Unter feindlicher Flagge

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2007, Titel: 'Under Enemy Colors', Originalausgabe

Couch-Wertung:

96
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Carsten Jaehner
Packender Seefahrerroman zur Französischen Revolution

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mai 2011

Kurzgefasst:

1793. Der Konflikt zwischen England und Frankreich spitzt sich zu. Auch der Halbfranzose Charles Hayden, Lieutenant in der Royal Navy, bekommt die wachsende Feindseligkeit gegenüber Frankreich zu spüren, als er den verhassten Posten des Ersten Offiziers auf der Fregatte Themis übernehmen muss. Hier hat Captain Josiah Hart das Kommando, dem der Ruf eines Feiglings und Tyrannen vorauseilt. Zu Recht, wie Hayden am eigenen Leib erfahren muss, als die Fregatte in See sticht, um französische Kriegsschiffe aufzubringen. Trotzdem hält der junge Lieutenant an den militärischen Prinzipien von Pflicht und Gehorsam fest - und gerät so bald zwischen die Fronten einer meuternden Crew und eines brutalen Captains...

 

Im Jahr 1793 tobt in Frankreich die Revolution, und auch der Konflikt mit England spitzt sich zu. Charles Hyden, Sohn eines Engländers und einer Französin, hat wenig Kontakte und daher wenig Aufstiegschancen in der Royal Navy. Da kommt ihm ein Angebot gerade recht, als Erster Leutnant an Bord der Themis zu gehen. Dort soll er gewissermaßen als Spion Bericht über den Captain Josiah Hart erstatten.

Captain Hart jedoch ist einerseits ein Tyrann, der seine Männer wegen nichts beschuldigt und beschimpft, auf der anderen Seite ist er ein Feigling, der jeden Feindkontakt scheut, seine Mannschaft nicht trainiert und auch keine Prisen aufbringt, die man dem Feind entreissen kann. Das macht ihn bei der Mannschaft nicht beliebt, doch Handhabe hat man gegen ihn, der über ausreichend Kontakte in der Navy verfügt, nicht.

Als die Themis von Portsmouth aus aufbricht, um französische Schiffe aufzubringen, bekommt Hayden gleich Captain Harts Unmut zu spüren. Doch er hält an seinen Überzeugungen und Prinzipien fest und findet auch den einen oder anderen Offizier, der sich auf seine Seite schlägt. Doch immer wieder hat er Captain Hart gegen sich. Da bietet sich die Gelegenheit, ein französisches Schiff zu entern.

Ein Tyrann und Feigling zugleich

Sean Russell Thomas ist mit Unter feindlicher Flagge ein Start in eine neue Romanreihe aus der Zeit der Französischen Revolution gelungen, in der die Seeleute die tragende Rolle spielen. Er lässt seinen Helden Charles Hayden unter einem tyrannischen Captain dienen und leiden, und doch hat Hayden meist Oberwasser seinem Vorgesetzten gegenüber, immer am Rande der Legalität, und immer im Hinterkopf, wie gut die eine oder andere seiner Aktionen für seinen weiteren Lebenslauf sein wird.

Zwar werden viele Seefahrerbegriffe verwendet, aber auch, wenn man diese nicht versteht, überliest man sie bald und taucht ein in einen spannenden Roman, der den Leser kaum Atmen lässt. Thomas legt ein ungeheures Tempo vor, wenngleich es immer kleine ruhige Momente gibt, in denen der Leser viel über die Sitten und Gebräuche an Bord der Navy-Schiffe erfährt. So gelingen ihm auch kleine Charakterstudien der Offiziere und Seemänner, und zusammen ergeben sie ein buntes und schillerndes Bild der Zeit, wo es auf See rau zuging und man nur überleben konnte, wenn man zusammenhielt.

Sympathischer Held

Eingerahmt in ein nettes Privatleben, in dem Freunde ihn mit der charmanten Miss Henrietta verkuppeln möchten und er auch nicht abgeneigt ist, ist Charles Hayden auf dem besten Wege, sich einerseits beim Captain unbeliebt zu machen, durch seine Erfolge aber findet er auch anderen Schiffen andererseits schnell Befürworter, was ihn in Captain Harts Augen noch angreifbarer macht. Sämtliche Charaktere auf allen Schiffen sind gut beschrieben und ausgeleuchtet, und auch Haydens britisch-französische Herkunft tut dabei ihr übriges. Immerhin spricht er fliessend und akzentfrei französisch, so dass er prädestiniert ist für Landgänge, um fremde Häfen auszuspionieren. Dass solch ein Landausflug nicht nur glatt abläuft, zumal wenn Captain Hart weiterhin das Kommando hat, versteht sich von selbst. Hayden meistert die Situation und kann sich dabei bereits auf neue Freunde verlassen, die er durch sein Verhalten gewonnen hat. Es ist ein interessanter Prozess, der sich hier abspielt, die ganze Crew betreffend.

Spannende Dramaturgie

Dem Autor ist eine spannenden Handlung gelungen, die nichts zu wünschen übrig lässt. Da werden Schiffe geentert und Prisen gemacht, man liefert sich Schlachten und übernimmt feindliche Schiffe, die später wiederum angegriffen werden. Als Hayden nicht an Bord ist, meutert ein Teil der Mannschaft und setzt Captain Hart samt der halben Crew in Booten aus, die ausgerechnet von Haydens Prise eingefangen werden. Hayden will die Themis zurückerobern, als Captain der französischen Prise, und es kommt ihm unerwartet ein "echtes" französisches Schiff zu Hilfe. Das ist packend und spannend und birgt in sich genügend Sprengstoff, der im übrigen auch reichlich genutzt wird.

Hat man sich erholt von den Begebenheiten auf See, geht die Verhandlung über die Vorfälle los, und auch das ist immer noch spannend. Wenngleich Hayden immer mehr der Überzeugung ist, in der Royal Navy keine Zukunft mehr zu haben und es für ihn tatsächlich nicht gut aussieht, spinnen sich weitere Intrigen, und es wird wirklich knapp. Captain Hart ist nicht nur auf See ein Tyrann.

Rundum gelungen

Ein Nachwort über Geschichte und Fiktion und ein Glossar ergänzen den hervorragend gelungenen Roman, der Appetit auf mehr macht. Warum kann Geschichte nicht immer so spannend sein? In jedem Fall hat man den Roman in Rekordzeit gelesen, trotz seiner immerhin 650 Seiten, und das kommt beileibe nicht oft vor.

Sean Thomas Russell beweist mit Unter feindlicher Flagge, dass maritime Romane nichts an Spannung verloren haben. Er braucht den Vergleich mit der Hornblower-Reihe von C. S. Forester oder den Master and Commander-Büchern von Patrick O'Brian nicht zu scheuen, im Gegenteil, er erweist sich als würdiger Nachfolger in diesem Genre. Mögen diesem Roman noch viele weitere um Charles Hayden folgen und den Leser genauso fesseln und unterhalten wie dieser.

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