Der Spinnenmann

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Osburg, 2010, Titel: 'Edderkobben', Originalausgabe

Couch-Wertung:

95
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Carsten Jaehner
Was will SS-Standartenführer Heydrich in Oslo?

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Aug 2011

Kurzgefasst:

Im Rotlichtviertel von Oslo begegnet der junge Kriminalreporter Erik Erfjord 1934 zum ersten Mal jenem unheimlichen Deutschen, den er "Spinnenmann" nennt. Sein ehemaliger Schulfreund, Nachwuchsschauspieler bei der UFA, behauptet, es handele sich um einen Regisseur, der Knut Hamsuns Roman "Hunger" verfilmen wolle. Anderen präsentiert sich der Mann als Hans von Manteuffel, Kunstsammler. Doch was will SS-Standartenführer Reinhard Heydrich wirklich in Norwegen?

 

Erik Erfjord ist ein junger Kriminalreporter in Oslo und trifft im Jahr 1934 zufällig seinen alten Schulfreund Lennart Winther wieder. Dieser war eigentlich nach Deutschland entschwunden, um Schauspieler zu werden und reagiert nicht auf Eriks Rufe. Stattdessen steigt er als Fahrer in eine Limousine und fährt einen großen Mann weg. Ein paar Tage später geht bei ihm eine Einladung zu Lennarts Feier zur Rückkehr ein, wo Erik auch hingeht. Seinen Fahrgast bezeichnet er als Hans von Manteuffel, einen Filmregisseur, exzentrisch und schüchtern. Aufgrund seiner großen Hände bezeichnet Erik ihn als "Spinnenmann".

Als in einem Auto die Leiche des Geschäftsmanns Rustard gefunden wird, ist Erik vor Ort und versucht, Informationen für die Zeitung zu bekommen. Es stellt sich heraus, dass in der Privatwohnung Rustards eingebrochen wurde. Erik nimmt weitere Nachforschungen auf. Als Rustards altes, eigentlich leer stehendes Bürohaus in Flammen steht, werden darin neun verkohlte Leichen gefunden. Erik findet heraus, dass eine der Leichen sein Freund Lennart ist und geht Hinweisen nach.

Dabei ist immer wieder der Spinnenmann in der Nähe der Tatorte, und Erik forsch weiter nach und bringt nicht nur sich, sondern auch seine neue Freundin Kiss in Gefahr, die vor ihm mit Lennart zusammen gewesen war. Er verstrickt sich immer tiefer in die Geschichte und gerät in Kontakt mit den Größen der Osloer Unterwelt, bis der erfährt, dass es sich beim Spinnenmann um die SS-Größe Reinhard Heydrich handelt. Doch warum kommt er immer wieder nach Oslo und geht dafür über Leichen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Temporeiches Debüt

Terje Emberland und Bernt Roughvedt haben mit ihrem ersten gemeinsamen Kriminalroman ein spannendes und temporeiches Debüt vorgelegt, das Fans von Kriminalromanen mit historischem Touch, gerade mit Figuren aus dem Dritten Reich, äußerst erfreuen wird. Zwar spielt der Roman 1934 und das Dritte Reich hat noch nicht die Form erreicht, die es im weiteren Verlauf haben wird, aber es sind Anklänge des Judenhasses in Norwegen vorhanden, und auch das Auftauchen von Reinhard Heydrich bedeutet nichts gutes.

Zahlreiche Leichen pflastern den Weg des Kriminalreporters Erik Erfjord, der seine Nase zu tief in Dinge steckt, in denen er eigentlich nichts verloren hat. Da er Reporter ist und eigentlich nicht ermitteln darf, ist es umso erstaunlicher, wie er voran kommt und die Polizei sich wohl um nichts kümmert. So wird er zum Einzelkämpfer, nur unterstützt von Kiss, der ehemaligen Freundin seines Schulkameraden Lennart, dessen Vergangenheit ebenfalls mysteriös ist.

Bedrohliche Atmosphäre

Was sich hier ein wenig verwirrend anhören mag, ist im Gegenteil ein furios und spannend konstruierter Roman, der von vorne bis hinten wohl durchdacht ist und stets ein hohes Tempo anschlägt und auch durchhält. Dem Autorenduo gelingt es, den Leser in die nicht so schönen Ecken Oslos zu entführen und eine stets bedrückende und bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, die nur wenig Lichtblicke bereithält. Die Erzählung bietet wenige Ruhepausen, und für allzu ausufernde Beschreibungen ist keine Zeit und kein Platz, aber das macht nichts. Man hat es hier mit einem wahrhaftigen Pageburner zu tun, und das Buch ist so gut, wie es ist.

Erik Erfjord ist der Hauptdarsteller und Ich-Erzähler, dem man durch die gesamten 282 Seiten Handlung folgt. Er ist jung und noch nicht ganz so erfahrne, wenngleich er die Reporterregeln beherrscht, sich aber nicht immer an sie hält. Er ermittelt auf eigene Faust, teilweise mehr aus Zufall, weil er von anderen in diese Rolle gedrängt wurde, und dies bringt ihn bald in Schwierigkeiten. Die Unterwelt ist auch ihn aufmerksam geworden, und auch die Polizisten und Zeitungsmenschen scheinen nicht immer so neutral zu sein, wie sie sein sollten, beobachtet er doch die eine oder andere Chefetage beim Saufgelage mit dem Spinnenmann...

Viele überraschende Wendungen

Seine Freundin Kiss steht mit ihm bald einige Abenteuer durch, und auch sein Chef Mr. George gibt ihm den einen oder anderen Tipp. Dennoch gerät er in die Fänge des Ganoven Birger Bay und seiner Bande und muss um sein Leben fürchten. Eine Verfolgungsjagd jagt die andere, und alles wegen eines Bildes, wie sich herausstellt, aber niemand weiß genau, warum. Doch alles wird sich auflösen, lückenlos und mit einem Erzähler, der - natürlich - überlebt.

In einem kurzen Nachwort und einem kurzen Glossar werden die tatsächlichen Ereignisse und Figuren der Geschichte vorgestellt und somit der gesamte Roman in einen wirklich Kontext gestellt, der besonders für Nicht-Norweger interessant und aufschlussreich sein dürfte. Ohne zu viel verraten zu wollen und damit dem Roman Spannung und Pointe zu nehmen, sei auch darauf hingewiesen, dass zum Ergänzen des Verständnisses des Romans ein Blick in einschlägige Online-Lexika nicht schaden kann.

Wieder einmal ist es dem Osburg-Verlag gelungen, einen spannenden Roman zu entdecken und der deutschsprachigen Leserschaft zu präsentieren, der die Lektüre lohnt. Lesern, die sich nicht gern mit der Nazi-Zeit beschäftigen, sei mitgeteilt, dass der Nationalsozialismus, wenn überhaupt, in diesem Roman nur eine untergeordnete Rolle spielt und nicht als Kriterium herhalten kann, sich diese Roman entgehen zu lassen. Wer spannenden Unterhaltung in zwielichtigem Ambiente mit erstaunlichen vielen Tatsachen liebt, wird mit dem Spinnenmann richtig beraten sein. Und man darf auch auf weitere Geschichten um den Kriminalreporter Erik Erfjord gespannt sein, schließlich ist in Norwegen bereits ein weiterer Roman erschienen.

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