Beschützerin des Hauses

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 2011, Titel: 'Beschützerin des Hauses', Originalausgabe

Couch-Wertung:

77
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Rita Dell'Agnese
Faktenreicher Hexenroman aus der Kurpfalz

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2011

Kurzgefasst:

Die Kurpfalz 1593. Im Dorf Hockenheim findet man am Morgen des St. Georgstages den Lehrer bewusstlos im Straßengraben. Unfall oder Überfall? Das fragt sich schnell das ganze Dorf. Da in vielen Orten rund um die Kurpfalz Frauen wegen Hexerei verurteilt werden, vermutet man auch hier eine übernatürliche Macht hinter dem Ereignis. Doch Hockenheim untersteht Heidelbergs Gerichtsbarkeit, und diese besagt, dass Hexerei nicht existiert.

Trotzdem wird die Heilerin Barbara gefangengesetzt. Da sie sich seit dem Tod von Mann und Tochter aus dem Dorfleben zurückzog, häufen sich die Gerüchte um sie. Mit ihrer offenen Art machte sie sich nicht viele Freunde und so greifen ihre Widersacher die Beschuldigungen bereitwillig auf, schüren den Verdacht. Doch sie erhält Hilfe von Winfried, einem Gefolgsmann des Königs aus dem Nachbardorf. Durch ihn muss sie sich den Schatten ihrer Vergangenheit stellen.

 

Barbara kämpft mit ihrer Vergangenheit. Sie fühlt sich schuldig am Tod ihres geliebten Mannes und ihrer kleinen Tochter. Deshalb sondert sie sich von der Gesellschaft ab, geht ihre eigenen Wege und verschreibt sich ganz der Kräuterkunde. Doch zu einem Menschen pflegt sie weiterhin eine Freundschaft: zum jungen Friedgard Herwart. Er verehrt die um zehn Jahre ältere Barbara schon, seit er als Kind ins Dorf gekommen ist. Doch die Freundschaft ist der jungen Agnes Zahn ein Dorn im Auge. Sie hat sich schon vor längerer Zeit in Friedgard verliebt und hofft darauf, dass er sie als Frau nach Hause führt. Weil Friedgard aber keine Anstalten dazu macht, ist Agnes überzeugt, dass Barbara ihren Liebsten verhext hat. Sie und ein unglücklicher, dem Alkohol verfallener Nachtwächter setzen das Gerücht in die Welt, dass Barbara nicht nur der Hexenkunst frönt, sondern auch mit dem Teufel im Bunde steht. Obwohl es in der Kurzpfalz im Jahr 1593 keine Hexenverfolg gibt, gerät Barbara ob der Anschuldigungen von allen Seiten in Bedrängnis.

Die Geschichte aufgearbeitet

Marlene Klaus hat in ihren Erstlingsroman unglaublich viele Fakten hinein gepackt. So viele, dass die Leserinnen und Leser da und dort etwas Mühe bekunden dürften, die Informationsflut ohne weiteres verarbeiten zu können. Allerdings legt die Autorin damit einen Grundstock für all jene, die sich mit der Geschichte der Kurzpfalz - die sich im ausgehenden 16. Jahrhundert durch ein überraschend fortschrittliches Rechtssystem auszeichnet - befassen möchten und die hier eine solide Grundlage dazu geboten bekommen. Die Handlung, in die Marlene Klaus die Fakten hüllt, zeichnet sich durch eine höchst feinfühlige Beobachtung des menschlichen Beziehungsgeflechtes aus. Sie räumt Gefühlen wie Verehrung, Wut, Eifersucht, Angst, Hass und Missgunst ebenso Raum ein wie dem Bereich "Trauma" aufgrund eines schweren Schicksalsschlages.

Üppiges Gemälde

Obwohl sich im Verlauf der Geschichte ganz klare Protagonisten heraus schälen - natürlich neben der Hauptperson Barbara, um die sich der Roman grundsätzlich dreht - hat man mit diesem Buch ein üppiges Gemälde in Händen, auf dem sich sehr viele Charaktere tummeln. Marlene Klaus läuft da und dort Gefahr, sich in der Menge zu verlieren, findet aber immer im richtigen Moment zurück zum Fokus auf die zentralen Protagonisten. So fordert der Roman zwar von der Leserschaft einiges an Konzentration ein, präsentiert dafür aber eine höchst lebendige Schilderung eines dörflichen Gefüges in einer Gegend, die von einem aufgeschlossenen Herrscher geführt wird, sich aber doch nicht ganz von Aberglaube und religiösem Eifer befreien konnte.

Noch etwas verhalten

Sprachlich überzeugt der Roman ebenfalls, wobei leicht der Eindruck entstehen könnte, als ob die Autorin noch nicht ganz so selbstsicher ans Werk gegangen ist, wie es dürfte. An einigen Stellen wirkt die Erzählung etwas verhalten, das Bemühen darum, möglichst keinen sprachlichen Einbruch zuzulassen, steht einer freien Entfaltung der Erzählung etwas im Wege. Doch ist durchaus zu spüren, dass sich hier noch sehr viel Potential an ungehemmterem Erzählduktus verbirgt. Dass Marlene Klaus nicht nur eine Geschichte zu erzählen hat, sondern auch eine Geschichte erzählen kann, beweist sie mit ihrem Erstlingswerk. Die Autorin legt zudem den Beweis vor, dass es nicht immer bluttriefende Detailschilderungen von Quälereien sein müssen, um Gefühle eindrücklich darzustellen.

Man darf durchaus auf weitere Werke der Autorin gespannt sein. Besonders jene Leserinnen und Leser, denen an einer umfassenden Schilderung der überlieferten Fakten liegt, sollten sich diesen Namen merken.

 

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