Vorgefühl der nahen Nacht

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Blessing, 2010, Titel: 'Les derniers jours de Stefan Zweig', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Die letzten Monate eines Getriebenen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2011

Kurzgefasst:

Im September 1940 kommt Stefan Zweig mit seiner zweiten Ehefrau, der dreißig Jahre jüngeren Lotte Altmann, nach Brasilien. Mit seiner ethnischen Buntheit ist dieses Land für ihn ein Gegenentwurf zum in Europa herrschenden Rassenwahn. Voller Hoffnung quartiert er sich nördlich von Rio ein. Auch seine Frau knüpft an Brasilien große Erwartungen. Sie werden herzlich aufgenommen, sie werden gefeiert und sie feiern mit - sogar im Karneval. Die Farben leuchten, das Klima lässt Lotte aufleben und in Ernst Feder, dem früheren Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", gewinnen sie einen unterhaltsam ironischen Freund.

Doch Stefan Zweig ist nicht nur auf der Flucht vor den Nazis. Er flieht auch vor den Gespenstern, die ihm nachts den Schlaf rauben - die Schatten seiner toten Freunde, allen voran Joseph Roth. So fällt es ihm schwer, seiner Frau die Gefühle zu zeigen, die sie ersehnt. Umgekehrt will sie lange das Ausmaß seiner Verzweiflung nicht wahrhaben. Eine der großen Tragödien der Weltliteratur nimmt ihren Lauf.

 

Die Nazi-Herrschaft beraubt den gefeierten Schriftsteller Stefan Zweig seiner Heimat Wien. Zunächst sucht er in Paris, später in London, New York und schließlich in Brasilien eine neue Heimat. Doch er bleibt ein Getriebener, ein entwurzelter Mensch. Es gelingt dem bald 60jährigen nicht, Boden unter die Füße zu bekommen. Dazu trägt wohl auch dazu bei, dass er sich nie richtig von seiner ersten Frau Friderike zu lösen vermochte, die mit ihm seine Triumphe feiern konnte, denen er nachtrauert. Seine wesentlich jüngere, zweite Ehefrau Lotte, steht für eine düstere Zeit der Suche und des Schmerzes. In der scheinbaren Sicherheit Brasiliens muss Stefan Zweig erkennen, dass er sein Vertrauen ins Leben verloren hat und sich nicht mehr gegen die dunklen Gedanken, die von ihm Besitz ergreifen, zu wehren vermag. Immer stärker drängen sich die toten Freunde in seine Gedankenwelt und rauben ihm den Schlaf.

Intensive Schilderung

Autor Laurent Seksik greift den Stil Stefan Zweigs auf, um dessen letzte Lebensmonate zu beschreiben. Es gelingt ihm hervorragend, die Düsterkeit darzustellen, die Zweig umgibt und die es ihm verunmöglicht, der inneren Qual zu entfliehen, dem nächtlichen Besuch seiner toten Freunde, allen voran Joseph Roth. Seksik geht dabei sehr dicht an den Schriftsteller heran, öffnet ein Fenster in die verworrene Gedankenwelt des sich langsam in der Düsterkeit verlierenden und trotz alledem gefeierten Mannes. Ohne Gedanken und Gefühle Zweigs zu interpretieren oder den Versuch einer Erklärung zu wagen stellt Laurent Seksik die Situation dar - und gewinnt gerade dadurch an Intensität und Tiefe. Ausgezeichnet gelingt es ihm auch, Lottes Verzweiflung und Unsicherheit einzubinden und damit beiden Figuren gleichermaßen gerecht zu werden.

Biographisch aber keine Biographie

Obwohl Laurent Seksik durch die immer wieder aufkeimenden Erinnerungen Zweigs an seine früheren Lebensjahre einen Einblick in die Lebenssituation des gefeierten und verfolgten Schriftstellers gibt, ist Vorgefühl der nahen Nacht keine Biographie. Wer sich mit dem Leben von Stefan Zweig auseinander setzen möchte, wird mit diesem Roman nicht ganz glücklich sein. Zu stark ist er vom Zerfall des Mannes geprägt und zu düster sind die letzten Monate Zweigs, um die geschilderte Figur mit den früheren Romanen des Schriftstellers zusammen zu bringen, die den nachhaltigen Erfolg von Stefan Zweig begründet hatten. Doch als Portrait eines Menschen, dessen Seele in der Dunkelheit versinkt, ist dieser Roman in jeder Hinsicht gelungen.

Stimmige Übersetzung

Übersetzerin Hanna van Laak hat das ihre dazu beigetragen, den Roman als sprachliche wie inhaltliche Perle zu bewahren. Sie hat es verstanden, die französische Fassung so zu übersetzen, dass sowohl der Stil des Autors als auch die Anlehnung an die Sprache von Stefan Zweig herauszulesen sind. Damit bekommt die Leserschaft einen Roman vorgelegt, der sich nicht einfach mal weglesen lässt, sondern Aufmerksamkeit verlangt und dafür eine dichte Atmosphäre bietet, die noch lange nachhallt, wenn die letzte Zeile längst gelesen ist.

Vorgefühl der nahen Nacht

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Letzte Kommentare:
04.07.2011 22:34:30
MariaAmalia

Der Autor beschreibt in seinem Roman die letzten sechs Monate im Leben des berühmten Schriftstellers Stefan Zweig im brasilianischen Exil. Als Stefan Zweig im September 1940 nach Brasilien kommt, liegen schon einige Jahre Exil in verschiedenen Ländern hinter ihm. Begleitet wird Zweig von seiner 30 Jahre jüngeren Frau Lotte Altmann, die an Asthma leidet. Zweig ist zu diesem Zeitpunkt ein gebrochener Mann. Die Nachrichten aus seiner Heimat über die Gräueltaten der Nazis gegen seine jüdischen Landsleute haben ihn resignieren lassen, er leidet an Depressionen und Schlaflosigkeit, hat Todessehnsüchte und kämpft mit einer Schaffenskrise.

Der Autor konzentriert sich zwar hauptsächlich auf die letzten sechs Monate im Leben des Stefan Zweig, greift aber in Rückblenden immer wieder Ereignisse aus Zweigs früherem Leben auf. Es hätte ein interessanter Roman werden können und mit einer entsprechenden Erwartungshaltung habe ich auch angefangen, dieses Buch zu lesen. Doch dieses Buch entpuppte sich für mich recht schnell als Enttäuschung und es hat mich Überwindung gekostet, es überhaupt zu Ende zu lesen.

Der Roman liest sich wie eine Liebeserklärung eines Fans an sein Idol. Die schnörkelige, für meinen Geschmack reichlich schwülstige Sprache ist vielleicht am Anfang ganz interessant, aber sie nutzt sich schnell ab und wird langweilig, die Monologe sind ermüdend. Ich hätte mir etwas mehr Distanz des Autors zu seinem Protagonisten gewünscht und ein zurückgenommenerer Erzählstil mit einer klaren Sprache hätte die Geschichte, gerade in Anbetracht der ja sowieso emotionsgeladenen Situation, sicher um einiges aufgewertet.

Gestört hat mich auch die Einseitigkeit in der Darstellung der Figuren. Während Zweig selbst ziemlich blass bleibt, wird seine zweite Frau Lotte, aus deren Sicht die Geschichte größtenteils erzählt wird, auf das naive eifersüchtige Dummchen reduziert, während Zweigs erste Ehefrau als die weitaus bessere Partnerin dargestellt wird. Man spürt als Leser förmlich den unterschwelligen Vorwurf des Autors an seinen Protagonisten: Wie konnte Zweig nur seine erste Frau verlassen und sich mit diesem Dummchen einlassen. Hier erlaubt sich der Autor eine unangebrachte Wertung und versucht damit indirekt, den Leser in eine bestimmte Richtung zu manipulieren. Autoren, die zu solchen Mitteln greifen, haben bei mir ganz schlechte Karten.

Die Verweise auf Zweigs Werke nehmen in der Handlung viel zu viel Raum ein, ebenso die ständige Einflechtung irgendwelcher deutscher Dichtergrößen und Literaten. Ich empfand das als überflüssig und störend.

Fazit

Man verpasst nichts, wenn man dieses Buch nicht liest. Wer sich Stefan Zweig nähern möchte, sollte lieber seine Werke lesen oder zu einer ordentlichen Biografie greifen.