Das Fort

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Wunderlich, 2010, Titel: 'The Fort', Originalausgabe

Couch-Wertung:

91
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Carsten Jaehner
Vom Unvermögen, ein Fort zu erobern

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Sep 2011

Kurzgefasst:

Sommer 1779: Der Kampf um die Unabhängigkeit der USA von der britischen Krone hat sich in den Süden verlagert. Da nutzt eine britische Infanterieeinheit die Gunst der Stunde: Die Rotröcke segeln in drei Kriegsschaluppen zur nebligen Küste Neuenglands, um dort auf einer Landzunge ein Fort zu errichten - den weit über das Meer sichtbaren Machtanspruch der Krone. Eine Kriegserklärung an die junge Regierung der USA! Als Antwort schicken sie eine riesige Kriegsflotte und mehr als tausend Infanteristen, um die Eindringlinge zu vertreiben. Doch zum Sieg gehört mehr als nur ein großes Heer; zum Sieg gehören ein Plan und Männer, die das Handwerk des Krieges beherrschen...

 

Sommer 1779, im Norden des US-Staates Massachusetts. Den heutigen Staat Maine gibt es noch nicht, und die Vereinigten Staaten von Amerika sind erst drei Jahre alt. Engländer besetzen auf der Landzunge von Majabigwaduce die Halbinsel, um den Machtanspruch der englischen Krone aufrecht zu erhalten. Daraufhin versuchen die Amerikaner, den Stützpunkt zurück zu erobern.

Während die Engländer beginnen, auf der hohen Halbinsel ein Fort zu bauen und mit drei Schiffen die Einfahrt in den Hafen von Majabigwaduce blockieren, rückt die amerikanische Flotte näher und erobert die Steilküste, um das unfertige Fort angreifen zu können. Zudem erobern Sie den Stützpunkt Cross Island, der auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt liegt und aufgrund dessen die drei englischen Schiffe weiter in den Hafen hineinmüssen.

Doch leider steht und fällt eine gute und erfolgreiche Belagerung mit den ausgefeilten Taktiken der Angreifer, und daran mangelt es den Amerikanern von Anfang an. So jedoch droht ihnen eine peinliche Niederlage gegen viel zu wenige Engländer, die allerdings einfach durchhalten und abwarten, wie die Gegner es einfach nicht verstehen, das unfertige Fort einzunehmen...

Alles, was schief gehen kann, geht schief

Mit Das Fort hat der Militärhistoriker Bernard Cornwell einen Roman vorgelegt, der für seine Verhältnisse ungewöhnlich ist, dennoch durchweg spannend und unterhaltsam ist. Und obwohl die amerikanische Armee letztlich alles falsch macht, was man nur in einem Kampf falsch machen kann, ist dies ein lustiges oder gar amüsantes Buch. Der Grund dafür ist, dass der Roman auf realen Zeugnissen und Dokumenten beruht und sich das Geschehen so zugetragen hat, wie Cornwell berichtet.

Wo die Engländer ein Fort oben auf der Halbinsel errichten, das noch völlig in der Anfangsphase seiner Entstehung ist und es daher ein leichtes sein sollte, es einzunehmen, stellen sich die Amerikaner unglücklich an, wo es geht, und das beginnt schon in der Vorbereitung. Es gibt keinen wirklichen Oberbefehlshaber, die Truppen sind zu einem Großteil aus Milizionären zusammengestellt, die gezwungen wurden zu kämpfen und die aber eigentlich keine Lust dazu haben, weil sie zum Teil eigentlich Engländer sind. Es gibt weder genügend Nahrung noch Waffen, und was an Waffen da ist, ist nicht immer das, was man eigentlich braucht:

 

 

"Die Kanonenkugeln? Falsches Kaliber?" Der Sergeant führte es vor, indem er eine Kugel in das Rohr einer der beiden Achtzehnpfünder schob. Dann drückte einer seiner Männer die Ladung mit dem Stock tiefer in das lange Rohr hinein, das, weil die Kanone auf dem höchsten Punkt von Cross Island stand, etwas nach unten auf den Bug der Nautilus ausgerichtet war. Der Kanonier zog den Ladestock zurück und trat einen Schritt zur Seite. (Captain) Hacker vernahm ein leises Geräusch aus der Kanone. Das dumpfe Rollen von Metall auf Metall wurde lauter, als die Kugel durch das Rohr lief, bis sie schließlich mit einem jämmerlichen Plumps aus der Mündung des Rohrs auf den Kiefernnadelteppich fiel, der hier den Boden bedeckte. "O Gott", sagte Hacker.

 

Zudem sind sich die Offiziere auch über das Vorgehen nicht einig, und das schlechte Wetter vor Ort, vor allem der immer wieder aufkommende Nebel, tun ihr Übriges dazu. Kommandeur der Schiffe ist Commodore Saltonstall, und Solomon Lovell war für die Eroberung des Forts zuständig. Da das Fort oberhalb des Hafens gebaut wurde, behauptete Saltonstall, dass er nicht in den Hafen fahren könne, da er sonst beschossen würde und er so seine Schiffe und deren Mannschaften opfern würde, abgesehen davon, dass es im Hafen keine Möglichkeit zum Wenden gebe. Lovell wollte nicht angreifen, ehe die Gefahr der angreifenden Schiffe gebannt war.

Zu all dem kommt ein widriger Lieutenant Colonel Paul Revere, der wegen einer anderen Heldentat von den Amerikanern als Held verehrt wird, hier aber alles tut, um nicht kämpfen zu müssen und schließlich eher ein Feigling, noch dazu ein sehr frecher, sein wird. Auf der anderen Seite machen die Engländer das einfachste, was sie machen können: Abwarten, was die Amerikaner machen, und einfach das Fort weiterbauen.

Die Geschichte ist die Hauptperson

Cornwell hat in diesem Roman keine Hauptfigur, der man durch die Geschichte folgt, sondern er wechselt immer wieder die Erzählperspektive zwischen den Engländern und Amerikanern, so dass man die Ereignisse immer aktuell aus mehreren Blickwinkeln mitverfolgen kann. Vor allem ist dies interessant, wenn die eine Seite etwas tut (oder lässt), was die anderen Seite dann irgendwie interpretiert. Das ist dramaturgisch geschickt aufgebaut, und man liest dies alles mit großem Vergnügen.

Cornwell versucht nicht, die Parteien zu werten, er verhält sich und seine Erzählung neutral, was dem Roman gut tut. Weder die Amerikaner noch die Engländer sind die Guten oder die Bösen, es geht hier rein um Taktik, wenn man das unter diesen Verhältnissen überhaupt sagen kann. Die Offiziere charakterisieren sich gegenseitig, so dass man ein gutes Bild der Zeit, der Taktiken und der Menschen bekommt. Auch die Geburtswehen der noch jungen USA werden dargestellt, und so wird hier ein unbekannter und unbeachteter Teil der amerikanischen Geschichte eindrucksvoll zum Leben erweckt.

Großartiger Anhang

Man mag das Gefühl haben, der Roman bleibe an der Oberfläche, aber das ist nicht so. Immer wieder werden kleine persönliche Geschichten erzählt, von den Träumen und Sorgen der Beteiligten, und auch eine Begegnung mit weißer Flagge zwischen zwei Offizieren der beiden Parteien auf der Fortebene bietet einen hervorragenden Einblick in die Zeit. Cornwell beherrscht das große wie auch das kleine Erzählen, und er tut dies wie aus einem Guss.

Die Karte im Einband erweist sich als sehr nützlich für die Leser, lohn sich der Blick darauf doch immer wieder, um das Geschehen vor Ort zu verstehen. Der 40(!)-seitige Anhang ist so spannend und aufregend wie der Roman selbst und bietet ebenso viele Überraschungen. Cornwell erzählt hier ausführlich, was mit den Menschen weiter passiert ist und wie es historisch weiterging. Nett ist auch der Hinweis zu Beginn, dass alle fiktiven Personen mit demselben Buchstaben ("F" wie "fiktiv") beginnen (bis auf eine). Mit diesem Wissen, dass Cornwell noch nie so viele reale Personen verwendet hat, liest sich so ein Roman gleich ganz anders.

Einzig vermissen tut man, und das recht schmerzlich, ein nach Nationen geordnetes Namensverzeichnis. Teilweise springt Cornwell doch schnell hin und her, und es dauert eine Weile, bis man weiß, auf welcher Seite die Erzählung gerade vonstatten geht. Das ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten rundum gelungenen, unterhaltsamen Roman, der nicht nur für Freunde nautischer Literatur geeignet ist. Cornwell bleibt ein Meister der Erzählkunst.

 

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