Isenhart

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Kiepenheuer & Witsch, 2011, Titel: 'Isenhart', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Daniela Loisl
Philosophisch freies Denken in praller, kurzweiliger Geschichte

Buch-Rezension von Daniela Loisl Sep 2011

Kurzgefasst:

Ein Serienmörder im hohen Mittelalter. Der junge Schmied Isenhart, der ihm als früher "Profiler" auf die Spur zu kommen versucht - und zugleich dem Geheimnis seiner eigenen Existenz. Anno Domini 1171. Isenhart stirbt bei der Geburt. Und wird wieder zum Leben erweckt. Der wissbegierige Junge, der irgendwie anders ist, wächst als Sohn eines Schmieds auf der Burg Laurin bei Spira auf. Zusammen mit Konrad, dem Stammhalter des Hauses Laurin, erhält er Zugang zu einem ungeheuren Privileg: Bildung. Isenharts Welt bricht entzwei, als seine heimliche Liebschaft, die Fürstentochter Anna von Laurin, barbarisch ermordet - und ihr das Herz geraubt - wird. Der Mörder ist schnell gefasst und gerichtet. Isenhart widmet sich seinem großen Traum: dem Traum vom Fliegen. Und seiner Sehnsucht, zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält - dabei immer auf der Hut vor der katholischen Inquisition. Doch dann ereignet sich ein weiterer Mord nach identischem Muster. Isenhart und Konrad machen sich auf, den Serienmörder mit den forensischen Mitteln ihrer Zeit zu Strecke zu bringen. Die Jagd führt sie bis ins ferne Iberien, in den Basar des Wissens von Toledo, wo freie Geister aus Morgen- und Abendland sich austauschen. Dann findet Isenhart in einem dunklen Gewölbe nie gesehene anatomische Zeichnungen des menschlichen Herzens...

 

Isenharts Mutter stirbt bei seiner Geburt und auch er selbst überlebt nur, weil ihm ein zur rechten Zeit dahergekommener Ritter auf ungewöhnliche Weise das Leben rettet. Ein "Untoter", ein "Wiedergeborener" ist er nun in den Augen der Frauen, die bezeugen, dass er schon nicht mehr gelebt hat. Isenhart jedoch hat Glück und wächst beim Pinkepank, dem Schmied auf der Burg von Sigimund von Laurin auf. Sigimund sorgt auf Anraten seines Freundes Walther von Ascisberg dafür, dass Isenhart dieselbe Ausbildung erhält wie Sigismunds Sohn Konrad. Die beiden Jungen werden engverbundene Freunde, obgleich Isenhart Konrad geistig um ein Vielfaches überlegen ist, was dieser mit Kraft und Mut auszugleichen versucht. Isenhart verliebt sich in Konrads Schwester Anna und ist mit ihr überglücklich. Als er eines Tages zu spät zum vereinbarten Treffpunkt kommt, findet er sie auf brutale Weise ermordet vor. Der vermeintliche Täter ist schnell gefasst und gerichtet. Jahre später jedoch werden Isenhart und Konrad mit dem Mord einer jungen Frau konfrontiert, der dieselbe Handschrift trägt wie der an Anna und so weiß Isenhart sofort: Damals musste der falsche Mann für ein Verbrechen büßen.

Packend, spannend - innovativ

Schon auf den ersten Seiten dieses Romans zeichnet sich ab, dass sich dieses Buch deutlich von der Masse der historischen Romane abhebt. Mit intensiver Sprache und expressivem Erzählstil zeichnet der Autor ein sehr authentisches Bild des 12. Jahrhunderts. Wenngleich die Geschichte selbst fiktiv ist und kaum historische Ereignisse Erwähnung finden, so hat Holger Karsten Schmidt es hervorragend verstanden, die Erzählung so geballt und ereignisreich zu gestalten, dass man nichts vermisst.

Schmidt hat immens viel - knapp am Rande von zu viel - in seinen Roman gepackt, was vom Leser große Aufmerksamkeit fordert, will er den roten Faden nicht verlieren. Der Autor schneidet unzählige Themen an, sodass er von den unterschiedlichen Bereichen her leicht mehrere Bücher hätte füllen können. Diese Gratwanderung jedoch hat er mir großer Geschicklichkeit gemeistert, wenngleich er oft den Grat entlang schlitterte.

So viele Bereiche angeschnitten werden, so wandlungs- und anpassungsfähig ist Schmidts Erzählstil. Der entsetzlichen Mord an Anna wird in aller Deutlichkeit beschrieben, ohne voyeuristisch oder reißerisch zu wirken und Isenharts Umgang mit den Geschehnissen zeigt von sehr viel Einfühlungsvermögen des Autors. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz und so sind immer wieder kleine, subtile Pointen mit eingebaut, die den Leser zum Lachen bringen. Ob es die Vorlieben Henricks, Isenharts Stiefbruder, für Hühner (und auch Schafe oder Eselstuten) sind, die Bezeichnung "Pinkepank" für den Schmied oder ein schwarzer Rabe, der für manchen zur Nervensäge mutiert, jedes Detail, jede Begebenheit wird mit derselben Akribie geschildert wie auch die Figuren sich charakterlich unterscheiden.

Vielschichtige Charaktere und ein (über)intelligenter Protagonist

Mit Isenhart hat der Autor einen sehr wissenshungrigen und auch überdurchschnittlich intelligenten Protagonisten geschaffen, und darin basiert auch der Wermutstropfen in der ansonsten so kompakten und ungewöhnlich interessanten Erzählung. Ergibt sich schon durch das Handeln und Reden Isenharts von selbst die Schlussfolgerung, dass er ein außergewöhnlich intelligenter und logisch denkender junger Mann ist, so kann es der Autor dennoch nicht lassen, den Leser auffällig oft mit Erwähnung desselben darauf hinzuweisen. Irgendwann ist der Leser in Versuchung sagen "Ja, ich hab´s nun kapiert, Isenhart ist sehr intelligent" Diese Wiederholungen stören insofern massiv, da alles andere beinahe perfekt im Einklang scheint. Auch muss man anmerken, dass es dem einen oder anderen Leser vielleicht etwas zu anstrengend sein mag, den philosophischen Ausschweifungen Isenharts (und auch Hennings) zu folgen, obwohl diese Diskussionen und Gedankengänge äußerst interessant sind. Dass Isenhart aber auch noch meint, im falschen Jahrhundert zu leben, klingt darüber hinaus etwas befremdlich.

Das Zwischenmenschliche kommt gleichfalls nicht zu kurz, ist aber fern jeglicher Klischees oder Kitschs. Sehr realistisch zeigt Schmidt, dass auch im Hochmittelalter der Mensch dieselben Bedürfnisse hatte wie heute, wenngleich die Ansichten über Intimität hier etwas anders dargestellt sind. Die feinen Liebesbande der Hauptfiguren sind aber stets passend und harmonisch in die Geschichte mit eingewoben.

Ein prall gefüllter und ereignisreicher Debutroman, der nur kleine Schwächen aufweist. Dieser historische Roman ist kein Krimi, kein Thriller, aber dennoch ein Buch voller Spannung und überraschenden Wendungen, die den Lesern eines bestimmt garantieren: 800 Seiten Kurzweil.

 

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