Vom anderen Ende der Welt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • dtv, 2011, Titel: 'Vom anderen Ende der Welt', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Romantische Vorstellung macht bitterer Wirklichkeit Platz

Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2011

Kurzgefasst:

England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet...

 

Für Mary Linley gibt es nichts Verlockenderes, als ans andere Ende der Welt zu reisen. Dies als Forscherin auf der Suche nach neuen Pflanzen und Tieren. Doch die junge Frau lebt im späten 18. Jahrhundert, die Forschung wie auch die Seefahrt ist ihr verwehrt. Da schlüpft Mary Linley in die Rolle des Zeichners Marc Middleton und schifft sich auf der "Sailing Queen" ein. Was für sie wie ein Abenteuer beginnt, macht nach und nach einer harten Realität Platz. Mary muss erkennen, dass ihr Vater, der von seiner letzten Forschungsreise nicht zurückgekehrt ist, ihr die Wahrheit über den Alltag an Bord eines Schiffes verschwiegen hat. Doch da ist der berühmte Forscher Sir Carl Belham, dem sich Mary mehr und mehr verbunden fühlt - nur dass sie ihre wahre Identität vor ihm verbergen muss.

Überzeugendes Debüt

Es ist der erste Roman, den die Autorin Liv Winterberg präsentiert. Das wird auch aufgrund einiger kleiner Schwächen deutlich. So etwa bei der etwas zu schwelgerischen Ausgestaltung der Protagonistin. Allerdings handelt es sich hier nur um kleinste Nuancen, die das Gesamtbild eines ausgezeichneten Debüt-Romans kaum zu trüben vermögen. Die Autorin ist mit einer überraschenden Vielschichtigkeit an ihr Werk gegangen. Was zunächst als eine nette "Hosenrollen-Story" daherkommt, entpuppt sich schnell als bedrückendes Zeugnis eines harten Lebens. Sehr schön beschreibt Liv Winterberg, wie ihre Protagonistin Mary ihre Reise mit großer Naivität antritt, aber schon bald merkt, dass sie sich ganz falsche Vorstellungen gemacht hat. Der wenig romantische Alltag auf dem Segelschiff setzt nicht nur der unerfahrenen Mary zu, sondern der ganzen Mannschaft. Besonders aber den Kindern, die als Schiffsjungen an Bord sind.

Protokoll einer Seereise

So verbirgt sich hinter dem vermuteten Liebesroman letztlich das eindrückliche Protokoll einer Seereise. Dem Erzähltalent der Autorin ist es zu verdanken, dass man glaubt, den Wellenschlag, das Knarren der Wanten und die heiseren Befehle des Kapitäns zu hören. Dass man den pelzigen Geschmack eines schimmligen Zwiebacks auf der Zunge spürt, aber auch die überraschende Süße einer Orange. Dass man glaubt, dem ewigen Schwanken eines Schiffes ausgesetzt zu sein. Dabei ist es nicht ein einzelner, drastisch geschilderter Sturm, der intensive Bilder hervorruft, sondern die feinfühlige Schilderung des ganz normalen Alltags. Mit großer Empathie erzählt Liv Winterberg von den Problemen der zu dicht aufeinander lebenden Menschen, vom Sterben und Hoffen.

Lockerer Schreibstil

So intensiv die Erlebnisse der Leser bei diesem Buch auch sind, so leichtfüßig liest sich die Geschichte dennoch. Dies wohl nicht zuletzt aufgrund des flüssigen Schreibstils der Autorin, der schnörkellos und direkt ist, und gerade dadurch dazu einlädt, sich ganz auf den Inhalt einzulassen. Bis auf die etwas zu gute Protagonistin Mary - die allerdings ebenfalls ihre kleinen Schwächen hat - sind die Charaktere überraschend ausgereift. Sie haben ausnahmslos Tiefe und zeigen äußerst menschliche Züge, die Stärken und Schwächen beinhalten. Vielleicht macht es gerade diese feinfühlige Figurenzeichnung aus, die die Mannschaft so lebendig scheinen lässt.

Dass der Roman auf der Lebensgeschichte von Jeanne Baret beruht, macht auch das sonst oft etwas bemühte Thema "Heldin in Hosen" verzeihbar. In ihrem Nachwort geht die Autorin kurz auf die französische Forscherin ein und stellt damit ihre eigene Geschichte nochmals in ein anderes Licht. Dies, ein übersichtliches Personenverzeichnis und das umfangreiche Glossar runden den Roman optimal ab. Wohltuend ist letztlich auch das Cover, mit dem der dtv-Verlag eindeutig punkten kann.

Vom anderen Ende der Welt ist ein gelungener und tiefgründiger Roman. Es darf mit Spannung ein weiteres Werk der Autorin erwartet werden.

 

 

 

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