Herbst in Heidelberg

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 2011, Titel: 'Herbst in Heidelberg', Originalausgabe

Couch-Wertung:

46
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Rita Dell'Agnese
Dem Portrait über die Dichterin Sophie Mereau fehlt es an Atmosphäre

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2011

Kurzgefasst:

1804 folgt Sophie Mereau (1770-1806) ihrem jungen Ehemann Clemens Brentano nach Heidelberg. Sie ist acht Jahre älter als er und schreibt mit großem Erfolg Gedichte und Romane. Ihre erste Ehe ist geschieden. Brentano träumt davon, gemeinsam mit ihr eine poetische Existenz als Vater vieler Kinder zu leben. Obwohl Sophie in dichter Folge drei Kinder zur Welt bringt, wächst die kleine Familie nicht. Nur der Freundeskreis um Sophie und Clemens vergrößert sich stetig. Sophie versucht, den Ansprüchen ihres ziellos umtriebigen Mannes gerecht zu werden. Der Heidelberger Freundeskreis wird Zeuge mancher Krise in dieser Ehe. Schließlich kommt es zur Katastrophe.

 

Sie ist ihrer Zeit voraus: Die Dichterin Sophie Mereau kümmert es nicht, dass den schreibenden Frauen die gesellschaftliche Anerkennung in der Regel versagt bleibt. Unerschrocken publiziert sie unter ihrem eigenen Namen - und verhilft auch anderen, schreibenden Frauen zur Veröffentlichung. So erfolgreich die Dichterin in ihrem künstlerischen Leben ist, ihr privates Leben hält einige Stolpersteine für sie bereit. Ihre Beziehung zu Clemens Brentano verlangt von ihr einiges ab und schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit massiv ein. Doch Sophie Mereau ist bereit, die Launen ihres zweiten Ehemannes hinzunehmen und sich dafür selber stark zurück zu nehmen.

Kein leichtes Unterfangen

Wer sich auf eine facettenreiche und intensive Erzählung über eine der prägenden Dichterinnen der deutschen Romantik freut, wird sich schnell getäuscht sehen. Zwar kann die Autorin Anna-Luise Jordan für sich in Anspruch nehmen, ihren Roman auf eine fundierte Recherche stützen zu können, doch schafft sie es nicht, diese in lebendige Szenen umzusetzen. Die Geschichte bleibt hölzern und gestelzt und erinnert über weite Strecken eher an ein Lehrbuch denn an einen Roman. Es ist für die Leser kein leichtes Unterfangen, den Geist der Erzählung zu erfassen und in die Zeit um 1804 einzutauchen. Dafür bewegen sich die Schilderungen über diese Epoche zu sehr an der Oberfläche.

Schwieriger Zugang

Es ist aber letztlich nicht nur die Atmosphäre, die auf der Strecke bleibt. Auch die Protagonisten - allen voran Sophie Mereau selber - bleiben hölzern, distanziert, konturlos. Es ist, als würde man das Geschehen durch einen starken Filter betrachten, der alle feinen Töne eliminiert und nur die tatsächliche Essenz zurück lässt. Durch die fehlende Empathie bei der Ausarbeitung der Protagonistin bleibt es den Lesern auch weitgehend verborgen, weshalb sich die selbstbewusste Dichterin, die die Scheidung von ihrem ersten Mann durchsetzt und sich mit ihren Veröffentlichungen gegen das Diktat der Gesellschaft auflehnt, ausgerechnet auf den selbstgerechten und in seiner Verhaltensweise höchst kindlichen Clemens Brentano einlässt. Dadurch wird der Zugang zu Sophie Mereau sehr schwierig. Wer sich nicht schon vorher mit der Dichterin befasst hat, wird ihr nach diesem Buch nicht näher gekommen sein. Dies ist sehr bedauerlich, blitzt doch auch beim Roman von Anna-Luise Jordan die starke Persönlichkeit der Frau, von der man sagt, sie sei von Schiller gefördert und von Goethe gelobt worden, durch.

Selbstbewusster interpretieren

Dass Anna-Luise Jordan mit der Sprache auf vertrautem Fuße steht und durchaus in der Lage wäre, einen tiefgründigen Roman vorzulegen, wird auf den ersten Seiten klar. Denn der Einstieg in die Geschichte ist mitunter eine jener Passagen, die verraten, dass hier großes Potenzial vorhanden wäre. Leider scheint sich die Autorin aber selber nicht zuzutrauen, um die nackten Fakten herum ein feines Gewebe von Fiktion und Atmosphäre zu legen. Zudem hat sich die Autorin entschieden, den Roman mehrheitlich in einer getragenen Sprache zu erzählen, was ihm leider anstelle von Tiefe einen etwas verstaubten Eindruck verleiht. So bleibt der Lesegenuss über weite Strecken mehr als nur verhalten und man wünscht sich immer mal wieder, die Protagonistin würde aus dem dahinplätschernden Alltag ausbrechen und die Geschichte könnte dadurch an Fahrt aufnehmen.

Umfangreiches Literatur-Verzeichnis

Wie stark sich Anna-Luise Jordan mit ihrer Protagonistin auseinander gesetzt hat, wird unter anderem durch das umfangreiche Literaturverzeichnis deutlich, das sich im Anhang befindet. Etwas weniger übersichtlich ist das Personenregister ausgefallen. Hier werden zwar einige Worte zu den handelnden Personen verloren, doch bleibt es weitgehend bei der Erwähnung des Namens und des Geburtsdatum. Etwas mehr Lebensdaten wären hier schön gewesen.

Bei Herbst in Heidelberg handelt es sich um einen Roman, der eher auf der fachlichen denn auf der erzählerischen Ebene angesiedelt ist. Wer sich für die Dichtkunst um 1800 interessiert, wird hier auf eine Menge Fakten stoßen und größere Zusammenhänge erklärt bekommen. Ebenso, wer sich auf die Suche nach starken Frauen-Persönlichkeiten im 19. Jahrhundert macht. Leer gehen jene Leser aus, die sich einen ungeschminkten Blick auf die Welt um 1800 erhofft hatten oder größeren Wert auf atmosphärische Dichte legen.

 

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