Im Land des Korallenbaums

  • Lübbe
  • Erschienen: Januar 2011
  • 4
  • Lübbe, 2011, Titel: 'Im Land des Korallenbaums', Originalausgabe
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Daniela Loisl
891001

Histo-Couch Rezension vonSep 2011

Exotisch, farbenprächtig und alles andere als trivial

Kurzgefasst:

Im Sommer 1863 lernen sich die jungen Deutschen Anna Weinbrenner und Viktoria Santos auf der Überfahrt nach Buenos Aires kennen. Beide Frauen sind auf dem Weg zu ihren Ehemännern, die ihnen vorausgereist sind. Viktorias Mann haben dringende Geschäfte schon früher zu seiner Estancia im Norden Argentiniens gerufen. Annas Familie hingegen konnte die Kosten für die gemeinsame Überfahrt nicht aufbringen. In dem fernen Land, das für die Reisenden mit großen Hoffnungen verbunden ist, trennen sich ihre Wege zunächst. Doch Viktorias vermeintlich rosige Zukunft gestaltet sich anders als erhofft, und Anna erwartet bei der Ankunft eine schreckliche Nachricht...

 

Zwei junge deutsche Frauen unterschiedlichen Standes lernen sich durch einen Zufall auf einem Schiff von Deutschland nach Argentinien kennen und schließen Freundschaft. Beide Frauen, Anna und Viktoria, reisen ihren Männern nach, um mit ihnen in Südamerika zu leben.

Beide Frauen sehen ihrer Zukunft optimistisch entgegen und ihre Wege trennen sich nach der Ankunft in Buenos Aires. Das Leben in Argentinien, das sich beide Frauen so schön ausgemalt haben, nimmt jedoch für beide einen gänzlich anderen Lauf und bald schon bereuen sie es, nach Südamerika gekommen zu sein.

Trivial wirkender Start - aber nur für wenige Seiten

Alleine der Titel des Buches verspricht nicht allzu Innovatives, und liest man die ersten Kapitel, in denen sich die beiden Protagonistinnen auf dem Schiff befinden und Anna die Bekanntschaft Julius` macht, meint man, den weiteren Verlauf der Geschichte ohnehin schon zu kennen. Julius ist ein guter Bekannter von Viktoria und hilft Anna durch Zufall aus einer beklemmenden Situation. Dass sich die beiden nun zueinander hingezogen fühlen, überrascht kaum. Alles schon gelesen, schon mal dagewesen - und dann legt das Schiff in Buenos Aires an. - Und ab hier beginnt sich das Buch von den vielen anderen Bücher der Gattung "Auswandererromane" doch ziemlich zu unterscheiden. Vorbei sind die vorhersehbaren Szenen, weg ist der Ritter auf dem weißen Pferd, der Anna vor Gefahr gerettet hat, und glückliche Zufälle gibt es auch nicht mehr.

Sofia Caspari kann erzählen, und dies merkt man schon nach wenigen Zeilen. Auch wenn der Beginn eher Leichtes, Seichtes vermuten lässt, so zieht die Autorin schon bald die Register ihres Könnens und zeigt dem Leser ein Argentinien, wie er es noch nie gesehen hat. Nach dem sich die Wege der beiden Frauen trennen, teilt sich auch die Geschichte in zwei Erzählstränge, was für Spannung und Abwechslung sorgt.

Die Autorin besticht durch ihre sehr gehobene, aber dennoch leichte Sprache, die dem Leser sämtliche Ereignisse nicht nur bildhaft und farbenprächtig, sondern auch sehr authentisch schildert.

Landraub und Unterjochung

Natürlich stehen Anna und Viktoria mit ihren Erlebnissen im Fokus, aber Caspari flicht auf sehr subtile Weise auch die historisch-politischen Geschehnisse der damaligen Zeit mit ein. Der Europäer bemächtigt sich auch dieses Kontinents, reißt das Land an sich, verdrängt die Einheimischen, unterjocht sie und führt Krieg gegen die Aufständischen, die nur ihr Hab und Gut verteidigen. Auf welch rücksichtlose und auch brutale Weise dies von statten ging, veranschaulicht Caspari hier klar und schonungslos, ohne aber je den Zeigefinger zu erheben oder gar allwissend zu erscheinen. Caspari muss einen ganz besonderen Bezug zu diesem Land haben, denn der Roman ist nicht nur einfach erzählt, sondern scheint durch die vielen, vermeintlich bedeutungslosen, nebenbei einfließenden, kleineren Begebenheiten und Erwähnungen, wie landestypischer Speisen, ebensolcher Kleidung, die Hierarchien und die Lebensweise der Urbevölkerung regelrecht cineastisch lebendig.

Mitten hinein in den nicht immer lauten Kampf um das Land stellt die Autorin ihre Figuren, verbindet sie mit der Umgebung und ermöglicht so dem Leser nicht nur die Geschichten der Figuren, sondern auch die des Landes nachzuempfinden. Im Zuge der Ereignisse rund um Anna und Viktoria, erlebt man hautnah auch den brennenden Kampf um Gerechtigkeit mit, den die Schwächeren sukzessive verlieren.

Breites Figurenspektrum

Die Charakterisierung der Figuren ist mit Sicherheit eine der Stärken von Sofia Caspari. Ihre beiden Protagonistinnen gehören nicht nur unterschiedlichen Gesellschaftsschichten an, sie sind sich auch charakterlich sehr unterschiedlich und jede entwickelt sich auf ihre Weise weiter. Generell haben alle Darsteller im Buch ihr eigenes Wesen, ihre Eigenarten, ihre Stärken und Schwächen und sind alles andere als in Schablonen gepresst. Es gibt nicht nur Gut und Böse, denn die Charaktere zeigen ein ebenso breit gefächertes und facettenreiches Spektrum wie das Land selbst, das die Autorin beschreibt.

Durch die wunderbar ausgearbeiteten Figuren bekommt das Buch Tiefe und avanciert über eine banale Liebesgeschichte weit hinaus. Das Feingefühl, mit dem Caspari die tragischen oder freudigen Erlebnisse der Figuren beschreibt, spiegelt sich in jeder Szene, jeder Begebenheit wider und macht das Buch zu etwas Besonderem in diesem Genre. Ein wunderbares Buch zum Abtauchen in eine ferne Welt, die einem durch wunderbare Bilder näher gebracht wird.

Im Land des Korallenbaums

Sofia Caspari, Lübbe

Im Land des Korallenbaums

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