Das Gleißen der Nacht

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Fischer, 2008, Titel: 'Rökkurbýsnir', Originalausgabe

Couch-Wertung:

81
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Carsten Jaehner
Eindrucksvolles aus Island

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2011

Kurzgefasst:

Im Winter bläst der Nordwind eisig über die Lavafelsen. Es herrscht Dunkelheit, als ob das Ende der Welt naht. Im Sommer sind die Nächte hell wir der Tag, und die Hügel duften am Morgen nach taufeuchtem Gras. Das ist Island um 1636, und dort lebt Jónas, der Gelehrte. Eigentlich will er nur durch die Welt streifen, noch gelehrter werden und Ungeheuer erlegen. Aber sein Wissen verschafft ihm Neider, die ihm das Leben schwer machen und ihn von einem Abenteuer ins andere treiben.

 

Jónas Pálmason ist Gelehrter, doch viele Menschen auf Island mögen ihn wegen seines enormen Wissens nicht. Sie verleumden ihn so weit, dass er geächtet wird und nicht mehr auf Island leben darf. So zieht er sich auf eine kleine Insel vor Island zurück, seine Frau Siggu wird ihm nachgeschickt, und er lebt ein unruhiges Leben. Man schreibt die 1630er Jahre, und Island gehört noch zu Dänemark.

Jónas' Wissensdurst lässt ihn umtriebig bleiben, und eigentlich hätte er aufs Festland nach Dänemark gehen wollen, aber nicht einmal die Kapitäne wollen ihn auf ihren Schiffen mitnehmen und in die Verbannung bringen. Doch eines Tages kommt ein Schiff extra für ihn und bringt ihn zu König Christian nach Kopenhagen, wo er um Begnadigung bittet. Der König spricht ihn frei, allerdings bleibt Jónas unter der Gerichtsbarkeit des Althings in Island, und auf Island schert sich niemand um die Meinung des König, den nie jemand gesehen hat, und so bliebt Jónas ein Ausgestossener. Doch er bleibt umtriebig und wird zu einem der bekanntesten isländischen Gelehrten, deren Schriften auch lange nach ihm angesehen und gültig waren.

Sprachgewaltig, aber gewöhnungsbedürftig

Der isländische Schriftsteller Sjón hat mit seinem Roman Das Gleißen der Nacht ein eindrucksvoller uns sprachgewaltiges Werk vorgelegt, das es dem Leser allerdings nicht immer einfach macht. Gerade das erste Drittel ist für den geneigten Leser nicht immer leicht zu fassen und es besteht die Gefahr, dass man mit den Gedanken noch mehr abschweift, als es der Erzähler tut. Dieser wechselt gelegentlich die Perspektive aus der neutralen Erzählung zum Ich-Erzähler Jónas, aber das ist kein Problem für das Verständnis des Buches.

Sjón erzählt nicht nur Episoden aus dem Leben des Gelehrten, sondern flicht auch immer wieder Mythen, Sagen und Märchen ein, die dem Roman etwas fantastisches geben, es aber für die Handlung normal aussehen lassen. Es mag typisch isländisch sein, dass die Grenze zwischen Realität und Mythos fließend ist, und dies ist ein Aspekt, der der Erzählung durchaus einen gewissen Reiz gibt.

Eingestreute Lexikonartikel

Zwischen den einzelnen Abschnitten sind immer wieder kleine Lexikonartikel abgedruckt, die Jónas sie in seinen Forschungen einst niedergeschrieben hat. Auch diese Artikel bewegen sich zwischen Mythos und Wissenschaft, zeigen aber gleichzeitig das damalige Wissen und Verständnis auf in den Versuchen, sich die Welt und ihre zusammenhänge irgendwie zu erklären. Insofern bietet sich hier ein direkter Blick in das historische Denken und Wissen der Isländer, und das ist hochinteressant und durchaus streckenweise sehr poetisch.

Über längere Zeit weiß man nicht, was an dem Roman denn historisch sein soll, erst als Jónas nach Kopenhagen gebracht wird und man die Zeit in einem anderen Land erlebt, scheint auch die Geschichte klarer und nimmt an Fahrt auf. Traditionen werden mit Erzählungen vermischt und vom Autor gekonnt miteinander verwoben, so dass nicht immer klar ist, was real ist und was nicht, aber irgendwie ist das auch egal, denn an diesen Stellen wird man an das Buch gefesselt und verliert sich in den Formulierungen.

Das Geheimnis der Einhörner

Diese Formulierungen sind häufig in langen Sätzen verpackt, die es dem Leser nicht immer leicht machen, bei der Sache zu bleiben. Gerade zu Beginn des Romans ist der Erzählstil Sjóns sehr gewöhnungsbedürftig, und man braucht doch eine Weile, bis man sich darin eingelesen hat. Dann aber, wenn man hoffentlich nicht zu früh aufgegeben hat, erschließen sich einem wundervolle Geschichten, lehrreiche Sagen und es werden auch so manche Geheimnisse gelüftet. Beispielsweise wird geklärt, wo die Einhörner herkommen, wie man Wiedergänger zur Strecke bringt und wie man mir Walfängern aus Spanien umgeht.

Insgesamt bietet der Roman intensive Leseerlebnisse, die inhaltlich beeindruckend sind, sprachlich aber bisweilen recht komplex und nicht immer leicht zu fassen sind. Dennoch lohnt es sich, sich auf die bildreiche, stimmungsvolle und sphärische Sprache des Autors einzulassen. Wer bei der Stange bleibt, dem wird sein ein eindrucksvolles Bild Islands öffnen, das Traditionen und Mythen vermischt und dabei wertfrei und neutral bleibt, wie es auf Island eben so ist.

Ob der für den Umfang recht hohe Preis für ein knapp 300 Seiten starkes Hardcover gerechtfertigt ist, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden. In jedem Fall liest sich das Buch nicht einfach mal eben so weg. Dafür bleiben die Eindrücke, die man bekommt, länger haften. Ein kurzes Nachwort hätte gerne länger als eine knappe halbe Seite sein dürfen, aber so passt es auch zum Gesamteindruck. Ein Buch, das durch und durch isländisch ist und sich weit über der Oberfläche befindet. Lohnenswert.

 

Das Gleißen der Nacht

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