Der Pestengel von Freiburg

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Kindler, 2011, Titel: 'Der Pestengel von Freiburg', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Erschütterndes Zeugnis von Sterben und Völkermord

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jul 2011

Kurzgefasst:

Freiburg 1348: Unaufhaltsam wälzt sich die Pest von Süden heran. Schuld an der Seuche sollen die Juden sein. Als Clara, Frau eines Wundarztes, herausfindet, dass ihr Sohn das jüdische Nachbarsmädchen Esther liebt, versucht sie mit allen Mitteln, ihn vor der gefährlichen Verbindung zu schützen. Es kommt zu einem Zerwürfnis zwischen Mutter und Sohn und in der gleichen Nacht zu Esthers Verhaftung. Unterdessen erkennt Claras Mann, dass sich der Schwarze Tod in Wirklichkeit durch Ansteckung verbreitet, und schickt seine Familie aus der Stadt. Als er bald darauf selbst an Lungenpest stirbt, kehrt Clara nach Freiburg zurück und tritt sein Vermächtnis an. Wagemutig lässt sie alle Ressentiments hinter sich und sagt nicht nur der Pest, sondern auch dem Hass gegen die Juden den Kampf an.

 

Für Clara scheint die Welt in Ordnung - bis sie entdeckt, dass ihr ältester Sohn Benedikt sich in das jüdische Nachbarmädchen Esther verliebt hat. Clara versucht, diese Verbindung zu verhindern, hat sie doch einige Vorbehalte gegen die Juden. Enttäuscht wendet sich Benedikt von seiner Familie ab. Denn ohne Einmischung seiner Mutter wäre es ihm gelungen, die geliebte Esther rechtzeitig vor den Häschern der Stadt in Sicherheit zu bringen, die alle Juden gefangen nehmen. Den Juden wird vorgeworfen, sie würden bewusst Tod und Verderben über die Stadt bringen. Noch ahnt kaum jemand, dass die fingierten Vorwürfe bald von einer düsteren Todeswelle überrollt würden. Denn vor den Toren der Stadt breitet sich bereits die Pest aus. Angesichts des Elends, das über die Bevölkerung kommt auch vor ihrer eigenen Familie nicht Halt macht, wächst Clara über sich hinaus. Als Frau des Wundarztes hat sie in den letzten Jahren einiges an medizinischem Wissen angeeignet und hilft nun, wo sie kann. Doch die Schuld, die sie auf ihre Schultern geladen hat, droht, sie zu erdrücken.

Eindrückliches Plädoyer gegen Hass

Mit diesem Roman knüpft die Autorin Astrid Fritz nahtlos an die überzeugenden Romane der letzten Jahre an. Wiederum wendet sie sich einem brisanten Thema zu, das in vielen Bereichen auch in der heutigen Zeit seine Gültigkeit hat. Sie beschreibt eindringlich, wie Habgier und Machtstreben zur Vernichtung einer ganzen Volksgruppe führen. Schritt für Schritt zeigt Astrid Fritz die Entwicklung auf, die letztlich in die Verbrennung der Freiburger Juden mündet. Dabei lässt sie auch ihre Protagonistin Clara nicht aussen vor. Denn Clara ist ein Kind ihrer Zeit und begegnet ihren jüdischen Nachbarn ebenso mit Distanz wie mit einem gewissen Mass an Neid. Erst als sie erkennen muss, zu welch grausamen Folgen Neid und Missgunst führen kann, beginnt Clara über ihre eigene Handlungsweise nachzudenken und versucht, gegen den Hass der Menschen gegenüber der fremden Religion anzugehen. Hier lässt Astrid Fritz durch ihre Protagonistin ein eindrückliches Plädoyer gegen Hass und Intoleranz entstehen. Dieses wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder moralisierend.

Starke Figuren

Wie von Astrid Fritz nicht anders gewohnt, lebt die Geschichte unter anderem von starken Charakteren. Im Zentrum steht nicht die junge Frau, die sich gegen die Gesellschaft auflehnt, sondern eine gereifte Person, die sich von alten Zwängen zu befreien versucht und es schafft, auch über eigene Fehler nachzudenken - ohne dabei unfehlbar zu werden. Genau diese Eigenschaft ist es, die Clara zu einer spannenden Protagonistin macht, die zwar um die Sympathie des Publikums hart ringen muss, die aber sehr menschlich ist. Auch die anderen Figuren vermögen zu überzeugen, sei es nun der verliebte Benedikt, der weise Wundarzt Heinrich, dem viele Zusammenhänge klar sind, und der doch nicht dagegen angehen kann oder die verschiedenen "Bösewichte", die sich zu einer unheiligen Allianz zusammen finden.

Schrecken der Pest

Gekonnt führt die Autorin ihre Leserschaft an die Schrecken der Pest heran. Zunächst sind es nur Gerüchte, die kursieren, dann kommen die sich geisselnden religiösen Eiferer in die Stadt, die die Angst vor der Seuche so stark anheizen, dass sich ein erstes Gefühl von Panik ausbreitet. Astrid Fritz schildert, wie die Seuche näher kommt und das Denken der Menschen immer stärker beherrscht. Gleichzeitig zeigt sie auf, wie sehr die Obrigkeit versucht, das Problem klein zu reden und die Ruhe wieder herzustellen. Der aussichtslose Kampf der im 14. Jahrhundert gegen die Pest noch machtlosen Mediziner und die berechnenden Menschen, die die Angst vor der Seuche für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sind ebenso Teil des Buches, wie die Hoffnung, die trotz aller Schrecken immer wieder ihre Blüten treibt und hilft, die düsteren Zeiten zu überstehen.

Aufschlussreiches Nachwort

Während der Roman selber alle Elemente enthält, die man sich von einem guten historischen Roman wünscht, bekommt der geschichtliche Hintergrund durch das aufschlussreiche Nachwort der Autorin noch zusätzliches Gewicht. Besonders die politische Einschätzung der Autorin und ihre schlüssige Erklärung für die Verfolgung der Juden bilden einen runden Abschluss zum an sich schon starken Leseerlebnis. Ein umfangreiches Glossar stellt einen weiteren Pluspunkt dar.

Mit Der Pestengel von Freiburg legt Astrid Fritz einen hervorragend konzipierten Roman vor, der sich inhaltlich wie sprachlich von der breiten Masse abzusetzen vermag und zum Nachdenken anregt - selbst bezüglich der Parallelen der Vergangenheit zur heutigen Gesellschaft.

 

Der Pestengel von Freiburg

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Letzte Kommentare:
22.03.2013 13:14:33
Cappuccino-Mama

Historische Romane – meine Welt! Und wenn sie dann auch noch im Mittelalter spielen – umso besser! Als Baden-Württembergerin fühlte ich mich dann fast schon verpflichtet, diesen Roman, der im Schwarzwald (genauer gesagt in Freiburg) spielt, zu lesen.


Das Cover:

Dieses Buchcover ist glänzend gestaltet. Zu sehen ist auf der Abbildung des Covers eine Frau, die einen etwas müden und abgekämpften Eindruck macht. Die rotblonden Haare werden von einer Haube in Schwarz, Gelb und Rot bedeckt. Das Kleid in Rot und Schwarz wirkt edel und hat einen breiten Ausschnitt, wodurch die Schultern kaum bedeckt sind. Die roten Ärmel sind weit und aus rotem Stoff, während der schwarze Stoff eng am Körper der Frau anliegt und dadurch figurbetonend ist. Um den Hals trägt die Frau zwei Goldketten, eine davon mit einem Anhänger, wobei diese Ketten eher „halsfern“ auf den Schultern ruhen.

Die Hand der Frau ruht auf dem bleichen Arm einer Kranken, die im Bett liegt (ich vermute anhand des Nachthemds, dass es sich um eine Frau handelt, denn zu sehen ist lediglich der Arm und nur ein kleiner Teil des Körpers). Den Hintergrund bildet ein grüner Vorhang. Auffallend ist der durchscheinende, riesige Totenkopf, der sich hinter der sitzenden Frau befindet.

Sehr edel wirkt das Buch dadurch, dass der Name der Autorin in goldfarbenen, geschwungenen und relativ großen Buchstaben gestaltet ist. Die Farbgebung selbst finde ich gut gelungen – sehr harmonisch. Das Bild der Frau entspricht zwar nicht dem heutigen Schönheitsideal, passt aber sehr gut zu einem historischen Roman aus dieser Zeit.


Die Handlung:

Freiburg 1348 - Clara und Heinrich Grathwohl führen mit ihren vier Kindern ein glückliches und zufriedenes Leben. Heinrich verdient den Lebensunterhalt für die Familie als Wundarzt, wobei ihn seine Frau Clara eifrig und tatkräftig unterstützt. Sohn Benedikt ist Steinmetz und zugleich der Meisterknecht, Tochter Johanna ist mit Meinwart, dem Tuchersohn, verlobt. Ebenfalls zur Familie gehören noch die beiden jüngeren Kinder Michel und Kathrin.

Sohn Benedikt liebt die Nachbarstochter Esther, mit der er von Kindesbeinen an befreundet ist, sehr zum Missfallen der beiden Familien – undenkbar eine Verbindung eines Christen und einer Jüdin! Zudem soll Esther Grünbaum schon bald einen jungen Juden aus Straßburg heiraten. Da trifft Benedikt eine folgenschwere Entscheidung, um Esther zu retten.

Kurz darauf nähert sich die Pest auch der Stadt Freiburg und schon bald werden die Juden beschuldigt, Schuld daran zu sein, dass der Schwarze Tod auf dem Vormarsch ist. Und so werden die jüdischen Familien verfolgt und gefangen genommen, unter ihnen auch die Nachbarn der Familie Grathwohl – ihnen allen droht der Tod auf dem Scheiterhaufen. Doch Clara kann und will der ganzen Sache nicht einfach hilflos zusehen und ergreift die Initiative.

Und dann hält die Pest tatsächlich Einzug in Freiburg und Heinrich muss als Pestarzt den Kampf gegen die Seuche aufnehmen...


Meine Meinung:

Man mag über Clara denken, was man mag, aber eines muss man ihr lassen: Sie hat jede Menge Zivilcourage – setzte sich für Leute ein, die verfolgt wurden (in diesem Fall meist für die jüdischen Nachbarn), und sie war für die damalige Zeit sehr emanzipiert, ging sie ihrem Mann doch bei seinen Krankenbesuchen zur Hand – führte selbst den Aderlass durch, der doch den Ärzten vorbehalten war.

Heinrich mochte ich ebenfalls. Ihn und Clara verband eine tiefe Liebe, er respektierte seine Frau – leider war dies nicht selbstverständlich im Mittelalter, damals, als die Frau ihrem Mann zu gehorchen hatte und nur die drei Ks zählten, für die die Frau zuständig war: Kinder, Kirche, Küche (- und natürlich noch das Bett). Ehen waren oft arrangierte Ehen – Zweckgemeinschaften, indem sich Land zu Land, Adel zu Adel oder Geld zu Geld fand. Bei den Grathwohls jedoch war es einst eine Liebesheirat gewesen, die auch noch nach vielen gemeinsamen Jahren ihren Bestand hatte. Aber auch die Kinder des Paares hatten sicherlich mehr Freiräume, als es zur damaligen Zeit üblich war – in meinen Augen war die Familie für die damalige Zeit sehr modern eingestellt und ihrer Zeit weit voraus.

Benedikt, den ältesten Sohn der Grathwohls fand ich sehr reif für sein Alter. Als Meisterknecht hatte er eine große Verantwortung zu tragen, und im Gegensatz zu den anderen Personen auf der Baustelle, nahm er seine Arbeit auch in den schlechten Zeiten ernst, als die Pest die Stadt Freiburg fest im Griff hatte.

Eine zentrale Rolle spielt, so sehe zumindest ich dies, die problematische Beziehung zwischen Benedikt und seiner Mutter Clara. Sie betrachtet die stetig wachsende Liebe zwischen Esther und Benedikt mit Besorgnis, befürchtet sie doch, dass das Bekanntwerden dieser Beziehung enorme Schwierigkeiten mit sich bringt. Einerseits würde keiner diese Liason akzeptieren – gehören beide doch unterschiedlichen Glaubensrichtungen an, zum anderen befürchtete sie für Benedikt auch berufliche,... Nachteile, die diese Beziehung mit sich bringen würde.

Den Stadtarzt Filibertus Behaimer fand ich schon besonders unsympathisch. Heinrich Grathwohl gegenüber verhielt er sich sehr überheblich, fühlte sich als etwas Besseres – schließlich diente der Stadtmedicus dem Herrn Grafen als Leibarzt, wovon er natürlich auch reichlich profitiert.

Sehr leid tat mir der jüdische Nachbar der Grathwohls – Moische ben Chajm (die Familie wurde stets Grünbaum genannt) wurde mehrmals Opfer von Angriffen, was Clara nicht einfach so hinnahm, so auch als es in ihrem Beisein eine Attacke gegen den äußerst sanftmütigen Moische gab.

Meinwart Tucher, der Sohn aus einer wohlhabenden Familie und einst ein Freund Benedikts, dem Johanna als Ehefrau versprochen war, fand ich unmenschlich, arrogant und ohne jede Spur von Mitgefühl. Den gewalttätigen Vater verabscheute ich – zum einen griff er nicht ins Geschehen ein, zum anderen litt ganz besonders seine Frau Mechthild unter seinen Misshandlungen. Und nachdem infolge einiger Vorkommnisse, von Seiten der Familie Grathwohl kein Wert mehr auf eine Ehe mit Meinwart gelegt wurde, wurde auch der freundschaftliche Kontakt zwischen Clara und Mechthild vom alten Tucher unterbunden.

Schmunzeln musste ich, trotz der ernsten Lage die herrschte, ganz besonders über zwei Ereignisse:

- Behaimer und der Graf betreiben eine ganz besondere Art der Vorbeugung, um gegen die Pest gewappnet zu sein. So findet die körperliche Betätigung im Schloss statt unter Mitwirkung einiger käuflicher Damen – Leibesertüchtigungen mal anders...

- Nachdem viele Bewohner Freiburgs bereits Opfer der Pest wurden, kleidet sich so manch einer nicht ganz so standesgemäß – man trägt Schnabelschuhe, deren Spitzen so lang sind, dass ihre Träger darüber stolpern. Einer von Benedikts Mitarbeitern trägt einen Hut mit flauschiger Feder, den Benedikt ihm vom Kopf schlägt und mit dem Fuß durch eine Schlammpfütze zieht...

Hexenverbrennungen spielen in Mittelalter-Romanen ja fast immer eine große Rolle. Dieser Roman hatte jedoch andere Opfer zu beklagen: die jüdische Bevölkerung. Wo es keine Erklärungen gab, wo man einem Ereignis hilflos gegenüberstand, da suchte man (schon damals) einen Schuldigen, einen Sündenbock. Hier waren es die Juden (unter anderem als „Brunnenvergifter“ verschrien) und so mancher erhoffte sich durch die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, etwas vom Reichtum der Juden abzubekommen, verfügten diese doch, bedingt durch Handel und ähnliches, über einen beträchtlichen Reichtum. Sehr gut dargestellt wurde dies hier durch die Beschreibung des Hauses der Familie Grünbaum, den Nachbarn der Grathwohls. Aber die Ausgrenzung wird auch schon dadurch sichtbar, dass man die jüdischen Familien als „die Hebräer“ bezeichnet. Entkommen konnten die Juden ihrem Schicksal nur, wenn sie Christen wurden und sich taufen ließen, oder es sich um Kinder handelte, die noch keine vier Jahre alt waren.

Sehr lobenswert finde ich, dass sich in diesem Buch ein sehr umfangreiches Glossar befindet, wobei ich dieses noch durch einige wenige Begriffe ergänzt hätte. Beim Text auf der Buchrückseite hätte ich mir gewünscht, man hätte einige Details nicht erwähnt. Weshalb nur wurde verraten, dass Heinrich stirbt? Dieses Ereignis tritt erst gegen Ende des Buches ein – viel spannender wäre es da doch gewesen, mitzufiebern, ob Heinrich ebenfalls Opfer der Pest wird und diese auch überlebt!

Das Nachwort ist ebenfalls sehr lesenswert, klärt es doch über die damaligen Umstände auf und berichtet über die Hintergründe der Judenverfolgung im 14. Jahrhundert. Einen Stadtplan aus dieser Zeit gibt es zwar leider nicht in diesem Buch, wohl aber eine altertümliche Abbildung der Stadt Freiburg.

Zum Titelbild: Naja, hier habe ich doch etwas Bedenken, ob so ein Bild der Realität entsprechen könnte – das Kleid erscheint mir für eine Arztfrau doch etwas offenherzig, dazu wirkt es recht edel und zwei Goldketten um den Hals, dazu eine relativ farbenfrohe Haube, passt wohl eher in „höhere“ Kreise... - wie dem auch sei – so sieht es eben besser aus, als ein Alltagsgewand.

Der Schreibstil der Autorin, die mir bislang nur namentlich bekannt war, gefiel mir sehr. Man fand gut und problemlos in die Handlung hinein. Das Buch war von der ersten bis zur letzten Seite spannend, unterhaltsam und kurzweilig, die Thematik hervorragend recherchiert. Und ich denke, dass dies nicht das letzte Buch sein wird, das ich von dieser Autorin gelesen habe.


Fazit:

Ein fesselnder und kurzweiliger Mittelalter-Roman um eine mutige Frau – schockierend, mitreißend und spannend. Nach wahren Begebenheiten. Von mir gibt es dafür eine absolute Buchempfehlung, sowie wohlverdiente 5 Sterne.

02.02.2013 07:05:49
chatty1968

STORY
Die Pest kommt in Freiburg an. Hierfür werden die Juden verantworlich gemacht und denunziert. In dieser Zeit verliebt sich Clara und Heinrichs Sohn Benedikt in die Jüdin Esther. Da diese Liebe jedoch eine Gefahr darstellt, möchte Clara dieses unterbinden und greift zu einer Lüge. Während sich Heinrich weiterhin um die Kranken kümmert, verlässt Clara mit den Kindern die Stadt und flieht in einer Hütte in den Wald um das Ende der Pest abzuwarten. Doch dann stirbt Heinrich. Clara kommt zurück, mit ihr natürlich auch ihr schlechtes Gewissen Benedikt gegenüber. Werden am Ende Ester und Benedikt doch noch zu einander finden?

FAZIT
Ein wunderbar recherchierte, historisch fundierte Geschichte, die einen komplett in seinen Bann zieht. Der Leser hat das Gefühl richtig in die Geschichte einzutauchen und auch Handlungen mitzuerleben. Man möchte gerne in den Ablauf eingreifen und die Protagonisten auf Fehler hinzuweisen.
Die Charaktern, Landschaften und Begebenheiten sind sehr detailliert beschrieben, dass man nahezu die Blumen riechen kann.
Vielen Dank für dieses wunderbare Buch! Bitte mehr davon!

15.09.2012 14:16:16
Peter Pan

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12.09.2012 21:05:51
Gisela Köpping

Ich lese eigentlich alle historischen Romane von Astrid Fritz mit großer Begeisterung. Aber der "Pestengel von Freiburg" hat mich dermaßen gefangen genommen, dass ich das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte und es in wenigen Tagen ausgelesen hatte. Nun warte ich mich ganz großer Spannung auf das neue Buch "Die Himmelsbraut", das in wenigen Tagen erscheint, gerade rechtzeitig zu meinem Geburtstag.

17.11.2011 17:09:37
€nigma

"Der Pestengel von Freiburg" beschäftigt sich mit zwei in gewisser Weise zusammenhängenden Themengebieten. Zunächst geht es um die Situation der Juden im mittelalterlichen Deutschland. Den Juden waren fast alle beruflichen Tätigkeiten untersagt, sie durften weder Land erwerben und bebauen noch ein Handwerk ausüben. Deshalb blieben ihnen nur die Tätigkeiten des unabhängigen Arztes, des Trödlers und des Geldverleihers. Im Gegensatz zu den Christen war es ihnen nicht von ihrer Religion verboten, Zinsen zu nehmen.
Die Adeligen und Stadtratsmitglieder waren oft bei den Juden verschuldet, diese Abhängigkeit nährte noch das Misstrauen und die Abneigung, die bereits durch die nach christlicher Anschauung "seltsamen" Bräuche der jüdischen Mitbürger geweckt worden waren.
Selbst eine vergleichsweise aufgeschlossene Frau wie die Clara Grathwohl, die Protagonistin dieses Romans, tut sich im Umgang mit ihren jüdischen Nachbarn schwer. Einerseits schätzt sie die Nachbarsfamilie Grünbaum menschlich sehr und verteidigt sie gegen Anfeindungen, andererseits ist sie doch entsetzt, als ihr Sohn Benedikt sich in die junge Esther Grünbaum verliebt und unternimmt alles Menschenmögliche, um eine solche Verbindung zu hintertreiben.
Das zweite große Themengebiet in diesem Roman ist die Pestepedemie, die von 1348 bis 1352 durch Europa zog und Millionen von Menschen das Leben kostete. Als die Pestwelle auf Freiburg zurollt, kommt es zur großen Judenverfolgung. Am 23.01.1349 berichtet die Freiburger Stadtchronik von einer Judenverbrennung, bei der außer Schwangeren und Kindern im Alter bis zu vier Jahren sämtliche Juden ermordet wurden. Gerechtfertigt wurde dieser Massenmord mit der Behauptung, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und trügen somit die Verantwortung für den Ausbruch der Pest. Allerdings kursieren auch andere Theorien, in der die Pest auf Erdbeben, besondere klimatische Bedingungen, schlechtes Miasma oder auch auf Gottes Zorn zurückgehen soll. Um Letzterem entgegen zu wirken, ziehen Flagellanten durch das Land, die zur Buße aufrufen und sich öffentlich geißeln.
Die Autorin beschreibt sehr eindrucksvoll, wie sich die Gesellschaft unter der Bedrohung durch den Schwarzen Tod verändert. Die reichen Bürger ergreifen die Flucht, die Übrigen wollen ihre möglicherweise letzten Tage voll auskosten und geben sich zügellos kulinarischen und fleischlichen Vergnügungen hin, wobei sie in Tavernen, Badestuben und Bordellen unwissentlich für die Verbreitung der Infektion sorgen.
Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit sind nur noch leere Worte, auch und vor allem die Geistlichen entziehen sich ihren Pflichten und denken nur an die eigene Sicherheit. Nur wenige Menschen sind noch bereit zur Krankenpflege. Die Szenen an den Krankenbetten werden teils recht drastisch beschrieben und sind nicht für empfindliche Mägen geeignet.
Sehr gelungen finde ich die Charakterisierung der Figuren, die sehr realitätsnah mit Stärken und Schwächen dargestellt werden. Ebenso gelungen ist der Erzählstil, der durchgehend "mittelalterlich" anmutet.
Ein weiterer Pluspunkt ist das Nachwort der Autorin mit Hintergrundinformationen zu den Inhalten des Romans. Außerdem ist noch ein sehr umfangreiches Glossar nachgestellt, das sowohl mittelalterliche Ausdrücke als auch jüdische Wörter erklärt.

Fazit: "Der Pestengel von Freiburg" ist ein authentischer, anspruchsvoller und dabei sehr unterhaltsamer Roman über ein dunkles Kapitel der Geschichte, den man Lesern, die sich für die Geschichte der Juden im mittelalterlichen Deutschland und für medizingeschichtliche Themen interessieren, bedenkenlos empfehlen kann.