Die Alchemie der Nacht

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Rütten und Loening, 2011, Titel: 'Die Alchemie der Nacht', Originalausgabe

Couch-Wertung:

68
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Carsten Jaehner
Über die Anfänge der Homöopathie

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2011

Kurzgefasst:

Deutschland im Jahr 1780: Der junge Medizinstudent Christoph Wilhelm Hufeland wird Zeuge, wie ein Kommilitone von einem Degenstoß niedergestreckt wird. Als die Leiche unter mysteriösen Umständen verschwindet, versucht er gemeinsam mit Helene, der Schwester des Toten, dieses Rätsel zu ergründen. Sie kommen einer blutigen Verschwörung auf die Spur - es geht um ein allmächtiges Heilmittel, skrupellose Menschenversuche an jungen Mädchen und die düsteren Machenschaften einer Freimaurerloge. Begleitet von Samuel Hahnemann, der seine Heilkunst der Homöopathie erst vollendet sieht, wenn er Gewissheit über eine letzte Frage gewinnt, begeben sie sich auf die Fährte einer geheimnisvollen Rezeptur, die ewiges Leben verheißt.

 

Christoph Wilhelm Hufeland ist ein junger Arzt, der sich 1780 nach Jena beigebt, um dort Medizin zu studieren. Er gerät er in eine Schlägerei mit Johann Vogt und dessen Freund Albert Steinhäuser. Dieser wird brutal von unbekannten zusammengeschlagen. Sie fliehen, und später erfahren sie, dass Albert bei der Schlägerei zu Tode gekommen sei.

Albert war von seinem Vater aus Königsberg nach Jena geschickt worden. Der Vater ist Apotheker und will seine Tochter Helene mit einem Medizinalrat verheiraten, um die Apotheke vor dem Ruin zu retten. Doch Helene flieht und sieht als einzigen Weg nur den nach Jena zu ihrem Bruder, worauf sie sich auf abenteuerlichen Wegen aufmacht. Als Helene in Jena ankommt, begegnet sie noch beim Aussteigen aus der Kutsche Hufeland, der gerade zu seinem Vater nach Weimar aufbrechen will. Er ist inzwischen durch Vogt in die Fänge einer Verbindung geraten, die Schuld ist am Tod Alberts und die auch Hufeland ins Visier genommen hat.

Auf der Suche nach einem allheilenden Geheimrezept kommt auch Samuel Hahnemann später nach Jena. Dieses Geheimrezept soll auch Albert Steinhäuser entdeckt haben, der wie Hufeland inzwischen festgestellt hat, gar nicht in seinem eigenen Grab lag und vielleicht doch noch lebt? Eine aufreibende Jagd beginnt, an deren Ende ein neuer Anfang in der Geschichte der Medizin steht.

Austauschbare Atmosphäre

Heike Koschyk, selbst Heilpraktikerin und Homöopathin, hat mit ihrem Roman Die Alchemie der Nacht den Anfängen der Homöopathie ein literarisches Denkmal gesetzt und dies in einen Roman um eine Geheimrezeptur mit Morden und einer geheimen Verbindung gepackt. Dabei sind die Hauptpersonen Hufeland und Hahnemann tatsächlich reale Personen, um die herum sie die teils auch überlieferte Handlung baut. Somit entstand ein Roman, der vieles in sich vereint, von raubeinigen Studenten bis zu Liebesgeschichten und Verschwörungstheorien, dazu reale Geschichte, und über allem schwebt der weit gebräuchliche Begriff der Alchemie, wenn auch anders verstanden als noch im Mittelalter.

Auch wenn Jena zur Zeit der Aufklärung ein Zentrum für Wissenschaften war, so gibt es doch verschiedene Handlungsorte in Koschyks Roman. Neben Königsberg sind dies in der Hauptsache Weimar, Leipzig, Berlin und einige weitere kleinere Ortschaften. Somit zeichnet die Autorin nicht nur ein Bild Jenas, sondern auch einer ganzen größeren Region und ihrer Zeit. Allerdings bleiben die Beschreibungen der Orte weitestgehend im Hintergrund und damit recht austauschbar, wenngleich sie historisch für die handelnden Personen verbürgt sind. Hier hätte mehr Bedacht drauf gelegt werden können, so dass auch mehr lokale Atmosphäre entstanden wäre. So bleibt die äußere Stimmung im Roman doch bisweilen recht trocken.

Grosse und verwirrende Zeitsprünge

Gerade zu Beginn des Romans herrscht auch einiges an Wirrwarr mit den Personen, was auch an ähnlichen Namen liegt, wofür aber die Autorin natürlich nichts kann. Allerdings dauert es auch recht lange, bis die eigentlich Handlung an Fahrt aufnimmt, und es ist auch lange nicht ersichtlich, was es denn mit der auf dem Cover angekündigten Homöopathie auf sich hat. Dies allerdings erschließt sich, wenn sich im Laufe der Zeit die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verbinden, was jedoch teilweise auch recht lange dauert.

Was den Leser aber seltsam anmuten lässt, sind die großen Zeitsprünge der verschiedenen Teile, in die das Buch aufgeteilt ist. Spielt der erste Teil noch 1780, findet der zweite Teil 1791/93 statt und der dritte (recht kurze) gar erst 1806. Dazwischen passiert nichts, und es wird auch nur wenig aus der Zeit nacherzählt, so dass man sich fragt, was denn die Figuren in dieser Zeit gemacht haben, ihre Nöte, ihre Forschungen, ihre Entwicklungen blieben dem Leser größtenteils verborgen. Gerade die Geschichte um Albert Steinhäuser schafft hier beim Leser doch einige Fragezeichen. Wer die Daten an den Kapitelüberschriften überliest, wird sich wundern, wenn von vergangenen Ereignissen die Rede war. Hier hätte man Übergänge schaffen können, die den Lesefluss glatter gestaltet hätten.

Spannende Medizingeschichte

Eine Stärke des Romans ist allerdings die Medizingeschichte, die interessant und schlüssig erzählt ist. Die Ansichten der verschiedenen Lager, der Kampf gegen die Scharlatanerie unter den Medikussen, die Forschungen mit ihren Rückschlägen und Fortschritten, das alles wird gut und schlüssig erzählt und ist bisweilen sogar spannend und lässt den Leser erfreut feststellen, was für ein Luxus es ist, in der heutigen Zeit zu leben und nicht vor 250 Jahren. Das geheime Verbindungen und Freimaurer ihre Finger mit im Spiel hatten, ist bekannt, dieser Aspekt, auch mit der erwähnten Verbindung, hätte für die Spannung des Romans gerne weiter ausgebaut werden können, doch gerade gegen Ende verschwindet dieser Aspekt leider in einer unnötigen Unwichtigkeit. Das ist schade, bleiben doch so einige Aspekte der ganzen Handlung letztlich im Dunkeln.

Die Charaktere sind ordentlich gezeichnet, und gerade Hufeland als vermeintliche Hauptperson macht auch eine ansehnliche Entwicklung vom Studenten bis zum Mediziner durch. Verbürgte Personenschicksale werden mit fiktiven Figuren verknüpft, doch es ist an einigen Stellen spürbar, dass es der Autorin leichter fällt, fiktiven Personen Leben einzuhauchen als realen.

Interessant und aufschlussreich und als Ergänzung in jedem Fall lesenswert sind die Anhänge des Romans. Hier werden nicht nur die Biografien Hufelands und Hahnemanns (und auch Johnssens, der interessanterweise im Roman so gut wie keine Rolle spielt) erzählt und somit in den Roman aufgeschlüsselt, es gibt auch noch einen Glossar und einen kleinen Aufsatz über die Anfänge der Homöopathie. Quellenhinweise und ein Dankeswort sind weitere Ergänzungen.

Insgesamt erzählt der Roman eine an sich spannende Geschichte mit hervorragenden Einblicken in die Medizingeschichte, aber mit Schwächen in der Dramaturgie und mit unausgewogenen Charakteren. Wer sich für die Anfänge der Homöopathie interessiert, liegt bei der Wahl dieses Romans richtig, muss aber Abstriche in der Handlung und in der Atmosphäre machen. Der Roman hinterlässt ein wenig einen zwiespältigen Eindruck, wie übrigens auch das Flexi-Cover des Verlags, einer Mischung aus Hardcover und Taschenbuch. Bleibt zu hoffen, dass sich sowohl Autorin als auch Verlag künftig auf eine striktere, eindeutigere Linie festlegen.

Die Alchemie der Nacht

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