Die Frau des Ratsherrn

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Blanvalet, 2011, Titel: 'Die Frau des Ratsherrn', Originalausgabe

Couch-Wertung:

91
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Daniela Loisl
Überzeugend, fesselnd und sich von der Masse deutlich abhebend

Buch-Rezension von Daniela Loisl Okt 2011

Kurzgefasst:

Hamburg, 1269: Nach der nicht standesgemäßen Liebeshochzeit mit dem Ratsherrnsohn Albert, beginnt für die junge, mittellose Dänin Ragnhild ein Leben in Feindschaft mit Rat und Kirche. Als die Kogge ihres Gemahls während einer Flandernreise sinkt, bleibt sie schutzlos im Kreise ihrer missgünstigen Familie zurück. Trotz allem entschlossen, den totgesagten Albert zu finden, gerät sie zwischen die Fronten der Macht. Sie erfährt Verrat und Unterdrückung aber auch Freundschaft und Liebe, bis ein gewaltiger Stadtbrand ihre Zukunft für immer dramatisch verändert...

 

Ragnhild ist eine einfache Magd, die auf tragische Umstände ihre Eltern verlor und im Haus des Ratsherrn Holdenstede Zuflucht fand. Als der jüngere Sohn des Hauses, Albert, sich in Ragnhild verliebt, tobt sein Vater. Nicht nur, dass Albert weit unter seinem Stand heiratet, er löst so auch das bereits seit langem arrangierte Verlöbnis mit der Tochter eines Handelspartners seines Vaters auf. Albert, der von seinem Vater stets gegenüber seinem älteren Bruder Conrad bevorzugt wurde, weiß, dass er mit einer Strafe für sein Vergehen wird rechnen müssen.

Als der alte Conradus von Holdenstede stirbt, packt Conrad die Gelegenheit beim Schopf, fälscht das Testament und kann so endlich über den so von seinem Vater bevorzugten Bruder herrschen. Für Ragnhild und Albert bricht eine sehr schwere Zeit an, denn bis zu Alberts fünfundzwanzigsten Geburtstag muss er alle Weisungen seines Bruders befolgen und dieser lässt sich immer perfidere Gemeinheiten einfallen, um den verhassten Bruder loszuwerden.

Sensible und sensuelle Darstellung der Vergangenheit

Schon nach dem Lesen weniger Seiten weiß man, dass sich dieses Buch von der Masse historischer Romane, die den Markt derzeit überschwemmen, positiv heraussticht. Nicht nur sprachlich überrascht die frischgebackene Autorin, sondern auch der Erzählstil, aber vor allem die sehr ungewöhnliche und klischeefreie Geschichte ist es, die den Leser bis zum Schluss des Buches nicht mehr loslässt.

Joël Tan nimmt den Leser regelrecht bei der Hand und führt ihn durch das Hamburg des 13. Jahrhunderts. Ob die Gestaltung der Häuser und Kirchen, die Beschaffenheit der Straßen und Gassen, das Leben und Treiben am Markt und im Hafen, alles wirkt authentisch und wird einem auf cineastische Weise vor Augen geführt. Einen sehr guten Überblick zeichnet Tan über die Hierarchien in der Gesellschaft und den Stellenwert der Frau an sich. Man erfährt auf sehr interessante Weise viel über den Handel und das Reisen der Kaufmänner, das nie ohne Gefahr war. Tan bieten ein buntes Panoptikum des 13. Jahrhunderts in der damals noch relativ kleinen Stadt Hamburg.

In der Erzählung geht es im Grunde um kein innovatives oder noch nie da gewesenes Thema, denn von Frauen, denen Unrecht geschieht und die unterdrückt werden, handelt schließlich ein großer Prozentsatz dieses Genres. Es ist die Umsetzung des Themas selbst, die der Autorin grandios gelungen ist und sich so vom üblichen Mainstream deutlich hervorhebt.

Spannung zum Nägelkauen

Joël Tan stellt den Leser in eine Position, die ihm stets erlaubt, mehr zu wissen als die Protagonisten und dadurch hofft und bangt man mit den Figuren, fühlt ihren vermeintlichen Schmerz, möchte eingreifen in das unglaubliche Unrecht das hier geschieht. Tan lässt nicht, wie man es aus vielen historischen Romanen kennt, in letzter Sekunde noch einen heldenhaften Retter auftauchen, der das Unrecht oder Unglück verhindert. Sie lässt ihre Figuren den Weg zu Ende gehen, zeichnet realistisch die Hochs und Tiefs des damaligen Lebens und die Willkür so manches angesehenen Mannes, dem die gesellschaftlich niedrigeren Standes ausgeliefert sind. Zwischendurch begleitet der Leser in verschiedenen Erzählsträngen, die parallel laufen, nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Antagonisten.

Beschleicht einem schon nach wenigen Seiten des Lesens dieser Geschichte ein zwiespältiges Gefühl, ob man dieser Geschichte aufgrund des massiven Unrechts und der Dramatik die hier passiert, wirklich weiterlesen will, so ist man ohne es zu wissen derselben schon mit Haut und Haaren verfallen. Man kann sich dem Sog nicht mehr entziehen und will wissen, ob es die Autorin wirklich zulässt, ihre Figuren so gegen den Strom schwimmen zu lassen. Ohne es zu merken wachsen einem die Figuren ans Herz und dies nur durch ihre charakterlichen Züge als durch ihre äußere Darstellung, die die Autorin sehr geschickt und wie nebenbei in die Erzählung mit einfließen lässt. Dennoch ist es nicht so, dass man die "Bösen" des Romans eben nur als solche sieht, denn immer wieder versteht es Joël Tan, auf sehr feinfühlige Weise durchblitzen zu lassen, warum der eine oder die andere gar so kalt und rücksichtslos agiert und beim Leser vielleicht so etwas wie Verständnis gewinnt, wenngleich das Handeln der Person unakzeptabel ist. So sind die Figuren nicht in schwarz/weiße Schablonen gepresst, sondern erscheinen sehr wohl wandelbar und entwicklungsfähig.

Der Schluss überrascht, denn er ist nicht in der Form wie man ihn nach über 600 so ungewöhnlichen Seiten erwartet hätte.

Eine zusätzliche Bereicherung zum Buch sind die Karten, die vorne und in den hinteren inneren Umschlagseiten zu finden sind. Ein Buch, das als Taschenbuch zweifelsfrei schön und mit Liebe aufgemacht wurde, für das man sich aber dennoch eine schöne gebundene Aufmachung gewünscht hätte, denn diese hätte dieser Debutroman zweifelsfrei verdient.

Joël Tan - eine Autorin, die man sich unbedingt merken sollte!

Die Frau des Ratsherrn

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