Die Sprache der Schatten

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2011, Titel: 'Die Sprache der Schatten', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Rita Dell'Agnese
Auf der Suche nach dem Gesicht hinter den Bildern ohne Gesichter

Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2011

Kurzgefasst:

Berlin im 19. Jahrhundert: Schwarze Schatten, schemenhafte Züge, abgewandte Gestalten. Eine eindringliche Szenerie und kein einziges Gesicht. Als Rika das namenlose Bild geschenkt bekommt, ist sie so fasziniert, dass sie beschließt, den Maler ausfindig zu machen. Ihre Suche führt sie in die Spandauer Vorstadt zu Anthonis, einem Außenseiter, talentiert und rätselhaft, der sich von der Welt zurückgezogen hat und meist nur noch eine Sache auf die Leinwand bringt: Menschen ohne Gesichter. Instinktiv weiß Rika, dass mehr dahintersteckt, als Anthonis sie glauben lassen will - und sie ist entschlossen, sein Geheimnis zu enthüllen...

 

Als Rike Hesse ihren wesentlich älteren Mann zu Grabe tragen muss, beginnt sich ihre Welt zu verändern. Sich mit den nur unwesentlich jüngeren Stiefkindern auseinanderzusetzen, fällt der Witwe zunehmend schwerer, zumal Stiefsohn Alexander ihr eindeutig Avancen macht. Alexander ist auch alles andere als begeistert, als Rike beschließt, sich wieder in der Mantelfabrik der Familie zu engagieren. Derweil schwärmt Stieftochter Anna für den Sohn eines jüdischen Kleiderfabrikanten. Doch im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt in Berlin die Hetze gegen die Juden. Für Alexander ist es deshalb undenkbar, dass seine Schwester Verbindungen zu einer jüdischen Familie unterhält. Er möchte seine Schwester mit dem Spross einer Adelsfamilie vermählen. Als Alexander Rike ein Bild schenkt, macht sich die begeisterte Kunstsammlerin auf die Suche nach dem Künstler, der dieses Werk gestaltet hat. Nach und nach kommt sie einem Geheimnis auf die Spur, das vieles in ein anderes Licht stellt.

Zwischen Zwang und Freiheit

Der Roman von Susanne Goga spielt in einer Epoche, in der sich Frauen vermehrt emanzipierten, ohne aber jene Rechte zugestanden zu bekommen, die für Männer galten. Dennoch ist das Streben der jungen Witwe Rike, im Betrieb mitzuarbeiten, durchaus realistisch. Überhaupt hat die Autorin den Hintergrund Rikes sehr feinfühlig ausgearbeitet. Die Zuneigung, die sie ihrem wesentlich älteren Ehemann entgegen gebracht hat, ist ebenso überzeugend wie die Irritation, als Stiefsohn Alexander sie in eine neue Ehe einbinden möchte. Gut dargestellt ist auch der Konflikt um Anna, deren Herz für den jüdischen Textilfabrikanten David schlägt, die aber als Pfand für gesellschaftlichen Aufstieg - den sich Alexander erhofft - herhalten soll. Die Autorin lässt dabei keinen Zweifel daran aufkommen, dass Alexander als neues Oberhaupt der Familie sämtliche Rechte auf seiner Seite hat. Diese bedrückende Situation kommt sehr gut zum Ausdruck, ebenso die spezielle Rolle von Rike. Als Witwe untersteht sie nicht direkt den Weisungen des Familienoberhauptes, hat aber selber kaum Befugnisse, was ihre Stieftochter Anna betrifft.

Überzeugendes Sittengemälde

Susanne Goga bietet ein ausgereiftes Sittengemälde einer Gesellschaft, die sich an höchst bigotte Normen klammert. Die aufkeimende Verfolgung der Juden spielt hier ebenso eine Rolle wie die Einstellung zu Sexualität. Beides hat die Autorin sehr geschickt in die Handlung eingebaut. Ihr Roman bekommt dabei eine unerwartete Tiefe, lässt doch das Thema zunächst auf eine süffige, aber doch eher leichtere Kost schließen. Dass der Liebe ein nicht unwesentlicher Stellenwert zukommt, kann angesichts des eigentlichen Plots gut verschmerzt werden, steht sie doch der tiefergründigen Geschichte nicht entgegen oder im Wege.

Sich gesteigert

Schon der Vorgängerroman Das Leonardo-Papier hat gezeigt, dass Susanne Goga viel Potential hat. Das konnte sie in diesem Roman schon weitgehend abrufen. Sie serviert der Leserschaft ein nachhallendes Leseerlebnis und bietet Einblick in eine Zeit, in der sich die Gesellschaft spürbar zu verändern begann. Sehr wohltuend ist, dass Susanne Goga ihren Roman als Einzelbuch und nicht als Teil einer nicht endenden Familien-Saga konzipiert hat. Dadurch gewinnt dieses Buch zusätzlich an Aussagekraft.

Auch wenn die Protagonistin Rike teilweise dem gängigen Bild der weiblichen Heldin entspricht, so wird den Lesern hier doch kein Einheitsbrei serviert. Es lohnt sich durchaus, sich mit dem Roman und seinen Facetten vertieft auseinanderzusetzen.

 

Die Sprache der Schatten

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