Versöhnung und Groll

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • btb, 2008, Titel: 'Ofsi', Originalausgabe

Couch-Wertung:

91
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Carsten Jaehner
Skurrile Geschichtsstunde aus Island

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Feb 2011

Kurzgefasst:

Island, Mitte des 13. Jahrhunderts, in einer der kriegerischsten Zeiten, die das Land je erlebt hat: Der heimtückische Mord an Snorri Sturlusson, dem berühmten Politiker und Dichter, Autor der Edda und der Egils-Saga, hat bürgerkriegsähnliche Zustände entfacht. Brutale Gewalt und zerstörerische Machtkämpfe bestimmen das Bild, zwei verfeindete Familienclans stehen sich unversöhnlich gegenüber. Island ist nunmehr gespalten, wird von der norwegischen Krone regiert. Da reicht einer der vormaligen Kriegstreiber, Gissur Thorvaldsson, dem Clan der Sturlungen die Hand zum Frieden. Eine Heirat zwischen den beiden Parteien soll den Pakt besiegeln, soll dem Land die Einheit geben und der Bevölkerung bessere Lebensbedingungen verschaffen. Aber nicht alle, die zur Hochzeit kommen, sind einverstanden mit diesem Plan...

 

Ofsi heisst er im isländischen Original, der zweite historische Roman des Erfolgsautors Einar Kárason. Der deutsche Titel ist nicht unzutreffend, aber richtig treffend dann nun leider auch nicht. Eyjólfur ist Anführer eines Stammes in der Region Skagafjörður, wo er vor einiger Zeit ein angesehener Herr war, dem so manchem das Fürchten lehrte. Seine Frau Þuriður ist mit die schönste Frau der Insel und wurde ihm aus der Sippe der Sturlungen zur Frau gegeben. Aufgrund seiner heroische, kriegerischen Vergangenheit hat Eyjólfur den Beinamen Ofsi bekommen, was soviel wie "der Zornige" heißt.

Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Seit einiger Zeit liegt er lieber wie eine Memme im Bett, weint und kann sich nicht aufraffen, wofür er von seiner Frau verachtet und verspottet wird. Zudem gibt es seit einiger Zeit politische Strömungen, die alle auf Island sehr verwundern. Seit Jahrzehnten haben sich isländische Sippen gegenseitig den Kopf eingeschlagen, worüber sich ihr norwegischer König schon immer gewundert hat. Der Isländer Gissur Þorvaldsson, selbst brutaler Held vieler Schlachten, beschliesst, dem ein Ende zu machen und von Norwegen zurück nach Island zu gehen, alles zu vergessen und den Sturlungen die Hand zum Frieden ohne Wenn und Aber zu reichen und somit das gegenseitige Gemetzel zu beenden.

Dazu reist er schließlich durch die Lande und bringt seinen Plan bei verschiedenen Bauern und Herren vor, die erstaunlicherweise auch größtenteils nicht abgeneigt sind, können sie sich doch so um ihre Felder kümmern statt in die Schlacht zu ziehen. Als Zeichen für alle will er seinen Sohn Hallur mit der Sturlungentochter Ingibjörg Sturludóttir verheiraten. Die Sturlungen willigen auch ein, und es wird ein rauschendes Fest gefeiert. Doch gibt es auch Isländer wie Eyjólfur, die lieber ihrer mürrischen Frau beweisen wollen, was sie doch für Kerle sind, und die deshalb mit ganz anderen Absichten zur Hochzeit kommen.

Viele Erzähler machen eine Geschichte

Versöhnung und Groll ist nach Feindesland Einar Kárasons zweiter historischer Roman, und wer den ersten der beiden kennt, der wird zumindest die Struktur auch im zweiten wiedererkennen. Jedes Kapitel der Handlung wird aus der Sicht einer Person erzählt, und als Überschrift dient lediglich der Name der erzählenden Person. Dadurch bekommt man einen Gesamtblick auf das Geschehen aus mehreren Perspektiven, was je nach Situation ein völlig anderes Licht auf die Handlung wirft. Das ist so einfach wie genial und lässt den Leser ein ums andere Mal den Kopf schütteln, wie man doch so gezielt aneinander vorbei denken kann.

So charakterisieren sich die Personen gegenseitig, und was man nicht erfährt, ist auch nicht wichtig. Aber das, was man erfährt, ist genug, um zu verstehen, worum es geht, jedenfalls, soweit es die Protagonisten auch selbst verstehen. Einar Kárason hat ein hervorragendes Gespür dafür, dem Leser nicht zu viel zu verraten und die Geschichte Stück für Stück zu erzählen, und so mündet alles letztlich in eine zu ahnende Katastrophe, oder vielleicht doch nicht? Einem wankelmütigen und depressiven Recken wie Eyjólfur ist alles zuzutrauen, sowohl die Durchführung seiner geplanten Tat, als auch im letzten Moment den Schwanz einzuziehen und unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu ziehen. Das Ende soll hier nicht verraten werden, aber es ist stimmig und somit gut erdacht.

Lebendige Erzählung mit erfrischender Sprache

Kárasons Stärke liegt einmal mehr in seiner Dramaturgie und in seinen Charakterisierungen. Mit wenigen Worten ist dem Leser klar, was er von der einen oder anderen Person zu halten hat, und so setzt sich ein Bild Islands aus der Mitte des 13. Jahrhunderts zusammen, das hart, aber auch sehr bunt und lebensfreudig ist. Man lernt viel über Moral, isländische Traditionen und die Denkweise der Inselbewohner. Wir haben uns schon immer die Köpfe eingeschlagen, und es wird ja noch erlaubt sein, Rache zu nehmen, das haben wir immer so gemacht und von daher wird da ja auch niemand etwas dagegen haben. Die Sicht der Isländer auf Leben und Tod ist halt doch eine etwas lockerere als auf dem Festland.

Dem ungeliebten Festland, denn Island untersteht Norwegen, wenngleich dies eher aus Sicht der Norweger so ist, denn aus Sicht der Isländer. So haben auch in Island eingesetzt Bischöfe nichts zu lachen, wie man eindrücklich aus dieser Lektüre lernt. Immer wieder kommt auch Bischof Heinrekur von Hólar zu Wort, der dem norwegischen König sein Schicksal mitteilt, und das ist derart, dass man nicht gerne Bischof auf Island ist, wenngleich es zwischenzeitlich so aussieht, als könne einem schlimmeres passieren. Aber auch das findet wie so vieles eine überraschende Wendung.

Einar Kárasons Roman erhielt für Versöhnung und Groll den Isländischen Literaturpreis, und es ist ihm zu wünschen, dass er noch viele solcher Romane schreibt und dafür weitere Preise erhält. Nur 190 Seiten lang gönnt er dem Leser einen teils sehr skurrilen Einblick in das Wesen der Isländer, historisch höchst interessant und sprachlich erfrischend anders. Man kann gar nicht anders, als zwischendurch zu lächeln und mit dem Kopf schütteln, eine Prise nordischen Humors ist unterschwellig immer mit dabei. Bitte mehr davon, und gerne mit mehr Seiten. Ein wundervoller Beitrag des Buchmessen-Gastlandes Island in 2011, das auf mehr dieser einfallsreichen Romane hoffen lässt.

 

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