Tage wie aus blauer Seide

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 2011, Titel: 'Tage wie aus blauer Seide', Originalausgabe

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Daniela Loisl
Lohnenswerte Einsicht in eine Familiengeschichte

Buch-Rezension von Daniela Loisl Okt 2011

Kurzgefasst:

Eine Augenerkrankung reißt Marlene aus ihrem Alltag. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Lebenskrise begibt sie sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit ihrer Vorfahren. Im zerissenen Europa der Weltkriege verbinden sich die Schicksale von Menschen aus Belgien, Deutschland und dem Saarland. Die Nachfahren des Droschkenfahrers Hellenbrecht aus Wiesbaden, des Schiffinspekteurs Mondier aus Antwerpen, des Bergmanns Jakobs aus Jägersfreude, des Eisenbahners Gerstner aus Saarbrücken und der Kriegswitwe Barbian aus einem Eifeldorf werden Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

Ein Foto aus den 20er Jahren prangt groß und unübersehbar auf dem Cover des Buches. Eine Familie, angezogen und hergerichtet für den Fasching. Der Fasching ist eine fröhliche und lustige Zeit, sollte man meinen; betrachtet man jedoch die Gesichter dieses Fotos etwas näher, so stellt man erstaunt fest, dass nur ein einziges Wesen dieser anscheinend großen Familie, so etwas wie einen Hauch von Lächeln auf den Lippen hat, alle anderen schauen todernst bis traurig drein. Das Cover verspricht nicht unbedingt ein leicht fröhliches Buch, doch so ungewöhnlich - und dennoch schön - das Cover, so ungewöhnlich auch die Geschichte selbst. Ein Generationsroman mit vielen Besonderheiten.

Ausgefallener, aber ansprechender Erzählstil

Man muss sich erst zurechtfinden in der erzählerischen Welt von Marion Hammes. Gerade der Einstieg in das Geschehen fordert die ganze Aufmerksamkeit des Lesers, denn die Erzählung beginnt nicht einfach mit chronologisch aneinandergereihten Kapiteln, sondern wechselt sowohl zeitlich als auch perspektivisch. Lässt man sich jedoch darauf ein, so findet man den Weg in das Leben der belgisch/deutschen Familie relativ schnell. So schnell zumindest, dass man Probleme haben wird, Realität und Fiktion zu trennen. Wie in einem alten Schwarzweißfilm, der nach und nach - zuerst mit blassen und dann mit immer kräftiger werdenden Farben - koloriert wurde, nehmen nicht nur die Menschen Form und Gestalt an, sondern auch das beginnende 20. Jahrhundert entfaltet sich cinemascopemäßig. Man erlebt die "gute, alte Zeit", spürt aber schon die Düsternis der unheilschwangeren Gewitterwolke als Vorbote zu den Weltkriegen.

Über das "Ungewöhnliche" in diesem Buch stolpert man schnell, wenn man das Gefühl bekommt, die eine oder andere Szene schon einmal gelesen zu haben. Dieses Gefühl jedoch trügt nicht, denn man liest gewisse Begebenheit sehr wohl nochmal, jedoch aus einem gänzlich anderen Blickwinkel. Sah man die Welt noch mit den Augen Marie-Joses Augen, so erblickt man kurze Seite später das Geschehen mit denen Heinrichs. Ist man zuerst irritiert, weicht dieses Gefühl schnell und macht freudigem Verstehen Platz, da sich einem erst durch diese unterschiedlichen Sichtweisen echte Sympathie, aber vor allem auch Empathie und Verständnis für die Figuren entwickelt.

Sprachlich perfekt und ausgereift

Dass Marion Hammes mit Sprache umgehen kann, zeigt sich in jedem meisterhaft gesetzten Wort, jedem Satz, jedem Kapitel. Nichts ist überflüssig, alles ist wohldurchdacht. Mag sich dies nun nüchtern darstellen, so ist dieser Roman aber alles andere als kalt und leblos. Hammes benötigt kein blumiges Beiwerk, keine überschwänglichen und gefühlsbetonten Ausschweifungen. Sie stellt die Welt so dar wie sie ist und wie sie war. Zeigt schonungslos die Probleme, mit denen die Menschen zu kämpfen hatten, die ihre Heimat verloren, den Mut und die Kraft, mit der sie darum ringen, in einem fremden Land nochmals ganz von vorne zu beginnen, auch wenn sie innerlich daran zu zerbrechen drohen. Und immer wieder wird die manchmal etwas bedrückende Atmosphäre unterbrochen, um Briefe oder Gedankensplitter zweier sich liebender Menschen einzuschieben, Erinnerungen wach werden zu lassen, Tagebucheintragungen oder philosophische Anekdoten einzufügen, die zum Nachdenken anregen.

Tage wie aus blauer Seide ist ein ausgesprochen schöner, intelligenter, aber auch sehr einfühlsamer Familienroman auf hohem Niveau. Sprachlich packend nimmt die Autorin den Leser mit und positioniert ihn wie ein Familienmitglied in die Sippe und gewährt ihm Einblick bis in Innerste sämtlicher Angehöriger.

Die Charaktere sind wie dem Leben entnommen und Ereignisse, die so nur das Leben selbst schreiben kann. Freude und Trauer, Erfolg und Niederlage, Gewinn und Verlust, alles liegt so nahe beieinander. Selten schafft es ein Autor, dem Leser eine Zeit über Jahrzehnte so authentisch darzustellen, dass man nicht ein einziges Mal infrage stellt, ob es diese Familie wirklich gegeben hat.

Ein wunderbares Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte und das noch lange im Gedächtnis haften bleibt.

 

Tage wie aus blauer Seide

Tage wie aus blauer Seide

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Letzte Kommentare:
01.03.2012 12:47:15
Bernhard Arens

Wer sich auf diese Lebensgeschichten einlässt, wird das Buch nach der Lektüre mit Dank zurücklegen für den ehrlichen Blick und die plastische Schilderung kontrastreicher Charaktere. Die Autorin versteht es, in einfühlsamer Sprache ausdruckvollen Metaphern und Bildern das Leben einfacher und sperriger aber immer mutiger Menschen unserer Zeit und aus der jüngeren Vergangenheit nachhaltig miterleben zu lassen.