Ruhe sanft, mein Herz

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Pendo, 2003, Titel: 'La disparue du Père Lachaise', Originalausgabe

Couch-Wertung:

71
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Carsten Jaehner
Mysteriöse Todesfälle in Paris

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Sep 2011

Kurzgefasst:

An einem verregneten Tag im Jahre 1890 wird der Pariser Friedhof Père Lachaise Schauplatz einer ungewöhnlichen Begegnung: Odette, die ehemalige Geliebte des Buchhändlers Victor Legris, will sich dort mit dem Geist ihres verstorbenen Mannes treffen - und verschwindet plötzlich spurlos. Ihr Dienstmädchen Denise sucht Hilfe bei Victor. Kurz darauf wird Denises Leiche am Pont de Crimée gefunden. Doch sie ist nur eines der Opfer in einer Mordserie, die den Buchhändler das Fürchten lehrt. Als ihm bewusst wird, dass das Bild Blaue Madonna den Schlüssel zur Lösung des Rätsels birgt, ist er bereits selbst ins Visier des Mörders geraten. Wird er seine neue Liebe Tasha und seinen Kompagnon Kenji noch retten können?

 

Im Frühjahr des Jahres 1890 besucht Odette de Valois, ehemalige Geliebte des Buchhändlers Victor Legris und frisch gebackene Witwe, an einem nebligen Abend den Friedhof Père-Lachaise. Ihr Mann ist bei den Kanalarbeiten in Panama ums Leben gekommen, und sie will nun ans Familiengrab, obwohl ihr Mann in Panama begraben liegt. Sie in Begleitung ihres Dienstmädchens Denise. Denise wartet, doch Odette kehrt nicht zurück. In Panik flieht sie nach Hause, doch auch dort ist Odette nicht. Am Tag darauf wendet sich Denise an den Buchhändler Legris, der einzigen Person, die sie in Paris noch kennt.

Denise kommt zunächst bei Tasha unter, Victors Freundin, die in dieser Zeit zu ihm zieht. Kenji, Victors japanischer Ziehvater und Mitarbeiter, ist zu seiner Freundin nach London gereist, daher ist Raum genug. Auf der Suche nach Odette findet Victor deren Wohnung verwüstet, und auch Tashas Wohnung wurde durchsucht. Das bringt Victors Spürsinn auf den Plan, und auch sein junger Mitarbeiter Joseph, der Kriminalschriftsteller werden will, fühlt sich berufen, Nachforschungen anzustellen. Als die Leiche von Denise aus der Seine gezogen wird, wird der Fall immer mysteriöser, und die Detektive geraten in den Bereich der Wahrsager und Geisterbeschwörer. Schließlich wird auch Odettes Leiche gefunden, und irgendwer scheint Victor permanent zu verfolgen. Und was hat das Bild der "Blauen Madonna" mit dem Fall zu tun?

Mord im Umfeld des Protagonisten

In seinem zweiten Fall nach Madame ist leider verschieden hat es Victor mit einem Mord im eigenen Bekanntenkreis zu tun. Im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das gerade die Weltausstellung mit dem Eiffelturm hinter sich gebracht hat, ermittelt Victor wieder ungefragt und auf eigene Gefahr. Er ist jetzt mit der Karikaturistin Tasha zusammen, die er im ersten Fall erst kennen gelernt hatte, und Kenji mag sie nicht. Da trifft es sich gut, dass er nach London fährt, während sie bei Victor einzieht.

Claude Izner lässt das Fin de Siècle für den Leser sichtbar wieder auferstehen, wenngleich auch nicht so deutlich wie im Vorgängerroman. Die Weltausstellung ist beendet, und das gerade interessante Großereignis für Frankreich findet auf der anderen Seite der Welt statt. In Kolumbien wird der Panamakanal gebaut (Panama gehörte damals noch zu Kolumbien), und die französische Betreibergesellschaft ist mit Pauken und Trompeten in den Konkurs gegangen. Mehr erfährt der Leser hingegen über das Leben in Paris an sich, über die Menschen und die verschiedenen Klassen, in denen sie leben. Das ist eindrucksvoll und für jeden Leser nachvollziehbar.

Wer verfolgt wen

Die Mordfälle werden zwar recht geschickt aufgebaut, aber letztlich gibt es in dem Roman viel Leerlauf, in dem Victor durch Paris läuft und überhaupt nicht weiß, was los ist. Auch Tasha läuft durch Paris, Joseph ebenso und Denise auch, es wird sich gegenseitig verfolgt, zudem wird der alte ehemalige Friedhofsmitarbeiter Mouscou verfolgt, der geistig verwirrt ist, aber mehr erlebt hat, als man ahnt. Diese Verfolgungen wirken auf Dauer ermüdend und wenig einfallsreich, hier hätten ein paar schlüssigere Beweisketten mehr Tempo in die Geschichte gebracht.

Interessant sind auf jeden Fall auch Tashas Zusammenkünfte mit ihrem Kunstzirkel, bei dem sie ihre Bilder ausstellen darf. Gerade in dieser Zeit ist ja die Kunstszene in Paris besonders produktiv, und vielleicht ist dies eine Vorahnung für weitere Geschichten um Victor und seine Freunde.

Immerhin werden die Beziehungen der Protagonisten untereinander weiter ausgeleuchtet. Man lernt mehr über Victor, seine Vergangenheit und wie er zum Pflegesohn Kenjis wurde. Tasha wird noch einiges zu bieten haben, und man lernt Josephs Mutter kennen, bei der er lebt, und auch ein Mädchen, in das er sich verliebt hat. Einzig dass Kenji den Großteil des Romans unterwegs ist, ist etwas schade, aber hier ist auch noch Potenzial für weitere Geheimnisse und Überraschungen in kommenden Romanen der Reihe, die in Frankreich immerhin bereits zehn Teile umfasst.

Streckenweise etwas konfuse Erzählung

Der Kriminalfall ist eigentlich nicht packend, und auch der Nebenstrang mit den Geistern und Hellsehern wirkt irgendwie konstruiert. Zudem hat man als Leser gegen Ende immer wieder mal das Gefühl, dass sich einige unlogische Sätze und Szenen eingefügt haben. Die Erzählung wirkt da etwas konfus und durcheinander, mit ein paar Seiten hätte man bestimmt etwas mehr Ordnung in die Handlung bringen können. Schade, denn man denkt bisweilen, man hätte einige wichtige Sätze überlesen, was dann aber nicht der Fall ist.

Insgesamt ist Ruhe sanft, mein Herz schwächer geraten als Madame ist leider verschieden. Bleibt zu hoffen, dass die beiden Autorinnen in den folgenden Bänden wieder mehr Ordnung in ihre Erzählung bringen und die Fälle stringenter erzählt werden. Potenzial birgt die Reihe reichlich. Ein historischer Stadtplan, ein neunseitiges Nachwort (unerlässlich zu lesen, da mehr Informationen über die Zeit enthalten ist als im Roman selbst) und ausführliche Quellenangaben ergänzen den Roman. Bleibt zu hoffen, dass der Verlag den Buchhändler Victor Legris auch auf deutsch weiter ermitteln lässt, und Victor ist zu wünschen, dass seine Spürnase ihn mit geschickterer Dramaturgie durch seine Fälle lotst.

Ruhe sanft, mein Herz

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