen und verbreitet somit eine realistische Stimmung. Man spürt das Wetter und die raue Insel in jedem Satz, und man merkt, dass der Autor selber lange Zeit auf Island gewesen ist. Seine Kenntnis der isländischen Geschichte und seine Tätigkeit als Übersetzer von isländischer Literatur liefern ihm einen guten Hintergrund für seine Erzählweise.

Wenig Edda

Snorri hat ein bewegtes Familienleben, das in dem zweiteiligen Roman beschrieben wird. Der erste Teil "Windzeit" verläuft noch recht friedlich, und Snorri ist eigentlich nicht so sehr die handelnde Person. Erst in "Wolfszeit" beginnen die kriegerischen Handlungen, wie der Titel schon vorausahnen lässt. Der kluge Aufbau des Romans hilft dem Leser, sich in dem komplizierten Gefüge zurechtzufinden.

Leider nimmt die Niederschrift der Edda einen recht geringen Teil des Romans ein, und man hätte sich mehr Bezug auf diesen Teil von Snorris Biografie gewünscht, zumal er heute hauptsächlich deswegen bekannt ist. Auch Parallelen zwischen den Sagen und Snorris Leben werden nur in Ansätzen gezogen, und so wurde leider auch die Chance vertan, den Lesern die Edda näher zu bringen und vielleicht dafür zu interessieren.

Island für Fortgeschrittene

Dennoch ist der Roman lesenswert, vielleicht mit leichten Abstrichen wegen der Tatsache, dass an manchen Stellen das Gefühl überwiegt, einiges aus der Vergangenheit übersehen zu haben, was der Autor vielleicht als bekannt voraussetzt. Ein interessantes Nachwort (von dem sich den Teil über historische Romane im Allgemeinen vielleicht hätte sparen können) erzählt den Fortgang nach Snorris Ableben und schließt somit einen für Islands Geschichte wichtigen Kreis. Ein Stammbaum und eine Karte Islands ergänzen den Anhang.

Letztlich ist der Roman vielleicht aber eher nicht für Leser geeignet, die noch nie einen Roman über Island gelesen haben. Die Edda und die Beschäftigung damit setzen doch einiges an Hintergrundwissen voraus, das leider in diesem Roman nicht weitergegeben wird. "Fortgeschrittene" Island-Leser werden hier jedoch bestens bedient. Dass der Verbrecher Verlag seinen Büchern allerdings nur einfarbige Cover gestattet, die nichts über den Inhalt verraten, ist schade und könnte einige interessierte Leser vom Kauf des Buches abhalten.

Windzeit, Wolfszeit

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