Die Geheimnisse des schwarzen Turms

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Insel, 2009, Titel: 'The Black Tower', Originalausgabe

Couch-Wertung:

78
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Dirk Jaehner
Vielschichtiger Thriller aus dem Frankreich der Restauration

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Apr 2011

Kurzgefasst:

Paris 1818: Die Rufe nach Revolution sind längst verklungen, Napoleon endgültig vertrieben und die Bourbonen wieder an der Macht. Doch die neue, noch fragile Ordnung wird bedroht: Louis-Charles, Sohn Marie Antoinettes und Ludwigs XVI., scheint wieder unter den Lebenden zu weilen. Dabei gilt der einstige Kronprinz, der die letzten Monate seines jungen Lebens in einem schwarzen Turm gefangengehalten wurde, schon seit Jahren als tot. François Vidocq, Chef der Geheimpolizei und Schrecken der Pariser Unterwelt, folgt den Gerüchten durch die dunklen Gassen des Quartier Latin und die verwahrlosten Salons des alten Adels. Dabei trifft er auf den verwirrten Charles Rappskeller. Und tatsächlich spricht einiges dafür, daß der junge Mann der verschollene Königssohn ist. Während Vidocq versucht herauszufinden, was damals im schwarzen Turm wirklich geschehen ist, setzt ein gewisser "Monsieur" alles daran, Charles Rappskeller wieder verschwinden zu lassen.

 

Ist es Zufall, oder warum wird Hector Carpentier, Medizinstudent im Paris des Jahres 1818, in eine Intrige verwickelt? Schuld daran ist jedenfalls Vidocq, jener legendäre Gründer und Chef der Pariser Sicherheitspolizei. Doch Hector ahnt zu Beginn nicht, warum sich Vidocq für ihn interessiert. Irgendwann stellt er fest, dass es mit der Restauration, dem Wiedererrichten der Monarchie nach Revolution und Republik in Frankreich, auch nicht so einfach ist.

Königssohn oder nicht

Die Geschichte beginnt mit einem Toten, der auf dem Weg zu Carpentier ermordet wird. Vidocq ahnt mehr als er weiß, dass der Medizinstudent irgendeine Verbindung zu diesem Chrétien Leblanc haben muss. Über diesen und viele weitere Umwege, die durch Salons von einstigen Louis-XVI.-Großadligen, die über die Revolution nichts weiter als zwei Kleider und die Erinnerungen an größere Zeiten retten konnten, stoßen Vidocq und Carpentier schließlich auf Charles Rapskeller. Er könnte Louis-Charles sein, Sohn des letzten französischen Königs Louis XVI. und jener Kronprinz, der angeblich 1795 einsam im Temple-Gefängnis wahrscheinlich an Tuberkulose starb - gerade mal zehn Jahre alt. Vidocq und Carpentier machen sich nun daran, das Geheimnis von Charles Rapskeller zu lösen. Als sie ihn kennen lernen, stellt er sich als etwas naiver Naturliebhaber heraus, der sich an seine angebliche königliche Vergangenheit nicht erinnern kann.

Aber auch das gibt sich mit der Zeit. Besonders, als die brutalen Schergen eines mysteriösen "Monsieur" auftauchen, die alles daran setzen, Charles Rapskeller, Vidocq und Carpentier mundtot zu machen. Das Katz- und Mausspiel endet beinahe auf der Guillotine - wie schon viele Jahre zuvor.

Louis Bayard springt auf den Mysterienzug um die Nachfolge des französischen Königs auf. Die Todesumstände des Dauphin im schwarzen Turm, dem Gefängnis des Temple, sind bis heute nicht eindeutig geklärt, es gab im 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von Hochstaplern, die beanspruchten, eben jener Louis-Charles zu sein. Raum also genug für literarische Spekulationen. Auf der Seite des Bösen kann - literarisch - immer der aktuelle König Louis XVIII. stehen, der jüngere Bruder des hingerichteten Louis XVI. Und wenn nicht er, dann irgendjemand aus seinem Gefolge, der Nachteile zu erwarten hat, sollte sein Herr und Meister abgesetzt werden.

Im Zeichen des Verfalls

Detailliert recherchierte historischen Fakten und Phantasie sind die Zutaten, aus denen Bayard eine Mischung aus Der Mann in der eisernen Maske und den Smiley-Romanen von John le Carré herstellt. In jener seltsamen Ära der Restauration, in der alles seit 1792 möglichst getilgt werden soll, das unglücklich zwischen den Epochen hängt, ist der Verfall der Ist-Zustand. Das Alte ist nichts mehr wert, etwas Neues hat sich noch nicht den Platz in den Herzen und Hirnen erobert. An allen Ecken und Enden begegnen Vidocq und Carpentier Spuren des Ancien Régime, der Revolution und des Kaisertums, aber alles trägt die Zeichen gewesener Größe und des Niedergangs. Selbst der aktuelle König ist krank. Insofern schafft Bayard eine Atmosphäre ähnlich der in den Romanen le Carrés.

Jedoch mit einem gravierenden Unterschied. Bayard erreicht nicht le Carrés sprachliche Brillanz. Der ironische Unterton, der bei le Carré bedeutend zur Atmosphäre beiträgt und eher mit Bitterkeit gemischt ist, bekommt bei Bayard eine fatalistische Färbung und erinnert mehr an die Coolness von Philipp Marlowe. Doch das ist der Geschichte nicht wirklich angemessen, denn es nimmt ihr einerseits die Möglichkeit, ernst genommen zu werden und passt andererseits nicht in die Zeit.

Neue Sichtweisen, neue Figuren

Und doch sorgt dieser Stil dafür, dass sich die gut 400 Seiten flüssig lesen lassen. Vielleicht hätte man sich an manchen Stellen etwas kürzere Ermittlungswege von Vidocq gewünscht. Doch letztendlich bedient der Roman die Rubrik, in der es um royale Alternativen geht, mit viel Talent und ein paar neuen Sichtweisen. Und er führt mit dem Pariser Polizeichef Vidocq eine Figur in die Literatur ein, die großes Potenzial verspricht.

 

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