Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 2010, Titel: 'Parle-leur de batailles, de rois et d\\\\\\\'éléphants', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Carsten Jaehner
Michelangelos unbekannt gebliebener Ausflug nach Konstantinopel

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Sep 2011

Kurzgefasst:

Als Michelangelo in Konstantinopel landet, weiß er, dass er damit den Zorn des Papstes Julius II. provoziert hat und befürchtet seine Exkommunizierung. Verärgert über die schlechte Zahlungsmoral des Papstes, hat er die Arbeit an dessen Grabmal in Rom als Baustelle zurückgelassen und ist nach Florenz geflüchtet. Aber wie hätte er die Einladung des Sultans Bajezid II., eine Brücke über das Goldene Horn, von Konstantinopel zum nördlichen Vorort Pera, zu bauen, ablehnen können? Es ist ein mit 50 000 Dukaten gut bezahltes Projekt, und umso reizvoller, als Leonardo da Vinci, sein ewiger Rivale, zwanzig Jahre zuvor daran gescheitert ist. Konstantinopel ist 1506 ein kosmopolitisches und tolerantes Handelszentrum, in dem sich Christen und Juden frei bewegen dürfen, Refugium der gerade erst von den katholischen Königen aus Spanien vertriebenen Juden, fremd und voller Verführungen für den asketisch lebenden, seinem Werk verpflichteten Michelangelo. Aber nach der Begegnung mit einer hermaphroditischen Schönheit aus Andalusien hat er die Vision einer Brücke, einer Brücke zwischen Orient und Okzident. Das Erdbeben von 1509 wird die Fundamente dieser Brücke zerstören, es bleiben nur die Spuren von Michelangelos osmanischer Episode in seinem späteren Werk.

 

Michelangelo ist verzweifelt. Er soll für Papst Julius II. in Rom ein Grabmahl bauen, muss aber auf Bezahlung und Besprechungen warten. Wütend verlässt er die Baustelle. Da kommt ihm ein Angebot aus Konstantinopel gerade recht. Er soll für Sultan Bajezid II. eine Brücke über das Goldene Horn bauen.

So reist Michelangelo im Jahr 1506 nach Konstantinopel. Erst hatte er sich geweigert, da aber bereits Leonardo da Vinci an dem Projekt gescheitert war, nimmt er die Herausforderung an. Begleitet vom Sultan-Vertrauten Mesihi sieht er sich die Stadt und die Stelle an, an der die Brücke gebaut werden soll. Dabei entwickelt sich zwischen ihm und Mesihi eine Art Freundschaft und Vertrautheit. Er macht sich viele Zeichnungen und Entwürfe, jedoch nicht von Brücken, sondern von vielen anderen Dingen, die ihn hier beeindrucken.

Michelangelo ist viel aus sich allein gestellt, saugt aber die Atmosphäre am Bosporus ein. Doch besteht auch immer die Gefahr, vom Papst erwischt zu werden, denn der weiß gar nicht, dass Michelangelo nicht mehr in Italien ist. Schließlich beginnt der Bau, doch Michelangelo wartet auf seine Bezahlung, wie er es bereits in Rom getan hat...

Kurz und gut

Mathias Énards kleiner, aber feiner historischer Roman Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten ist ein gelungener Einblick in eine bislang unbekannte Episode aus Michelangelos Leben, die zwar verbürgt, aber wenig belegt ist. Nur wenige Zeichnungen sind überliefert, auch da Vincis Entwurf der Brücke, und so hat der Autor einige Freiheiten, mit denen er seinen knapp 170 Seiten starken Roman verfeinert.

Es gelingt ihm, die Stimmung Konstantinopels einzufangen und den Leser an den Hof des Sultans zu führen. Michelangelo trifft auf Werte und Traditionen, die er aus Italien nicht kennt, und so beobachtet er alles noch schärfer als daheim. Dies kommt der Erzählung zugute, werden doch die Unterschiede der Kulturen hier deutlich, und die Atmosphäre wird dichter und authentischer.

Michaelangelos Anwesenheit betrug nur knappe drei Monate, und die Vollendung der Brücke hat er nicht mehr miterlebt (sie hat auch nur drei Jahre bis zu einem verheerenden Erdbeben gehalten), aber der Autor versteht es, diese drei Monate in seinem kurzen Roman farbig zu gestalten. Zwar wird Michaelangelo eine Frau zur Verfügung gestellt, allerdings rührt er sie wegen seiner Neigung zum anderen Geschlecht nicht an. Dennoch inspiriert sie ihn, nachdem er mit einer inneren Blocklade zu kämpfen hatte, die ihn nicht am Brückenprojekt hat arbeiten lassen.

Intensives Erlebnis Konstantinopels

Mit wenigen Worten und Charakterzügen sind die Personen beschrieben, aber mehr ist auch nicht nötig, um die Menschen und letztlich auch die aufblühende, exotische Stadt und ihre Einwohner zu beschreiben. Es ist eine Stadt im Aufbruch, blühende Handelsstadt, und an jeder Ecke kann man die Märkte riechen und sich die Musik vorstellen. Nur selten gönnt sich Michelangelo dies, auch wenn er nachher freiere Gedanken hat als zuvor. Doch der Gedanke, besser zu sein als der übermächtige Leonardo da Vinci treibet ihn an uns lässt ihn seine Arbeit tun.

Die Erzählweise ist flüssig, und immer wieder werden Briefe Michelangelos an seine Brüder eingeflochten, die real sind und die belegen, dass er so tun musste, als sei er in Florenz, und dass seine Brüder ihn gewissermaßen "gedeckt" haben. Diese Brisanz seiner eigentlich vom Papst nicht gewussten und wohl auch, sollte er je dahinter gekommen sein, nicht tolerierten Abwesenheit, geben Michelangelos Ausflug eine besondere Würze, zumal jederzeit die Gefahr bestand, dass die Reise auffliegt.

Reale Episode

Mathias Énard beweist mit Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten, dass historische Romane nicht unbedingt hunderte Seiten umfassen müssen. Manchmal reichen weniger Seiten auch aus, um eine schöne Geschichte beeindruckend und für den Leser nachhaltig zu erzählen. Der Roman ist ein kleines Kleinod und spricht alle Sinne des Lesers an. Nicht nur für kunst- und kulturinteressierte dürfte dieser Romane eine Zierde im Bücherschrank sein.

Interessant sind auch die kurzen Anmerkungen, die zeigen, dass diese Episode nicht erdacht, sondern real war, wenn auch nur wenig belegt. Ein kurzer (wenn auch unvollständiger) Glossar rundet einen intensiven Roman ab, der länger nicht sein dürfte und es gottseidank auch nicht ist. Lesenswert.

Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

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