Der Klang der Erde

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2011, Titel: 'Der Klang der Erde', Originalausgabe

Couch-Wertung:

55
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Carsten Jaehner
Die Erde klingt verstimmt

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jun 2011

Kurzgefasst:

Der Geiger Max Auerbach hat nach dem Scheitern seiner Ehe eine Anstellung beim Lübecker Stadtorchester unter Leitung des jungen Dirigenten Wilhelm Furtwängler gefunden. Als der glühende Verehrer Mahlers im Mai 1911 vom Tod des Wiener Meisters erfährt, verliert er jeden Halt: Auerbach entwickelt eine gefährliche Persönlichkeitsstörung. Er nimmt einen Doppelgänger wahr, der ihm aufträgt, in München die Orchesterpartitur von Mahlers Lied von der Erde zu stehlen und den Dirigenten der Uraufführung, Bruno Walter, zu töten...

 

Max Auerbach ist Geiger und findet im Jahr 1911 eine Anstellung im Lübecker Stadtorchester. Er beginnt mehr oder weniger eine Liaison mit seiner Nachbarin Sarah, als ein neuer Dirigent das Orchester übernimmt. Er heißt Wilhelm Furtwängler und weckt ebenfalls das Interesse der jungen Sarah.

Als im Mai 1911 der Komponist Gustav Mahler in Wien stirbt, bricht für Auerbach eine Welt zusammen. Als er erfährt, dass Mahlers letztes Werk "Das Lied von der Erde" genau dieselben Gedichte vertont, die er selbst als Komposition bearbeiten wollte, tickt in ihm etwas durch, und er beschließt, nach München zu reisen und die Partitur zu stehlen und somit die Uraufführung zu verhindern. Er nimmt auch zunehmend einen Doppelgänger wahr, der Verbrechen, vornehmlich an Kindern, begeht.

Da er einige Münchener im Orchester kennt, fällt ihm der Zutritt nicht schwer, und er plant ebenfalls, den Dirigenten Bruno Walter zu töten. Sein Plan gelingt, und er stiehlt die Partitur. Zurück in Lübeck gibt er Mahlers Komposition als seine eigene aus, doch Bruno Walter hat überlebt, und es scheint eine weitere Abschrift der Partitur zu geben, die in München aufgeführt werden soll. Und auch Auerbachs Privatleben wird immer turbulenter.

Ein Gustav-Mahler-Roman?

Dieter Bührig hat seinen Roman Der Klang der Erde mit "Ein Gustav-Mahler-Roman" untertitelt, was für den Leser irreführend sein kann. Mahlers Todesnachricht ereilt den Leser bereits auf Seite 21, und so taucht der Komponist niemals selbst lebend in dem Roman auf, allerdings geht es immer um seine Kompositionen und auch um seine Witwe Alma. Der Roman erscheint zum 100. Todesjahr Mahlers, und der Autor unternimmt den Versuch, ihm ein literarisches Denkmal zu setzen.

Dies gelingt leider nur bedingt. Mahler war zu Lebzeiten mehr als Dirigent denn als Komponist anerkannt, und der Autor versucht daher auch, den Komponisten in den Vordergrund zu rücken, da er ja als Dirigent nicht mehr auftreten kann. Dabei besteht allerdings die Gefahr, den Leser mit musikalischen Fachbegriffen zu überfrachten, was gerade für Nicht-Musiker eher abschreckend wirken dürfte. Leider ist Bührig das eine ums andere Mal in genau diese Falle getappt, was dem Lesefluss durchaus nicht gut tut.

Unausgesprochene Informationen

Die Charaktere bleiben meist an der Oberfläche, und an den Stellen, wo man über Auerbach mehr erfahren müsste, warum er tut, was er tut, kratzt der Autor nur an der Oberfläche. Es lässt sich erahnen, was die Ursachen sind, aber wirklich ausgesprochen werden sie nicht. Da Auerbach eigentlich nur für sich agiert, bleibt ihm die Verwebung mit den anderen Personen verwehrt, und es entspinnen sich Handlungen, die nebeneinander her laufen, aber nicht zusammenwachsen.

Bührig schafft auch Nebenerzählstränge, die nicht zu Ende geführt werden, und bei denen man sich fragt, warum sie überhaupt vorkommen. Die Sequenz mit Alma Mahler hat beispielsweise nur wenig mit der Rahmenhandlung zu tun und hätte auch weggelassen werden können. Dass Almas Lebenswandel heutzutage wohl als skandalös bezeichnet werden würde und sie einen Platz in den Klatschspalten der Gazetten haben würde, ist hinlänglich bekannt und hat mit der Geschichte des Romans letztlich nichts zu tun. Wirklich zusammengeführt werden die Nebenstränge am Ende auch nicht, und so hinterlässt der Roman beim Leser das Gefühl, nicht genau zu wissen, was der Autor ihm eigentlich mit dem Roman mitteilen wollte.

Unnötige Nebenhandlungen

Immerhin nutzt der Autor Originalquellen wie Zeitungskritiken, um dem Roman einen realen Anstrich zu verleihen. Dass die Handlung zerfahren und wackelig ist und ihr streckenweise nur schwer zu folgen ist, da sie uneinheitlich bleibt, ändert daran jedoch leider nichts.

Ob dem Autor hier ein Gustav-Mahler-Roman gelungen ist, der dieses Prädikat verdient, bleibt jedem selbst überlassen. Er ist vielleicht eine Annäherung an den Komponisten, an seinen Komponierstil und an seine Stellungen als Dirigent bzw. als Komponisten, aber er hinterlässt beim Leser ein unbefriedigtes Gefühl. Der Mensch Gustav Mahler wurde fast gar nicht beleuchtet, und die Sequenzen über die Proben seiner Musik dürften viele Leser langweilen, wenn sie sie denn als Nicht-Musiker überhaupt verstehen. Das ist schade und zeigt ein Problem auf, wenn man versucht, Musik in Romanform zu packen. Wie schwierig das ist, zeigt sich in "Das Klang der Erde".

Der Roman enthält als Zugaben die vollständigen Texte der vertonten Gedichte und einen achtseitigen Anhang mit Erklärungen zu den Fußnoten, von denen im Roman reichlich vorhanden sind, und das übliche Lesezeichen des Verlages mit Bildausschnitt vom Cover. Der Klang der Erde ist ein Roman, der nicht für jeden Leser geeignet ist. Zwar düster, wie auf dem Cover angepriesen, aber nicht unbedingt atmosphärisch und leider auch nicht sehr mitreißend. Wenn es dem Autor gelingt, künftig mehr Ordnung in seine Handlungen zu bringen und sie zusammenzuführen und sich aufs wesentliche zu konzentrieren, wird man bei einem neuen Werk um Musik bestimmt wieder zugreifen. Hier hätte er allerdings mehr draus machen können.

Der Klang der Erde

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