Schandweib

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Hoffmann & Campe, 2011, Titel: 'Schandweib', Originalausgabe

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Volker Faßnacht
Ein Kriminalfall - nach einer wahren Begebenheit

Buch-Rezension von Volker Faßnacht Aug 2011

Kurzgefasst:

Hamburg, 1701. Am Schweinemarkt findet man eine Frauenleiche ohne Kopf. Bald darauf wird eine Verdächtige festgenommen: Ilsabe Bunk, eine Frau in Männerkleidern, eine Hexe in den Augen des Volks. Der junge Advokat Hinrich Wrangel übernimmt die Pflichtverteidigung der Gefangenen. Er gerät damit in eine gefährliche Intrige, aus der ihn nur Beistand von überraschender Seite retten kann.

 

Claudia Weiss, promovierte Historikerin, erzählt mit ihrem historischen Erstling Schandweib eine wahre Begebenheit Hamburgs zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

Eine Heldin in Männerkleidung - überraschend anders erzählt

Wer hier eine Geschichte einer Heldin erwartet, die sich ob der Schwierigkeiten einer unverheirateten Frau, Arbeit zu bekommen oder von der Männergesellschaft dieser Zeit unbelästigt zu bleiben, einfach in Männerkleidung wirft, um fortan als solcher zu leben, immer verbunden mit der Angst, entdeckt zu werden, der wird wohl überrascht werden: Diese Machart der über die Maßen zum Mainstream ausgearteten "Heldinnen-in-Hosen"-Romane ist bereits mit dem Prolog beendet; Ilsabe Bunk, nunmehr Hinrich Bunk, hat seine Identität getauscht und ist fortan nicht mehr die eigentliche Hauptperson der Geschichte. Kein Roadmovie über die Untiefen einer Verwandlung, die nicht funktionieren kann: Ilsabe/Hinrich Bunk's Leben wird erst viel später, nachdem sie aufgeflogen ist, im Rahmen der gerichtlichen Verhandlung durch ihren Verteidiger Hinrich Wrangel in Rückblenden aufgearbeitet.

Die Constitutio Criminalis Carolina - Fundament der Lebensordnung in Hamburg

Die Constitutio Criminalis Carolina von 1532 galt auch 1701 noch. Die "Carolina", das erste allgemeine Strafgesetzbuch Deutschlands, beinhaltete bereits einige Verbesserungen gegenüber den alten Rechtsgepflogenheiten. So musste zunächst festgestellt werden, ob der Delinquent strafmündig war. Auch das Prinzip der Schuldhaftung trat an Stelle der Erfolgshaftung, wodurch zufällige Schädigung keine Strafbarkeit mehr begründete. Außerdem musste eine Strafbarkeit schon im Zeitpunkt der Tat schriftlich niedergelegt sein. Die in der Carolina festgelegte Prozessordnung bestimmte, wie ein Prozess abzulaufen hatte. Indizien allein waren keine ausreichende Begründung mehr für eine Verurteilung.

Allerdings regelte die Carolina auch, dass die peinliche Befragung zur Erlangung der "Urgicht" - das Schuld-Eingeständnis - rechtmäßig war, und diese auch angewendet werden durfte, wenn ein ausreichender Verdacht gegen den Delinquenten erhoben werden konnte, was in der Praxis wohl immer der Fall war und fast immer zu einem Schuldgeständnis führte, denn wer konnte "Daumenschrauben" oder den "Spanischen Stiefel" ertragen?

 

"Sie nur so verstockt? Kann Sie nicht antworten, oder will Sie nicht? Hat Sie nicht begriffen, dass Sie zu diesen glaubwürdigen und unter Eid beschworenen Aussagen Stellung zu beziehen hat?"

"Ich habe niemals [...] irgendjemandes Kopf in ein Fass mit Alkohol getaucht. Das ist alles erstunken und erlogen! Ich habe bereits alle Beschuldigungen, die ich gegen Dritte in dieser Sache aussprach, widerrufen, nie habe ich..."

"Genug der Gaukelei. Meister Ismael, wie lange werdet Ihr brauchen, die Vorbereitungen für die peinliche Befragung zu treffen [...] ? [...] Stellt Euch darauf ein, dass wir heute keine Territion, sondern eine wahrhaft peinliche Befragung der Inquisitin Ilsabe Bunk durchführen werden."

Hinrich Wrangel, ein Vertreter der Frühaufklärung in Deutschland

Nicht Bunk - das Schandweib ist die Hauptperson des Romans, sondern der junge Hinrich Wrangel, Prokurator am Hamburger Niedergericht. Er studierte Juristerei bei dem Gelehrten Christian Thomasius in Halle, der sich für eine humane Strafprozessordnung einsetzte, sich insbesondere gegen Hexerei, Bigamie und die Anwendung der Folter wandte.

Als überzeugter Schüler seines Lehrers war Hinrich Wrangel seiner Zeit voraus. Noch galt die Carolina und die Vertreter der alten Rechtsordnung waren nur allzu gerne bereit, dem geifernden und abergläubischen Mob zu geben, was er verlangte: Hexenprozesse, Folter, Hinrichtungen und der Scheiterhaufen. Brot und Spiele, wie im alten Rom, damit der Pöbel Ruhe gab. Ideal, wenn dabei auch noch die eigenen Interessen erreicht werden konnte.

Prätor Wilken, Chef-Ankläger und Wrangels Vorgesetzter, war solch ein Mensch. Seine Amtszeit als Ankläger und Richter in Personalunion war beinahe um und wenn er auf der Karriereleiter weiter nach oben klettern und Bürgermeister werden wollte, so musste er einen großen Kriminalfall souverän und sauber abschließen. Ilsabe Bunk, eine Frau in Männerkleidern, die Unzucht mit Frauen trieb, zudem beschuldigt, eine Messerstecherei begangen zu haben und Betrügereien und Zauberdinge vollführt zu haben, war der perfekte Sündenbock, um auch noch einen ungeklärten Mordfall abzuschließen, indem er ihr auch dieses Verbrechen anlastete. Wilken würde seine Amtszeit mit einer doppelten Hinrichtung (das Rad für den Mord und den Scheiterhaufen für die Hexerei), also einem Volksfest für die Bürger der Stadt beenden.

Präzises Bild der bürgerlichen Gesellschaft Hamburgs im Jahr 1701

Die Autorin zeichnet ein detailliertes Bild der Hamburger Gesellschaft. Wie setzt sich der Rat der Stadt zusammen? Wie verzahnt sich die Arbeit des Niedergerichts, des Obergerichts und des Henkers? Wie ist die Stellung der Juden in Hamburg, der hansische Handel und die Blockade der Dänen vor den Toren der Stadt? Claudia Weiss' Hamburg ist düster, dreckig, stinkt und geifert. Hier kann Kopfkino einsetzen, auch wenn die Schilderung der peinlichen Befragung sowie der Hinrichtung sicherlich für zartbesaitete Leser nicht geeignet sein wird.

Auch dürfte die ruhige und langsame Erzählweise der Autorin nicht Jedermanns Geschmack treffen. Diese ist jedoch gut gewählt. Der vorliegende Fall bedarf einiger Erklärungen. Schließlich ist es ein weiter Weg von den anfänglichen Anschuldigungen gegen die Bunk, bis zu der letztendlichen Anklage. Hinrich Wrangel deckt bei der Verteidigung seiner Mandantin weit mehr auf, als scheinbar allen Beteiligten, außer dem gerechtigkeitsliebenden, aber naiven Wrangel selbst, lieb sein kann.

Und schließlich ist da noch die anfänglich nur freundschaftliche Beziehung zwischen der jüdischen Tochter Ruth und dem Advocatus. Diese Beziehung nimmt nur einen geringen Teil des vorliegenden Romans ein und drängt sich keinesfalls in den Vordergrund. Und das ist gut so!

Die anfänglich vielleicht ein wenig zu trockene Figurenzeichnung mag dem Umstand geschuldet sein, dass es sich um einen wahren Fall handelt. Dies stört aber nicht im Geringsten.

Ein beachtlicher Debütroman von Claudia Weiss mit offenem Ende, welcher mittlerweile auch seine Fortsetzung in Scharlatan gefunden hat. Ein äußerst gut recherchierter Kriminalroman, der sicherlich in seiner Konsequenz auf die heutige Zeit übertragen werden kann, ein Hardcover-Buch mit Glossar, bestehend aus einem Personenregister und einem Almanach historischer Begriffe machen definitiv Lust auf mehr: Mehr Romane aus der Feder von Claudia Weiss.

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Letzte Kommentare:
13.06.2014 13:09:17
chatty1968

Als großer Fan historischer Romane war ich überglücklich durch eine Leserunde dieses Buch erhalten zu haben.

Da ich bislang den 2. Teil "Scharlatan" kannte, war mir der Schreibstil der Autorin sehr vertraut. Hierzu sollte man erwähnen, dass es sich um keinen Roman handelt, den man mal gerade so liest. Eine sehr ausgewogene Sprache, eine Geschichte die hervorragend recherchiert scheint, lassen das Herz eines historischen Romanliebhabers höher schlagen.

Die Protagonisten sind sehr detailliert beschrieben, so dass hier keinerlei Fragen auftauchen. Auch die Handlungen erscheinen schlüssig und nachvollziehbar.

Für mich war es ein wahres Lesevergnügen.

28.03.2014 17:20:30
PMelittaM

Hamburg 1701: Eine kopflose weibliche Leiche wird gefunden, niemand weiß, wer sie sein könnte und warum und von wem sie ermordet wurde. Als schließlich jemand seine Tochter als vermisst meldet, liegt der Verdacht nahe, sie könnte die Tote sein und nun gibt es auch jemand, der verdächtig ist: Ilsabe Bunk, die als Mann unter dem Namen Hinrich Bunk lebt. Hinrich Wrangel, neu in Hamburg und Prokurator am Niedergericht, wird als ihr Pflichtverteidiger eingesetzt. Wrangel, der seine Arbeit ernst nimmt, entdeckt Ungereimtheiten und tut sein Möglichstes, Ilsabe zu helfen.

Der Roman beruht auf dem wahren Fall der Ilsabe Bunk. Ich finde das sehr faszinierend, auch, was Claudia Weiss aus diesem Fall gemacht hat. Die Autorin ist Historikerin, sie weiß, wie man historische Fakten recherchiert. Leider gibt es im Buch keine Erwähnung darüber, was Fakten und was Fiktion ist (es findet sich im Anhang aber ein Glossar mit wichtigen Begriffen und Personen). Allerdings bietet das Enhanced Ebook die Möglichkeit, entsprechende Informationen abzurufen ebenso wie die Internetseite zum Buch.

Aber auch ohne dieses Wissen ist der Roman absolut lesenswert. Die Autorin erzählt spannend und bedient sich einer Sprache, die zu Zeit passt. Sie scheut auch nicht davor zurück, wenige Erfreuliches zu erzählen. Folter und Hinrichtungen gehörten zur Wahrheitsfindung und Rechtsprechung damals dazu und gehören deshalb mit in die Geschichte, allerdings wird beides nicht übertrieben eingesetzt.

Die Charaktere sind tiefgründig und wirken authentisch. Ilsabes Vorgeschichte erfährt man teilweise schon im Prolog und man kann nachvollziehen, warum sie ein Leben als Mann vorzog. Hinrich Wrangel ist sympathisch und bietet durchaus Identifikationsmöglichkeiten. Gut gefällt mir auch der Henker, der hier einmal kein unsympathischer und brutaler Mensch ist sondern eben seinen Job tut und ansonsten ein ganz normaler, sogar recht sympathischer Mann ist.

Die Hamburger Morgenpost wird auf dem Klappentext damit zititert, dass sie den Roman einen „Justiz-Thriller“ nennt, und ja, dieses Wort passt wirklich gut. Hauptteil der Handlung ist im Grunde genommen der Prozess, in dem es um Ilsabes vermeintliche (oder tatsächliche?) Taten geht. Es ist ungeheuer interessant, wie Rechtsprechung damals geschah. Claudia Weiss lässt zudem politische Ereignisse und sozialen Umständen mit ins Geschehen einfließen, an Hand der Figur des Moses Abelson und dessen Tochter Ruth wird dem Leser zudem Einblick in das jüdische Leben der damaligen Zeit gewährt.

Wer Wert auf gut recherchierte historische Romane legt, in denen die Handlung nicht losgelöst von tatsächlichen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten erzählt wird, ist hier genau richtig. Außerdem ist der Roman sehr spannend, interessant und mit lebendig wirkenden Charakteren ausgestattet. Mir hat er sehr gut gefallen und erhält neben der vollen Punktzahl auch eine absolute Leseempfehlung von mir. Und wer nach seiner Lektüre gerne wüsste, wie es mit Wrangel weitergeht, der kann direkt zum Nachfolgeband „Scharlatan“ greifen, den ich ebenso gut fand.

18.03.2014 15:45:54
Mohnblume

Das Grausame und Schiksalhafte Leben der Ilsabe Bunk


n diesem Roman geht es um Ilsabe Bunk , eine Frau die es wagte sich als Mann zu verkleiden

und ein Männerleben zu führen. Sie tat es um ehrliche Arbeit zu finden und um nicht zu verhungern, auch bot es ihr Schutz vor den Nachstellungen der Männer. Aber dieses wird ihr eines Tages zum Verhängnis , als man eine Frauen laiche ohne Kopf auf dem Schweinemarkt findet.

Als auch noch heraus kommt , das es sich bei Hinrichs Bunk , in Wirklichkeit um eine Frau handelt,

beschimpft man sie als Hexe und Mörderin. Der Prädator Wilken , lässt sie Festnehmen und sie einsperren. Der Prokurator Wrangel , der neu in Hamburg ist , wird ihr als Pflichtverteidiger zur Seite gestellt. Erst ist dieser nicht begeistert, hat er doch von einer anderen Karriere geträumt.

Aber je mehr er sich mir dem Fall befasst um so mehr ist er von der Unschuld Ilsabe Bunk überzeugt.

Mit aller Macht versucht er ihre Unschuld zu beweisen , stößt dabei auf immer mehr widerstände.

Beide geraten in einen Strudel voller Intrigen , Ränke spiele und Verrat. Auch einige andere Unschuldige mit den Bunk verkehrte müssen daran glauben. Folter , Spott und Hohn sind für die Verurteilten an der Tagesordnung, auch Wrangel schwebt in großer Gefahr.

Ob, es Wrangel gelingen wird Ilsabe Bunk Unschuld zu beweisen und sie vor dem grausamen Tod auf dem Richtplatz zu retten , scheint aussichtslos.......


Die Autorin Claudia Weiss , bedient sich einer klaren und schnörkellosen Sprache , ihr Schreibstil

ist spannend und fesselnd. Die Recherche zum Roman ist Akribisch , hier spürt man das eine gelernte Historikerin am Werk war. Es handelt um den wirklichen Fall der Ilsabe Bunk aus dem Jahre 1701 , der in historischen Gerichtsakten belegt und festgehalten ist. Auch ihre Protagonisten kommen Glaubhaft und lebendig herüber. Man begegnet vielen historischen Persönlichkeiten .

Spannend und fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite zieht sie einem mit ihrer Geschichte in den Bann. Ihr ist mit diesem Romandebüt ein mitreißendes Werk gelungen.


„ Ein ergreifender und fesselnder Roman , der noch lange nach Klingen wird „

14.01.2012 19:27:37
€nigma

"Schandweib" ist auf den ersten Blick ein historischer Kriminalroman, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die eine Außenseiterin der Gesellschaft ist. Da sie sich als Frau den Annäherungsversuchen lüsterner Männer ausgesetzt sieht und außerdem lesbische Neigungen hat, legt Ilsabe Bunk ihre weibliche Identität ab und lebt als Mann unter dem Namen Hinrich Bunk. Sie, bzw. er zieht wie viele Männer zur damaligen Zeit durch Norddeutschland und nimmt harte körperliche Arbeiten an, wo immer sich ihm die Gelegenheit bietet. Zweimal lässt er sich mit Frauen trauen, mit denen er dann auch in "widernatürlicher Unzucht" lebt. Schließlich verschlägt es ihn nach Hamburg. Als dort im Januar 1701 eine kopflose weibliche Leiche im öffentlichen Aborthäuschen gefunden wird, gerät er bald ins Visier der ermittelnden Beamten unter der Leitung von Prätor Wilken. Aus einer wohlhabenden und einflussreichen Hamburger Patrizierfamilie stammend, hofft dieser, demnächst zum Bürgermeister gewählt zu werden und möchte deshalb sein Prätorenamt mit einer rundum gelungenen Aufklärung dieses Mordes zu Ende bringen. Hinrich Bunk bietet sich als perfekter Sündenbock an, da sein gotteslästerlicher Lebenswandel darauf schließen lässt, dass einer solchen Person auch ein abscheulicher Mord zuzutrauen ist. Jedoch ist es nicht nur die willkommene Sündenbockfunktion, die den Prätor zu seinen manipulativen Umtrieben motiviert...
Der Prokurator Wrangel wird als Bunks Pflichtverteidiger berufen. Er ist ein geradliniger, ehrlicher und auch recht naiver junger Mann, dem die Wahrheitsfindung wichtiger ist als die Karriere. Bei seinen vorurteilslosen Recherchen stößt er auf Ungereimtheiten, die ihn an der Schuld seines Mandanten zweifeln lassen. Der jüdische Bankier Abelson und seine kluge Tochter Ruth, die sich nicht auf die traditionelle Rolle einer Frau beschränken lassen will, helfen Wrangel bei seinen Untersuchungen, sein Mandant sabotiert dagegen überraschend die Arbeit des Verteidigers, da er plötzlich eine eigene Agenda zu verfolgen scheint. Die aufblühende Romanze zwischen Wrangel und Ruth wird unaufdringlich präsentiert und nimmt einen vergleichsweise geringen Raum ein. Sehr gut hat mir die detaillierte Charakterisierung des Henkers gefallen, der hier sehr menschlich dargestellt wird und nicht nur als "Totmacher" erscheint.

Es handelt sich trotz der als Mann verkleideten weiblichen Hauptfigur nicht um einen der gängigen Historienromane mit diesem Sujet, sondern um die literarische Rekonstruktion eines tatsächlichen Falls aus der Geschichte Hamburgs. Über den Kriminalfall hinaus erfährt der Leser eine Menge über die Hamburger Stadtgeschichte mit ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konventionen. Zwei Glossare (Historische Personen, Historische Begriffe) erleichtern dem Leser das Verständnis.
Über einen historischen Roman geht "Schandweib" insofern hinaus, als das Buch Parallelen zur heutigen Zeit aufzeigt und das Verhalten karriere- und machtbessessener Politiker bloßstellt, eine offenbar "zeitlose" Eigenschaft, die einem bestimmten Menschentypus zugeordnet werden kann, mit dem man beinahe täglich in den Nachrichten konfrontiert wird.

Fazit: "Schandweib" ist ein gründlich recherchierter, facettenreicher historischer Roman, der einen historischen Kriminalfall aufgreift. Es handelt sich jedoch bei dem Buch auf keinen Fall um einen Thriller, sondern eher um ein Sittengemälde des beginnenden 18.Jahrhunderts.
Der Leser erhält viele interessante zeitgeschichtliche Informationen in einem authentisch wirkenden Sprachstil, wobei jedoch keine Hochspannung erzeugt wird. Dennoch könnten plastische Darstellungen damaliger Heilbehandlungen und Hinrichtungsmethoden sensible Leser belasten.
Für Fans nervenstrapazierender Thriller ist das Buch weniger empfehlenswert, für Liebhaber anspruchsvoller historischer Romane dagegen sehr!

02.12.2011 12:27:36
Ulrike Pannen

Ich wurde auf das „Schandweib“ aufmerksam, als ich hörte, dass der Roman von einer Historikerin verfasst wurde – und auf einem wahren Fall beruht. Mich hat neugierig gemacht, ob sich der Text von den vielen, sachlich oft unqualifizierten historischen Roman abhebt. Und ja: das tut er! Selten hab ich einen Roman gelesen, der insgesamt so stimmig und fundiert über die Zeit um 1700 berichtet. Allerdings muss man dafür vielleicht in Kauf nehmen, dass die Figuren oft recht blutleer daherkommen und es der Autorin nicht ganz glückte, besonders dem „Schandweib“ Leben einzuhauchen. Nichtsdestotrotz: ein empfehlenswerter historischer Roman, besonders für diejenigen, die genervt sind von schludrigen Histo-Romanen, die auch die historischen Fakten eher unter „fiktionaler Freiheit“ einsortieren. Besonders toll übrigens (ich bin nur durch Zufall darauf gestoßen): Die E-Book-Ausgabe von „Schandweib“ ist als ein sogenanntes „enhanced E-Book“ aufgemacht und enthält jede Menge Extras, z.B. die Originalakten des Falls. Gerade für historisch Interessierte sind da fantastische „Schmankerl“ drin. Und es kostet sogar weniger als die gebundene Ausgabe!

31.08.2011 17:36:05
Schneekatze

Mir hat der Roam sehr gut gefallen. Erzählt wird die Geschichte der Ilsabe Bunk, der um 1700 in Hamburg der Prozeß gemacht wurde. Ilsabe ist als unverheiratete Frau immer wieder sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Sie entdeckt, dass wenn sie Männerkleidung trägt, sie in Ruhe gelassen wird. Als Mann kann sie besser Jobs finden und durch die Lande ziehen. Als auf dem Hamburger Marktplatz eine kopflose Frauenleiche gefunden wird, wird sie schnell als Verdächtige festgenommen. Sie ist halt "anders", also muß sie verdächtig sein.
Der junge Advokat Wrangel wird zu ihrem Anwalt bestimmt. Es stellt sich schnell heraus, dass es noch weitere Verdächtige gibt...