Meckels Messerzüge

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 2011, Titel: 'Meckels Messerzüge', Originalausgabe

Couch-Wertung:

92
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Carsten Jaehner
Ein Roman voller Saft und Kraft

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2011

Kurzgefasst:

Nicht nur, dass Johann Friedrich Meckel und sein Bruder Albrecht August - der Erzähler dieses Romans - in der Zeit der napoleonischen Kriege ihre Hauptwerke verfassen, sie nehmen auch - jeder auf seine Art - am Befreiungskrieg 1813 teil, sie lieben und achten, sie misstrauen und hassen. Beide werden gleich nach dem Krieg in einen vermeintlichen Mord an einem auf seltsame Weise unsterblichen Mädchen verwickelt und müssen aus Preußen nach Neapel fliehen. Es treten auf: Napoleon, Cuvier (der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit), E. T . A. Hoffmann, Fouqué und seine Ur-Undine, Turnvater Jahn, Theodor Körner, Blücher, Lützow, die "deutsche Jean d'Arc" Eleonore Prochaska, der Maler Ingres und viele mehr.

 

Im Jahr 1813, als die Deutschen gegen die Franzosen und vor allem Napoleon kämpfen, tut dies unter anderem auch Albrecht August Meckel von Helmsbach, Sohn des Anatoms Philipp Friedrich Theodor Meckel und selbst Anatom. Albrecht erzählt seine Geschichte für seinen Sohn und beginnt damit, dass er mit seinem Bruder zusammen seinen Vater auf dessen eigenen Wunsch hin nach dessen Tod für die Wissenschaft präpariert und ausgekocht hat und dessen Skelett heute immer noch der Wissenschaft dient. Doch selbst Napoleon persönlich wurde die Besichtigung der Meckelschen Präparatesammlung verweigert.

Albrecht zieht im Jahr 1813, als er bereits studierter Anatom und Wissenschaftler ist, in die Armee und kommt in das Lützower Regiment, dass von Turnvater Jahn geführt wird. Hier lernt er auch seinen späteren besten Freund, den Fabrikanten Mathäus Ludwig Wucherer aus Halle kennen. Ausgestattet mit den Personalnummern 13 und 18 nennen sie sich stets nach den Jahreszahlen des Krieges, was sie von vornherein aneinander schweisst. Sie ziehen in den Krieg und erleben viele Abenteuer, allerdings kehrt Albrecht schon bald wieder zurück nach Halle.

Erzählt werden weiterhin Begebenheiten der Jahre 1814 und 1815, in denen man Albrecht beobachtet, wie er, der sich in einer Art Dreiecksbeziehung mit seinem Bruder und dessen Frau Friederike befindet, die bildschöne Frau allerdings auch noch mehr Männer wie den Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres auf sich zieht. Neben Blücher und Lützow höchstpersönlich lernt der Leser noch weitere berühmte Persönlichkeiten der Zeit kennen, und über allem schwebt Napoleon, der Geist seines sezierten Vaters und immer wieder der Gedanke an Nacktschnecken...

Ein starker Roman

Mit seinem ersten historischen Roman greift Wilhelm Bartschs gleich in die Vollen: Seine Betrachtungen der Familie Meckel beginnen mit dem Satz: "Wir schnitten meinen Vater auf" und weisen so direkt den Weg für die weiteren 360 Seiten. Man merkt sofort, dass man es hier mit einem keinesfalls gewöhnlichen Roman "von der Stange" zu tun hat, denn sowohl inhaltlich als auch sprachlich hat der Autor einiges zu bieten.

Aus der Ich-Perspektive von Albrecht Meckel von Helmsbach, der das Buch für seinen Sohn schreibt und ihn auch immer mal wieder persönlich anspricht, erlebt der Leser die Jahre 1813 bis 1815, gespickt mit Rückblicken, kleinen Vorausschauen und Anekdoten, so dass der Roman für jeden Leser etwas bietet. Angefangen von den leicht makaberen Zügen, die bei einer Familie von Anatomen wohl bereits mit in der Wiege liegen, bis hin zu einem Dreiecksverhältnis zwischen ihm, seinem Halbbruder und dessen Frau befindet sich Leser und Erzähler von Anfang an voll im Leben der Zeit Napoleons.

Ein bunt-ironischer Erzählstil

Es ist eine brisante Zeit, voller Kriege und Umbrüche, Soldaten wechseln die Fronten, so dass auch auf einmal zwei Brüder gegeneinander kämpfen (könnten), Freunde sterben, Vorgesetzte werden abgesetzt, das Leben geschieht in vollen Zügen, und all dies schildert Bartsch in einer Sprache, die für manchen Leser vielleicht anfangs etwas gewöhnungsbedürftig sein könnte, die zugleich aber auch deftig und bunt ist und den Leser stets bei Laune hält. Der Autor schafft es, den Leser mit seinem frech-ironischen Stil und teilweise auch derbem Humor immer im Geschehen zu halten und reiht eine kleine Geschichte an die nächste und gönnt so dem Leser kaum eine Atempause. Dass einem dabei immer wieder bekannte Figuren der Geschichte begegnen, gibt dem ganzen die nötige Würze und ordnen das Buch und seinen Inhalt in den rechten Zusammenhang ein.

Meckels Messerzüge bestehen nicht nur aus den immer wieder vorkommenden Sektionen und Operationen, die der Protagonist durchführen m uns, sondern auch in seiner feinen Beobachtung und Einschätzung der persönlichen und auch der politisch-globalen Lage. Er breitet nicht nur sein Privatleben für den Leser aus, sondern führt durch seinen Erzählstil auch durch viele Geschichten der Geschichte, so dass der Roman zu einem kompletten Rundumschlag gegen Napoleon und die Franzosen und natürlich die Zeit an sich wird. Allein durch die Verweigerung, Napoleon persönlich das wunderliche Kabinett der Präparate seines Vaters zu zeigen, setzt bereits zu Beginn des Romans den Maßstab für alle weiteren Geschehnisse.

Viele historische Begebenheiten und Begegnungen

Die Figuren, allen voran neben Meckel natürlich sein bester Freund Ludwig Wucherer, genannt "Achtzehn", sein Armeevorgesetzter Turnvater Jahn, der wirklich nicht gut wegkommt, und weitere teils sehr skurrile Personen, machen letztlich eine bunte Mischung aus, die man in dieser Form selten zu lesen bekommt. Einer der vielen Höhepunkt ist wohl sein Pferd Jean, benannt nach dem Dichter Jean Paul, dass erst nicht gehorcht, schließlich aber doch durch einen Trick auf seinen neuen Besitzer hört:

 

 

Ich tränkte ein großes Stück Brot mit Branntwein, und das Pferd schlang ese vergnügt. Ich schnalzte und tränkte ein weiteres Brotstück mit dem letzten Hochprozentigen. Das Pferd war zum Glück ein Säufer, zuerst wohl eher von Wodka, jetzt also von Branntwein. Ich stieg einfach auf, es warf den Kopf, in den Nüstern noch den Hauch des guten Tropfens, und schon eine Minute später konnte ich mit diesem Kosaken etwas machen, wofür der General Yorck zu Pferde während seiner Schlachtenlenkungen so berühmt geworden ist - lauter ehrfurchtgebietende Achten gehen.

 

Mit Meckels Messerzüge hat Wilhelm Bartsch einen Roman vorgelegt, der äußerst vergnüglich ist, voller Saft und Kraft und dabei Einblicke in die Geschichte gibt, die es in sich haben. Sprachlich kraftvoll und durchweg fantasievoll formuliert, stets ein Augenzwinkern und alles nicht so wirklich besonders ernst nehmend, wenn es nicht sein muss, entführt er den Leser in den Beginn des 19. Jahrhunderts, auf Schlachtfelder und in Hohe Häuser, wie man es selten zu lesen bekommt. Dieses Buch sollte mehr als ein Geheimtipp sein: Die Lektüre wird dringend für jeden Liebhaber historischer Romane empfohlen! Mehr davon! Ein Nachwort und ein nett kommentiertes Personenregister ergänzen diesen literarischen Genuss.

 

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