Der Duft von Bittermandel

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2011, Titel: 'Der Duft von Bittermandel', Originalausgabe

Couch-Wertung:

88
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Rita Dell'Agnese
Tiefsinniger Roman über Kochkunst, Hofnarren und einen vergifteten König

Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2011

Kurzgefasst:

Kochkunst, Mordlust, Narrenspiel. Frankreich im 16. Jahrhundert. Oberküchenmeister Bertrand de Baladoux, Koch des französischen Königs, legt sein Geständnis ab. Er hat Kanzler Antoine Duprat und König Franz den Ersten, der sich im Krieg mit dem deutschen Kaiser Karl dem Fünften befindet, vergiftet. Aber warum? Was hat den gutmütigen Menschen zu einer solchen Tat getrieben?
Die Antwort gibt das Tagebuch der Königin, das sie nach ihrem frühen Tod dem Hofnarren Paltoquet hat zukommen lassen...

 

Bertrand de Baladoux kennt kaum eine andere Leidenschaft als das Zubereiten von Speisen. Er, der einst die Apotheke seines Vaters hätte übernehmen sollen, hat es geschafft, Oberküchenmeister am französischen Hof zu werden. Schon von Anfang an ist Bertrand der Königstochter Claude sehr zugetan, einem hinkenden Mädchen, das vom Schicksal auch in Sachen Schönheit nicht eben begünstigt ist. Mit Sorge beobachtet er, wie Claude sich leidenschaftlich in François verliebt und ihn nach dem Tod ihres Vaters heiratet, um mit ihm zusammen über Frankreich zu herrschen. Doch François sieht in seiner reizlosen Gemahlin einzig die Frau, die ihm königliche Kinder gebären kann. Nur Claudes Zofe Perrette und der Hofnarr Paltoquet scheinen die Not der enttäuschten Claude zu erkennen. Paltoquet wiederum verbindet mit dem Oberküchenmeister eine innige Freundschaft. So ist es letztlich Paltoquets Niedergang, der den Oberküchenmeister zum Giftmischer werden lässt.

Schwere Kost

Dagmar Fohl setzt der Leserschaft erneut eine schwere Kost vor, die nicht einfach zu verdauen ist. Virtuos bewegt sie sich zwischen den historischen Fakten und verknüpft diese durch die erfundenen Figuren von Bertrand de Baladoux und Hofnarr Paltoquet zu einem Roman, der sich in den Niederungen menschlicher Gefühle wie Eifersucht, Hass und Rachsucht bewegt. Es sind tatsächlich vor allem die düsteren Seiten der Menschen, die in "Der Duft von Bittermandel" eine tragende Rolle spielen. Und so legt sich die Geschichte manchmal wie ein dunkler Schatten auf die Seele der Lesenden.

Den Blickpunkt wechseln

Erzählt wird die Geschichte einerseits vom Oberküchenmeister, der gleich zu Beginn das Geständnis ablegt, er habe den König und den Kanzler vergiftet. Erstaunt mag man zu diesem Zeitpunkt inne halten und sich fragen, was es mit diesem Geständnis auf sich haben könnte. Doch nach und nach offenbart sich die Arroganz des Königs, die Boshaftigkeit seiner Mutter, die Verschlagenheit des Kanzlers und die Verletzlichkeit der Königin. Diese Persönlichkeiten, von der Autorin sehr gut herausgearbeitet und mühelos zu tragenden Charakteren des Romans gestaltet, kreisen in einem stetigen Ablauf umeinander. Um das Geschehen, das sich oft auch auf Ebenen abspielt, die dem Oberküchenmeister verborgen bleiben, erzählen zu können, bedient sich die Autorin weiterer erzählenden Figuren. Insbesondere Königin Claude vertraut ihre intimsten Gedanken dem Tagebuch und damit der Leserschaft an - dadurch, dass die Schilderungen nicht im oftmals ermüdenden Tagebuchstil gehalten ist, kommt sie dem Leser damit sehr nahe.

Profundes Wissen

In ihren Roman Der Duft von Bittermandel baut die Autorin profundes Fachwissen auf mehreren Ebenen ein. Einerseits erzählt sie den Lesern viel über die Kultur des Kochens und des Speisens im 16. Jahrhundert am französischen Hof. Dann geht sie auch in die Tiefe, was die Aufgaben eines Hofnarren betrifft. Und schließlich schildert sie die Reformation unter Martin Luther, die im Nachbarland Deutschland ihre Kreise zieht und auch vor Frankreich nicht Halt macht. Sehr geschickt eingewoben ist dabei die Sicht der Franzosen auf die Deutschen, über die sich Paltoquet auf eine recht bissige Art lustig macht. Dieses große Wissen ist es auch, die dem einen oder anderen Leser etwas zusetzen könnte. Denn man muss für Der Duft von Bittermandel die Bereitschaft mitbringen, sich mit den geschichtlichen Ereignissen rund um den französischen Königshof auseinander zu setzen. Wer eine leichtfüßige Unterhaltung vorzieht, wird hier von der Gewalt der erzählten Geschichte erdrückt.

Zeitgemäße Sprache

Die Aufgabe, einen auch sprachlich historisch glaubwürdigen Roman zu schreiben, löst Dagmar Fohl mit Bravour. Sie hat sich einem eleganten, leicht lesbaren Sprachstil verschrieben, lässt aber bei den Erzählungen die historischen Nuancen stark durchblicken, ohne dass der Eindruck entsteht, hier würde bemüht eine altertümliche Note gepflegt.

Der Duft von Bittermandel ist ein gehaltvoller, facettenreicher Roman, der aber an die Leserschaft hohe Ansprüche stellt. Begleitet wird der Roman von einem umfangreichen Glossar, einem aufklärenden Nachwort, einem Personenregister über die historischen Persönlichkeiten sowie einer Zeittafel, anhand der die Bewegungen des umtriebigen Königs François nachvollzogen werden können.

Der Duft von Bittermandel

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