Der Henker von Lemgo

  • Emons
  • Erschienen: Januar 2011
  • Emons, 2011, Titel: 'Der Henker von Lemgo', Originalausgabe
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Annette Gloser
91

Histo-Couch Rezension vonOkt 2011

Bezauberndes Lemgo

Kurzgefasst:

MItte des 17. Jahrhunderts: Ihre Großmutter wurde als Hexe verbrannt, ihr geliebter Lehrer vor ihren Augen als Hexer hingerichtet. Maria, die reiche Tochter des Dechen und Ratsherrn von Lemgo, Curd Rampendahl wird als Einzige von achtzehn Schülern verschont. Doch seitdem folgt ihr der Ruf, eine Hexe zu sein. Ihr Leben liegt in der Hand des Bürgermeisters und unerbittlichen Hexenverfolgers Hermann Cothmann. In Liebe zu ihr entbrannt, vermag er den Lauf ihres Schicksals zu ändern. Doch sie verweigert sich ihm und besiegelt damit ihr Todesurteil. Ein dramatischer Kampf um Leben und Liebe beginnt, bei dem es keine Gewinner geben kann...

 

Im 17. Jahrhundert. Schon als Kind wird Maria Rampendahl zum ersten Mal beschuldigt, eine Hexe zu sein. Ihre Großmutter Salmeke wird als Hexe verbrannt, aber Maria entgeht einer weiteren Verfolgung. Ihr Vater Cordt, der angesehene Deche des Brauer- und Bäckerhandwerks, tut alles, um sein geliebtes Kind zu schützen und vor Unheil zu bewahren. Aber als Marias Schulmeister Hermann Beschoren und seine Frau als Zauberer und Hexe angeklagt werden, gerät Maria erneut in Verruf. Ihre ganze Schulklasse wird beschuldigt, das Hexenhandwerk bei Beschoren gelernt zu haben. Alle Kinder werden nach Detmold in eine Anstalt gebracht. Maria allerdings darf bei ihren Eltern bleiben, denn Cordt Rampendahl verweigert die Herausgabe seiner Tochter. Aber er muß machtlos mit ansehen, wie sein Lehrjunge Peter von den Bütteln verschleppt wird, um nie mehr zurück zu kehren.

Maria wächst zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Schon früh zieht sie die Blicke auch wesentlich älterer Männer auf sich. Zu ihnen gehört auch Hermann Cothmann, der später als "Hexenbürgermeister" in die Geschichte der Stadt eingehen wird, ein grausamer und sadistischer Mann. Als Maria es ablehnt, seine Geliebte zu werden, setzt er alles daran, sie zu vernichten.

Aber noch ein anderer Mann liebt die junge Frau: David Claussen, der wilde, gut aussehende Henker. Und auch Maria liebt ihn. Beide wissen, daß ihre Gefühle verborgen bleiben müssen, ist doch Claussen ein verheirateter Mann und als Henker zwar reich und geachtet, aber eben auch gefürchtet. Aber immer wieder erweist er sich für Maria als Retter in der Not, selbst als sie selbst schon verheiratet ist.

Währenddessen lodern in Lemgo die Scheiterhaufen, immer mehr Menschen fallen dem Hexenwahn und der Habgier des Bürgermeisters zum Opfer. Die Kreise um Maria ziehen sich enger und enger. Es kommt der Tag, an dem sie David wieder gegenüber steht, aber diesmal ist es in der Folterkammer.

Fundierte Recherche trifft Phantasie

Birgit Szrama beschreibt in ihrem Roman die vierte (und letzte) Welle der Hexenverfolgung in Lemgo. Die Romanhandlung setzt 1654 ein und endet 1681 mit dem Prozeß gegen Maria Rampendahl. Beim Lesen wird deutlich, daß die Autorin hier umfangreiche Recherche betrieben hat und ihr Sujet bestens kennt. Zwar entspricht die Liebesgeschichte zwischen Maria und David vermutlich eher nicht den historischen Tatsachen, aber die historischen Personen wurden von Birgit Szrama zu wunderbar lebensvollen Charakteren mit den unterschiedlichsten Charaktereigenschaften geformt. Offenbar wurde hier die Phantasie mit sehr viel Fingerspitzengefühl eingesetzt, um die trockenen Fakten der Archive mit Leben zu erfüllen. Entstanden ist ein pralles, buntes Panorama, ein mitreißender Roman um ein grausames Stück Geschichte und ein dramatisches Leben. Dabei bieten Maria Rampendahl und David Claussen mit ihrem realen Leben allerdings auch eine Steilvorlage für eine Liebesgeschichte. Daß daraus letztendlich keine romantisierende Schmonzette geworden ist, verdankt der Leser wiederum dem Gespür von Bettina Szrama für Realität und Dramatik, vorsichtig mit Phantasie ergänzt. Und so ist die Geschichte dieser Liebe glaubhaft geworden, eingewoben in den historischen Kontext und mit harten Fakten ergänzt.

Die Autorin hat es geschafft, viele Menschen auf den Buchseiten wieder lebendig werden zu lassen, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts tatsächlich in Lemgo lebten. Viele von denen, die Maria Rampendahls Lebenswege kreuzen, müssen den Weg zum Scheiterhaufen antreten. Und so wird ihnen mit diesem Buch auch ein Denkmal gesetzt, ähnlich dem "Stein des Anstoßes", der in Lemgo an die vielen Todesopfer der Hexenverfolgung erinnert.

Das selbstverständliche Grauen

Der Henker von Lemgo ist ein Buch der Emotionen. Hier wird zwar flott erzählt, aber sowohl die Protagonisten als auch die Leser werden in eine wahre Achterbahn der Gefühle gestürzt. Dabei reicht die Palette vom nackten Entsetzen über Mitgefühl bis zu Freude. Deutlich wird dabei auch, wie sehr der Hexenglauben in den Köpfen der Menschen verwurzelt war, wie selbstverständlich sie die Verfolgung vermeintlicher Hexen als Notwendigkeit hinnahmen. Dabei spielte es offenbar für viele keine Rolle, ob eigene Familienangehörige oder Freunde betroffen waren. Kaum eine Familie in der Stadt, die nicht ein Familienmitglied an den Henker verlor. Das zauberhafte Lemgo ist nach dem verlustreichen Dreißigjährigen Krieg zur Todesfalle für seine Bewohner geworden.

Dagegen steht die Familie Rampendahl mit ihren Freunden. Der aufbrausende Vater Cordt, die schöne Maria mit dem flinken Mundwerk, die geradlinige Mutter Catharina, der Pastor Andreas Koch und die Ehemänner Marias und Margarethes. Nur langsam und allmählich regt sich der Widerstand gegen die Hexenjäger. Bettina Szrama zeigt ihren Lesern sehr deutlich, wie mühsam sich Vernunft und Humanismus durchsetzen, wie viele Opfer es auf dem Weg gibt. Gerade die eher nüchterne Perspektive der Lemgoer beim Blick auf die vielen Hexenprozesse macht dies deutlich. Die Autorin beginnt ihren Spannungsbogen auf den ersten Seiten und schafft es, ihn bis zur letzten Seite durchzuhalten. Es gibt im Text auch keine Längen, die vom Leser überwunden werden müssten. Dafür sorgen zahlreiche kleine und große Konflikte und nicht zuletzt die immer wiederkehrenden, dramatischen Begegnungen zwischen Maria und David. Aber auch die Schilderung des Alltags in der kleinen Stadt, des Lebens und der täglichen Verrichtungen in einem wohlhabenden Bürgerhaushalt werden im Roman mit viel Freude am Detail geschildert.

Spannend und informativ

Der Henker von Lemgo ist sicher nicht jedermanns Sache. Der Roman ist sehr fokussiert auf die Hexenverfolgung. Aber wer sich für dieses Thema interessiert, ist mit diesem Buch bestens bedient. Der Leser bekommt reichhaltige und gut recherchierte Informationen, liebevoll verpackt in einen lebendigen, fesselnden Roman. Die Covergestaltung ist sicher Geschmackssache, der Emons-Verlag hat hier ein recht sentimentales Gemälde präferiert. Der Inhalt des Buches jedoch ist keineswegs sentimental sondern Histofutter vom Feinsten. Ein Buch, das jederzeit empfohlen werden kann.

Der Henker von Lemgo

, Emons

Der Henker von Lemgo

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