Morgengebet

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 1998, Titel: 'Morgunþula í stráum', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Carsten Jaehner
Eine isländische Pilgerreise, die Spuren hinterlässt

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Aug 2011

Kurzgefasst:

Der Isländer Sturla Sighvatsson, der von 1199 bis 1238 lebte, ist ein Mirglied der mächtigen Damilie der Sturlungen. Im Kampf der Clans um die Herrschaft auf der Insel verstrickt sich Sturla in Schuld, auch gegenüber dem Bischof. Mit einer Pilgerfahrt nach Rom hofft er, vom Papst Vergebung seiner Sünden zu erlangen. Seine abenteuerliche Fahrt wird eine Reise zu sich selbst, an deren Ziel aber der ehrgeizige Sturla scheitert.

 

Sturla Sighvatsson ist Mitglied der mächtigen isländischen Familie der Sturlungen. Er verstrickt sich in Schuld und soll für sich und seinen Vater, der ebenfalls Schuld auf sich geladen hat, nach Rom pilgern und beim Papst um Vergebung seiner Sünden bitten. Man schreibt das Jahr 1233, und mit ein paar Freunden macht er sich auf den Weg.

Nach der Ankunft auf dem europäischen Festland reiten sie durch Frankreich und Italien, und hier lernt Sturla nicht nur die verschiedenen Klöster kennen, in denen sie auf ihrer Reise unterkommen, sondern auch das normale Leben. Es herrscht Krieg, doch auch ruhige Zonen werden von ihnen durchquert. Nach der Ankunft in Rom begibt sich Sturla in den Vatikan, um Abbitte zu leisten.

Doch auch auf der Rückreise wird Sturla nicht wirklich glücklich. Seine Erlebnisse in Paris und wieder daheim in Island und insgesamt die ganze Reise sind für ihn eine intensive Reise zu sich selbst, und sich darin zu finden, ist nicht ganz einfach und nicht immer angenehm.

Intensive Darstellung der Zeit

Thor Vilhjálmsson bietet mit seinem Roman Morgengebet einen eindrucksvollen Einblick in das Denken der Isländer im 13. Jahrhundert. Durch seine Reise durch das mittelalterliche Europa erfährt man viel über das Leben und die Ansichten der Menschen, und die Vergleiche seines Helden Sturla mit den Verhältnissen auf Island lassen den Leser das ein ums andere mal innehalten und überlegen, welche Denkweise denn nun vielleicht die einfachere oder richtigere ist. Hier liefert der Autor reichliche und reichhaltige Denkanstösse.

Aber er springt auch in der Erzählung hin vor und zurück. In den eigentlichen Handlungsablauf sind immer wieder Szenen aus Sturlas Vergangenheit eingeflochten, die auch häufig mit seiner Frau Solveig zu tun haben, wie sie sich kennen gelernt haben und wie sie zusammen ihr Leben bestreiten. Vilhjálmsson ist ein starker Erzähler, der die Kraft seiner Wort zu nutzen weiß.

Kräftige Sprache

Dennoch ist seine Sprache nicht nur kräftig, sondern auch manchmal etwas schwierig zu verstehen. Es gibt Passagen, wo man abschnitt um Abschnitt liest und sich am Ende fragt, worum es denn überhaupt ging und was das mit der Handlung zu tun hat. Aber das hat es, und der Autor holt nur bisweilen weiter aus als es andere Autoren tun, und was letztlich beim Leser hängen bleibt, ist ein eindrucksvolles Gesamtbild der Zeit, der Menschen und der Traditionen, die, verglichen mit denen anderer Länder und Kulturen, doch immer präsent sind und über allem schweben.

Erzählerische Glanzlichter in dem Roman sind durchaus zu finden, so beispielsweise wenn Sturla in Rom ist und man die Leiden des Büßers miterlebt. Dem Leser wird nichts von der Brutalität erspart, wobei der Autor nicht in Blutrünstigkeit schwelg, aber er beschönigt auch nichts. Formuliert in einer gewissen isländisch-ruhigen Neutralität und doch auf den Punkt gebracht, das ist die große Erzählkunst, mit der Vilhjálmsson den Leser beeindruckt.

Durch Gespräch mit anderen erfährt Sturla viel über sich selbst. Gerade seine Begegnungen in den Klöstern sind von ungeheurer Intensität und für seine Pilgerreise viel wert. Und wie auf einer richtigen Pilgerreise sind es die Begegnungen, die ihn läutern, und nicht unbedingt sein Büßen in Rom.

Realer Hintergrund

Sturla Sighvatsson ist eine reale Figur, die zu ihrer Zeit die mächtigste der Sturlungen war und die dabei waren, zur mächtigsten auf Island aufzusteigen. Dazu ist es nicht gekommen, die Familie wird vernichtet werden, und nur einer wird übrig bleiben. Wie das interessante siebenseitige Nachwort des Übersetzers zeigt, wird dies Þorður sein, dessen Geschichte, gewissermaßen als Fortsetzung, wenn man so will, von Einar Kárason in dessen Roman Feindesland erzählt wird.

Insgesamt hat Thor Vilhjálmsson, einer der angesehendsten Autoren Islands des 20. und 21. Jahrhunderts, einen eindrucksvollen Roman vorgelegt, der den Leser in das mittelalterliche Island einführt und der Autor dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Sprachlich macht der Autor es dem Leser nicht immer leicht, es ist nicht immer leicht, dem Geschehen zu folgen und es wird nötig sein, den Roman gelegentlich aus der Hand zu legen und auf sich wirken zu lassen. Dies ist aber durchaus lohnenswert und kann für jeden Leser eine literarische Bereicherung sein.

 

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