Kälberstrick

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • , 2010, Titel: 'Kälberstrick', Originalausgabe

Couch-Wertung:

88
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Carsten Jaehner
Mord im Schwobaländle

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Nov 2010

Kurzgefasst:

Palmsonntag 1840: Dem Schultheiß, Lindenwirt und Weingärtner Fritz Frank wird gemeldet, der Häfnerbauer liege mit einem Strick um den Hals im Heu. Kriminalpolizei und Kriminaltechnik sind noch nicht erfunden und die hohe Obrigkeit ist weit weg. Also muss sich die dörfliche Dreifaltigkeit aus Pfarrer, Schultheiß und Lehrer wohl oder übel des unerfreulichen Falles annehmen. Und das mitten in den Vorbereitungen zum Osterfest.

Wer hat ein Motiv, den allseits beliebten Häfnerbauer umzubringen? Welche Rolle spielt der reichste Mann im Ort? Und was hat der Weinhändler August mit der ganzen Sache zu tun? Je mehr die drei selbsternannten Detektive der Lösung des Rätsels näher kommen, desto mehr Fragen tun sich auf, bis Pfarrer Abel einen Plan ersinnt, wie man das abscheuliche Verbrechen mit Schalk und Charme aufklären könnte.

 

Im schläfrigen Enzheim des Jahres 1840 wird am Palmsonntag des Jahres 1840 der Häfnerbauer mit einem Kälberstrick um den Hals tot in seiner Scheune gefunden. Da der zuständige Ortspolizist noch betrunken zu Hause liegt, muß der Schultheiß des Ortes, Fritz Frank, genannt der Schultes, sich der Sache wohl oder übel selbst annehmen.

Der Schultes, gleichzeitig Weinbauer und Lindenwirt, macht sich auf die Suche nach dem Täter, wenngleich er überhaupt keine Ahnung hat, wie man das anstellt. Zur Seite steht ihm dabei der junge Lehrer des Ortes, der ihm mit so mancher Idee und manch interessantem Gedankengang auf die Sprünge hilft. Deutet zunächst einiges daraufhin, dass Durchreisende den Häfnerbauern auf dem Gewissen haben, so stellen die beiden doch bald fest, dass dem vielleicht doch nicht so gewesen sein könnte. Zudem steht das Osterfest vor der Tür, und man will auch nicht allzu lang auf die Lösung des Mordfalls warten. Gemeinsam mit dem Pfarrer des Ortes suchen der Schultes und der Lehrer nach dem Mörder, als dem Pfarrer die entscheidende Idee kommt.

Kriminalfall mit ordentlich Lokalkolorit

Gerd Friederich hat mit Kälberstrick einen ruhigen Kriminalfall ersonnen, in dem alles etwas beschaulicher zugeht, als man es vielleicht sonst gewohnt sein mag. Allein dass alle in der schwäbischen Mundart sprechen, bis auf den Lehrer, gibt der ganzen Geschichte einen urigen Anstrich, dieses Gefühl hält der Autor bis zum Ende aufrecht. Schon allein zu Beginn des Romans, als die Häfnerin den Tod ihres Gatten meldet, tut sie das in einer Ruhe und Gelassenheit, die schon mehr als erstaunlich und beeindruckend ist.

 

 

"Mit em Scharwächter isch er zum Saufe fort gwä. No isch er sternhagelvoll heim und hat an mir rumnestle welle. No han i den Saudackel nausschmeiße müsse."

" Brav. Und jetzt?"

"Gehört älles mir. I verhunger et."

 

Mag auch dem einen oder anderen Leser die aufgeschrieben schwäbische Mundart seltsam und störend vorkommen, so gibt sie doch der Erzählung das Quentchen Lokalkolorit, das es braucht und das man, anfangs ungewohnt, doch gerne weiter liest. Es macht alle Protagonisten sympathisch, uns so kann man niemandem so richtig böse sein. Die Personen werden schon allein durch ihre Sprache treffend charakterisiert und kommen mal mehr, mal weniger nett herüber. So entsteht eine bunte Erzählung, in der man viel über die Traditionen im "Schwobaländle" erfährt, zumal sich die Handlung auch noch über Ostern hinauszieht.

Und da der Schultes noch nie in der Pflicht war, einen Mordfall aufklären zu müssen, stellt er sich am Anfang auch etwas doof an und denkt wie alle anderen, dass Durchreisende den Häfner auf dem Gewissen haben. Aber ihm fallen dann doch wieder kleine Dinge auf, die ihn zweifeln lassen, und auch die Gespräche mit dem jungen Lehrer (auf hochdeutsch) bringen ihn auf völlig neue Gedanken. Gerade wo die Zeitungen vermelden, dass der Mörder ein Durchreisender gewesen sei und man ihn sowieso nicht mehr finden werde, gibt es dem Schultes Gelegenheit, in Ruhe weiter seine Nachbarn und Bekannten zu fragen.

Lebendiges Dorfleben mit kuriosen Einwohnern

Gerd Friedrich zeichnet ein gelungenes Bild der Zeit, in der es noch keine ausgefeilte Kriminaltechnik gab und in der lokale Betrachtungsweisen immer noch federführend vor anderen waren. Das Enzheim in den Weinbergen wird dem Leser lebendig dargestellt, und dazu kommen eine Reihe teils kurioser und eigenbrötlerischer Provinzler, die dem ganzen den typischen dörflichen Anstrich verleihen. Man denkt langsamer und nicht immer richtig, aber man denkt, und das ist doch schon etwas. Und so ist auch der Schlusssatz typisch für diese Zeit: "Hoffentlich dürfen wir bald wieder einem Verbrecher zum Wohle unserer Stadt sein Geld abknöpfen."

Ein Stadtplan, eine Personenaufstellung und ein (für manchen Leser wohl unentbehrlichen) Glossar ergänzen einen gelungenen Roman aus dem Hause Silberburg, der zwar mit 210 Seiten recht kurz geraten ist, allerdings lohnt sich hier die Lektüre jeder Seite gleich mehrfach. Man amüsiert sich und wird gut unterhalten und erhält zudem einen Einblick in die Traditionen und Denkweisen der Schwaben des 19. Jahrhunderts. Mehr davon, möchte man rufen. Wer es also schafft, sich durch die geschriebene Mundart nicht stören zu lassen, wird mit diesem historischen Kriminalroman seine helle Freude haben.

 

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