Der Maler und das Mädchen

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • , 2010, Titel: 'De schilder en het meisje', Originalausgabe

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Almut Oetjen
Zwei Qualitäten von Mord

Buch-Rezension von Almut Oetjen Feb 2011

Kurzgefasst:

Amsterdam im Jahre 1662. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um die Hinrichtung der 18-jährigen Elsje zu sehen. Erst vor wenigen Tagen in die Stadt gekommen, um ihre große Schwester zu suchen, erschlug sie ihre Zimmerwirtin und scheint die Tat nicht zu bereuen. Daneben der Maler Rembrandt, dessen Name nicht genannt wird. Sein Leben ist geprägt vom Tod seiner zweiten Ehefrau und dem Bankrott, bei dem er fast den gesamten Besitz verlor, und von der Malerei. Was veranlasste ihn, wenige Stunden nach dem Tod des Mädchens, den Leichnam mit wenigen Strichen für immer festzuhalten?

 

Margriet de Moor berichtet in ihrem Roman von einem wahren Ereignis, zu dem ein Bild sie inspirierte: eine siebzehn mal neun Zentimeter große Skizze der hingerichteten Mörderin Elsje Christaens. Rembrandt hatte Elsje nach ihrem Tod am Schandpfahl hängend skizziert, das Beil, mit dem sie ihre Zimmerwirtin erschlug, neben dem Kopf hängend, so wie das Gericht es verfügt hatte.

Die Handlung des Romans spielt an einem einzigen Tag in Amsterdam, am 3. Mai 1664, Elsjes Todestag. Ein Maler ist unterwegs, um Farben für sein neues Gemälde zu kaufen. Es herrscht Aufregung in der Stadt, Glocken läuten, Menschenmassen strömen an ihm vorbei Richtung Rathaus. Er erfährt, dass Gerichtstag ist und ein achtzehnjähriges Mädchen hingerichtet werden soll. Es habe seine Zimmerwirtin mit einem Beil erschlagen, nur wegen eines Gulden, heißt es. Der Maler hat noch nie von ihr gehört und sie interessiert ihn auch nicht. Nach dem Kauf der Farben geht er in eine Schenke, wo er sich einen Bericht über die Hinrichtung anhören muss. Er ist abgelenkt, will von dem Ganzen nichts wissen. Ihn beschäftigen andere Dinge. Sein neues Gemälde, ein Liebespaar; die gerade erfahrene Demütigung, weil zwei wichtige Auftraggeber seine Gemälde ablehnten und nicht zahlen wollten; der Tod seiner zweiten Frau. Erst als ihm sein Sohn von Elsje erzählt, ihrem Verhalten bei der Urteilsverkündung und der Hinrichtung, weckt das sein Interesse. Am Spätnachmittag fährt er zu dem Sumpfgelände, auf dem die Hingerichteten ausgestellt sind, und zeichnet Elsjes an den Schandpfahl gebundene Leiche.

Parallel dazu wird Elsjes letzter Tag geschildert, die Urteilsverkündung, ihr letztes Gebet, ihre Verweigerung der Reue, weshalb ihre Leiche nicht begraben wird, der Gang zum Schafott.

Zwei Lebensgeschichten

Dieser Kurzinhalt verrät nicht zuviel, denn Elsjes Geschichte ist historisch verbürgt und unabänderlich. De Moor versucht auch gar kein Geheimnis daraus zu machen, gleich ihr erster Satz lautet: "An dem Tag, an dem das Mädchen erdrosselt werden sollte, war der Maler schon morgens in die Stadt gegangen."
In mehreren Rückblicken erzählt De Moor die Lebensgeschichten der beiden zentralen Figuren. Der Maler, dessen Name nie genannt wird, bei dem es sich um Rembrandt handelt, ist alt, immer noch angesehen, aber aus der Mode gekommen, was bedeutet, er bekommt nur noch wenige Aufträge. Kurz und prägnant skizziert De Moor ihn und sein Leben anhand der wichtigsten Wendemarken seiner Biographie: die Geburt des einzig überlebenden Sohnes, der Siechtod der ersten Frau, der Bankrott, bei dem er seine gesamte Kunstsammlung verlor, auch die Reproduktionen von Werken seines großen Vorbilds Tizian, der Umzug von der schicken Breestraat in die Rozengracht, die Geburt der Tochter, der Pesttod der zweiten Frau im letzten Jahr.

Elsje Christiaens, eigentlich Else Christians, hübsch und gerade erst achtzehn Jahre alt geworden, stammt aus der Nähe von Aarhus im dänischen Jütland. Ihre Eltern sind schon lange tot, sie lebt bei ihrem Stiefvater auf dem Bauernhof. Er würde sie gerne verheiraten, ein Kandidat hat sich schon gefunden. Aber Elsje, noch völlig unerfahren, will nicht. Sie will ihrer Stiefschwester nach Amsterdam folgen, wo sie nach einigen Verzögerungen Mitte April 1664 eintrifft. Das unschuldige, naive Mädchen vom Land ist schier überwältigt von der Größe und dem Trubel. Statt eine Arbeit zu suchen, vergeudet Elsje Zeit und Geld mit der Suche nach der Stiefschwester - die vermutlich längst an der Pest gestorben ist. Als Elsje die Miete nicht mehr zahlen kann und die Zimmerwirtin sie zur Prostitution drängen will, erschlägt Elsje sie mit einem Beil.

Warum?

Zwei zentrale Fragen kristallisieren sich beim Lesen heraus. Warum bereut Elsje nicht? Warum skizziert der Maler ein Mädchen, das er nicht kennt und das ihm nichts bedeutet? De Moor verzichtet auf ausufernde Beschreibungen von Äußerlichkeiten der Stadt und des Lebens, sie konzentriert sich auf das Innenleben, auf Gefühle und Gedanken ihrer Figuren. Deren Handlungen sind nicht durch singuläre Ereignisse bestimmt, sondern Folgen komplexer Zusammenhänge.

Über Rembrandt existieren Megamassen an Literatur, aber was weiß man über Elsje? Es mag ein paar trockene Fakten geben, aber sie selbst hat nichts hinterlassen, sie konnte mal gerade den eigenen Namen schreiben, war eine Fremde in einer großen Stadt. Niemand kannte sie dort. De Moor behandelt sie dennoch dem Maler gleichrangig und schafft es, trotz wohl nur dürftiger Eckdaten eine lebendig anmutende Figur zu erschaffen, indem sie die Leerstellen von Elsjes Biographie mit glaubwürdigen Details, sensibel und subtil füllt, bis sich ein vollständiges Bild ergibt.

De Moors Elsje ist kein Mädchen, das wegen eines Gulden mordet; ihr Tatmotiv ist ein völlig anderes. Ebenso wenig ist De Moors Zimmerwirtin ein armes, argloses Opfer. Rembrandt malt auch nicht aus Sensationalismus die Tote - dann wäre er zur Hinrichtung gegangen und hätte etwas gemalt, das vielleicht zum "Bild des Jahres" gekürt geworden wäre.

Man möchte es gar nicht wissen, weil es an Grausamkeit nur schwer zu überbieten ist, aber De Moor schildert Kapitel um Kapitel Prozess, Urteilsverkündung und Hinrichtung, langsam, unerbittlich, eindringlich: die Todesstrafe als eiskalter, bürokratisch ausgefeilter Mord. Dabei sind die Amtsträger gar nicht einmal sonderlich oder bewusst sadistisch. Sie möchten sogar, dass Elsje bereut, nicht etwa, damit sich Elsje gut fühlt, sondern weil sie sich selbst besser fühlen, wenn sie das Urteil akzeptiert und sich still in ihr Schicksal fügt. Der höfliche, korrekte Amtsträger, der nur seine Arbeit macht, auch wenn er damit einen Menschen tötet: das war noch nie ein Widerspruch. Das Erschlagen der Zimmerwirtin erfolgt dagegen schnell, im Affekt, und nachvollziehbar, blutig und brutal zwar, aber keineswegs grausam, zumal die Sympathien des Lesers klar vergeben sind.

Historische Authentizität

Margriet de Moors beschreibt ein realistisches Bild vom Amsterdam der Zeit, was nicht verwundert, denn sie lebt dort. Die Stadt hat sich nicht stark verändert seit Rembrandts Zeiten und selbst die Atmosphäre ist vielerorts noch weitgehend unverändert. Auf dem Sumpfgelände Volewijck beispielsweise hat sich Shell angesiedelt, erläutert der Erzähler kurz in eine der zwischendurch eingestreuten Nebenbemerkungen, die den Leser in die Gegenwart zurückführen.

Amsterdam war im 17. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte der Welt, ein blühendes Handelszentrum, relativ fortschrittlich. Sogar Dienstmädchen hatten Rechte. Sie durften beispielsweise nicht geschlagen werden. Regiert wurde die Metropole von dem Oberbürgermeister und mehreren Bürgermeistern, Recht gesprochen von einem Schultheiß als Ankläger und zehn Schöffen. Gehenkt wurde auf dem großen Platz vor dem Rathaus, der Henker kam aus dem Nachbarort. Gerichtsverfahren und Hinrichtung werden detailliert und historisch genau geschildert.

Bewertung

Der Maler und das Mädchen ist ein melancholischer, oft mit bitterem Zynismus durchsetzter Roman über zwei Menschen, die in einer materialistischen Welt zerrieben werden. Sensibel und eindringlich beleuchtet De Moor die Innenwelten zweier sehr unterschiedlicher Figuren, die das Außenseitertum und das Bedürfnis nach Wahrung der Integrität verbindet.

 

Der Maler und das Mädchen

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