Die Hebamme von Sylt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Rütten und Loening, 2011, Titel: 'Die Hebamme von Sylt', Originalausgabe

Couch-Wertung:

64
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Rita Dell'Agnese
Dramatischer Roman um Schuld und Sühne

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2011

Kurzgefasst:

Zwei Kinder und ein tödliches Geheimnis: Geesche ist die einzige Hebamme auf Sylt. Als in einer stürmischen Nacht zwei Frauen vor ihrer Tür stehen, die ihre Hilfe brauchen, fällt sie eine Entscheidung, die ihr Leben für immer bestimmt. Eine Geschichte eingebettet in den Bau der Inselbahn und dem Einsetzen des Tourismus auf einer der beliebtesten deutschen Inseln.

 

Geesche könnte zufrieden sein. Als einzige Hebamme auf Sylt hat sie nicht nur ein ordentliches Auskommen, sie lebt auch in einem ordentlichen Haus, das voller Erinnerungen an ihren Vater ist. Zudem wird die alleinstehende Frau gleich von zwei Männern umworben: Zum einen macht ihr Marinus, der Bruder eines Grafen, der mit seiner Familie jeweils den Sommer auf Sylt verbringt, den Hof. Außerdem interessiert sich der Arzt Dr. Nissen für sie. Er träumt davon, an Geesches Seite eine Arztpraxis auf Sylt aufzubauen - die erste Praxis auf der Insel. Immerhin entwickelt sich Sylt zu einem von vielen Reichen besuchten Sommersitz. Doch Geesche, die nach dem tragischen Tod ihres Verlobten vor vielen Jahren erstmals wieder Gefühle für einen Mann hegt, trägt eine große seelische Last. Diese geht auf eine dramatische Sturmnacht zurück, in der viele Fischer ihr Leben lassen mussten und zwei Kinder in ihrem Haus das Licht der Welt erblickten. So bleibt Geesche unnahbar. Selbst als sie in Verdacht gerät, die Gelder für die neue Inselbahn gestohlen zu haben, schweigt sie. Da kommt Marinus hinter ihr Geheimnis.

Von Anfang an klar

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszurechnen, welche Schuld Geesche in dieser Sturmnacht auf sich geladen hat. Zu offensichtlich präsentiert sich die Situation. So ist es denn im Verlauf des Romans eher ermüdend denn spannend, dass die Autorin immer wieder auf das vermeintliche Geheimnis hinweist. Es wäre für den Verlauf der Geschichte wesentlich angenehmer, die Situation würde von Anfang an geklärt und in der Folge auf die Andeutungen verzichtet. Auch das Verhältnis Geesches zu Hannah, einem der Mädchen, das in der Sturmnacht geboren wurde, ließe sich dadurch glaubhafter darstellen. So wirkt alles sehr bemüht, und beim x-ten Hinweis auf das dunkle Geheimnis bekommt die Geschichte einen schalen Geschmack. Dies ist letztlich aber sehr schade, denn eigentlich hat Gisa Pauly einiges zu erzählen.

Hoffnung auf Fortschritt

Sehr schön fängt die Autorin die Zeit um das beginnende 19. Jahrhundert auf, in dem sich Sylt von einer armen Region zu einem Sommerkurort entwickelt. Sie stellt das karge und entbehrungsreiche Leben der Sylter Bevölkerung gekonnt dem mondänen Leben der Reichen gegenüber und zeigt auf, wie sich diese bis dato unumstößliche Gesellschaftsnorm ganz leise zu verändern beginnt. Denn durch den Fremdenverkehr gibt es für die Bevölkerung neue Einkunftsmöglichkeiten, indem sie in ihren Häusern zahlende Gäste aufnehmen. Den Fortschritt fördern soll zudem die neue Inselbahn, an der seit einigen Jahrzehnten gearbeitet wird. Auch hier zeigt die Autorin Gisa Pauly großes Erzählgeschick: Sie beleuchtet sowohl den Segen der Bahn, als auch die Gefahren, die die neue Technik mit sich bringt. Über den leitenden Ingenieur Dr. Pollacsek zeigt sie Hoffnungen, Zweifel und Ängste auf, die mit der neuen Bahn verbunden sind.

Es fehlt an Tiefe

Leider sind die Charaktere weniger überzeugend ausgefallen, als der geschichtliche Hintergrund. Geesche bleibt auf Distanz, mag nicht so recht ans Herz wachsen und wirkt abweisend. Die junge Hannah mit ihrer Behinderung wird als bösartiges Geschöpf skizziert. Man mag der Autorin zugutehalten, dass sie versucht, die charakterliche Entwicklung Hannahs mit ihrer Behinderung in Einklang zu bringen. Doch spätestens in der zweiten Buchhälfte stempelt sie das Mädchen als bösartigen Charakter ab, der ein Erbe ihrer Vorfahren ist. Genau hier verliert die Geschichte nicht nur an Tempo, sondern auch massiv an Glaubwürdigkeit. Denn fortan sind die Charaktere zu eindeutig in Gut und Böse eingeteilt. Es gibt nur ganz wenige überraschende Momente, die zwar etwas Farbe in die Geschichte bringen, aber nicht tragend genug sind, um die seichteren Passagen vergessen zu lassen.

Kein typischer Hebammen-Roman

Angenehm ist allerdings, dass Gisa Pauly nicht auf der typischen Hebammen-Schiene fährt. Wohl verfügt Geesche über ein solides Wissen bei der Geburtshilfe und kennt sich auch mit der Wirkung der Kräuter gut aus, doch ist das Bild, das die Autorin von der Hebamme zeichnet - abgesehen von der menschlichen Komponente - überaus glaubwürdig und überzeugend. Zu keinem Zeitpunkt kommen geheimnisvolle Zauberkräfte oder übermenschliche Fähigkeiten ins Spiel. Die Hebamme ist, was sie sein soll: Ein Kind ihrer Zeit, mit einem glaubwürdigen Wissen von Geburts- und Heilkunde.

Die Hebamme von Sylt hinterlässt ambivalente Gefühle. Einerseits wird die Entwicklung von Sylt hervorragend dargestellt, andererseits vermögen die Charaktere dem Anspruch an einen guten historischen Roman nicht ganz zu genügen. Der Lesefluss und die Spannung werden durch diese unnötige Geheimniskrämerei stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass zwar ein ordentlicher Roman vorliegt, aber keiner, den man unbedingt gelesen haben sollte.

Die Hebamme von Sylt

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