Baudolino

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • , 2000, Titel: 'Baudolino', Originalausgabe

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Peter Kümmel
Die Macht der Manipulation

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jul 2006

Im Jahre 1155 war der Bauernsohn Baudolino aus dem Piemont zwölf Jahre alt, vielleicht auch 13. So genau wussten das seine Eltern nicht. Jedenfalls begann er damals, alles das, was er erlebte, aufzuschreiben. Dass ein Kind, und gar ein Bauernsohn, in diesem Alter im 12. Jahrhundert überhaupt schreiben konnte, war schon ungewöhnlich. Baudolino war aber in jeder Hinsicht ein ungewöhnliches Kind. Sprachen bereiteten ihm überhaupt keine Probleme. Er musste nur den Leuten einige Zeit zuhören und konnte sich mit ihnen in deren Sprache verständigen. 

Den größten Spaß jedoch hatte Baudolino damit, Geschichten zu erfinden. Und zwischen dem, was er wirklich erlebt hat, und dem, was er sich ausgedacht hat, hat er Zeit seines Lebens nie einen großen Unterschied gemacht. Denn wenn er etwas erzählte, was er sich ausgedacht hatte und von den Zuhörern große Zustimmung erhielt, dann glaubte er seine Geschichten selber. 

Gerne trieb er sich im Wald herum und beobachtete dort Einhörner. Einmal erschien ihm sogar im Nebel der Sümpfe der heilige San Baudolino. Und eines Tages begegnete er sogar, ohne zu wissen, wen er vor sich hatte, dem Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm erzählte er, dass San Baudolino ihm gesagt hatte, der Kaiser werde die Stadt Tortona erobern. Der Kaiser war so begeistert von Baudolino und seinen Geschichten, dass er den Bauernsohn von dessen Vater abkaufte und ihn zu seinem Adoptivsohn machte. 

Der beste Berater des Kaisers 

Baudolino wird mit seinen raffinierten Ratschlägen zum besten Berater des Kaisers. Selbst Dinge, die dem Kasier zum Nachteil gereichten, konnte Baudolino so hinstellen, dass Barbarossa es als großen Sieg für sich betrachtete. Unterrichtet wurde Baudolino in seiner Jugend von Bischof Otto von Freising und dessen Sekretär Rahewin, dem er jedoch schon bald überlegen war. Von Otto erfährt Baudolino zum ersten Mal vom sagenhaften Reich des Priesterkönigs Johannes. Doch auch nach Ottos Tod gab es für Baudolino noch genügend zu lernen, und so schickte ihn der Kaiser zum Studieren nach Paris. 

Dort lernte er einige Freunde kennen, die ihn weite Strecken seines weiteren Lebens begleiteten: Der Poet, der nie in seinem Leben ein Gedicht geschrieben hatte. Abdul aus Hibernia, der davon überzeugt war, dass die Erde eine Kugel ist. Der Scholar Boron, Boidi, Kyot, der Rabbi Salomon und noch ein paar andere. Mit ihnen zusammen erfindet er den Brief des Priesters Johannes, des mächtigsten Königs des Orients, um ihn als politische Waffe gegen den Papst einsetzen zu können. Und mit ihnen zusammen macht er sich nach vielen Jahren schließlich auch auf den Weg in das Reich von Johannes auf eine abenteuerliche Reise, die als 3. Kreuzzug in die Geschichtsbücher eingegangen ist. 

Historischer Hintergrund

Friedrich I. wurde 1155 in Rom zum Kaiser gekrönt. Seinen Beinamen Barbarossa erhielt er wegen seines roten Bartes. Er baute die stauferische Hausmacht zwischen Elsaß und Egerland aus und war ständig in wechselvolle Kämpfe mit den lombardischen Städten und Papst Alexander III. verwickelt. Friedrich Barbarossa verkörperte das ritterliche Ideal der damaligen Zeit. Unter seiner Regierung begann sich die deutsche Kultur zu entfalten. Auf dem von ihm angeführten 3. Kreuzzug ertrank er beim Baden im Fluß Saleph. Nach der Sage wartet Friedrich im Kyffhäuser auf die Wiederkehr des deutschen Kaisertums. 

Nicht nach zehn Seiten aufgeben

 

"ich Baudolino sohn des Galiaudo von denen Aulari mit einem Haupt alswî ein leu helleluja Dank sei dem Herrn der mir möge vergêben ich hab gemacht den gröszten raub meines lebens indem ich genommen aus einem schrein des herrn bischoffs Otto vil bögen die vielleicht gehören der kaiserlichen Kanzlei und hab sie fast allesamt abgeschabet auszer wo es nit abgienc&"

 

Keine Angst, nur die ersten 11 Seiten in diesem mittelalterlichen Schreibstil muss man überstehen. Die restlichen knapp 600 Seiten sind in verständlichem Hochdeutsch abgefasst. Nach dieser ungewöhnlichen Einleitung beginnt die Handlung im Jahre 1204, als Baudolino dem Geschichtsschreiber Niketas Choniates begegnet. Dieser Niketas soll Baudolinos Geschichte aufschreiben, und so wird der größte Teil des Buches anschließend in Rückblenden erzählt. 

Doch was ist nun Baudolino überhaupt für ein Roman? 

Baudolino ist eine fiktive Biografie mit historischem Hintergrund, eine Aneinanderreihung von Anekdoten, ein wenig Kriminalroman mit Fantasy-Elementen und philosophischen Einblicken, ein mittelalterliches Märchen mit Anspielungen auf die heutige Zeit, ein Abenteuerroman oder ein politischer Schelmenroman, in dem natürlich auch die Liebe nicht fehlen darf. 

Zu viel für ein einziges Buch?

Ja und Nein. Keiner, der das Buch gelesen hat, wird abstreiten können, dass Baudolino ein sehr abwechslungreiches Werk ist. Doch ist sicher nicht jeder lange Abschnitt für jeden Leser interessant. So  musste ich mich durch den ca. 100 Seiten langen philosophischen Teil doch hindurchquälen, bevor dann auf den letzten 50 Seiten schließlich noch die Krimi-Liebhaber auf ihre Kosten kommen. Eco stellt nämlich in seinem Roman die Todesart von Kaiser Friedrich Barbarossa in Frage. Der Historie nach beim Schwimmen ertrunken, im Buch vielleicht schon in der Nacht davor ermordet? Die Auflösung birgt sehr überraschende Wendungen. 

Die Reise in das unbekannte Land hinter den für Europäer im 12. Jahrhundert erschlossenen Gebieten östlich des heiligen Landes ist ein groteskes Abenteuer und eine Freude für jeden Fantasy-Liebhaber. Bizarre Gestalten bevölkern dieses rätselhafte Gebiet kurz vor dem bewohnten Ende der Welt. Dahinter ist nur noch der Ozean und dann noch das Paradies. So oder ähnlich sahen die Vorstellungen der Menschen über die Erde im 12. Jahrhundert aus. Da gibt es Wesen, die nur ein Bein in der Mitte mit einem großen Fuß besitzen und sich hüpfend schneller bewegen als die "normalen" Menschen. Oder Wesen mit dem Penis an der Brust, ungeeignet für den Kampf, da sie gleich beim ersten Rempler "einen in die Eier kriegen". Und es gibt Gestalten mit so großen Ohren, dass sie diese wie einen Mantel benutzen können. 

Die erste Hälfte des Romans jedoch ist weniger abstrakt. Wunderschöne Anekdoten reihen sich aneinander, bei denen man sich so manches Grinsen nicht verkneifen kann. Zu schön, wie einfach heilige Reliquien "hergestellt" werden. Bei politischen Entscheidungen geht es nicht um richtig oder falsch, sondern einzig darum, wie man seine Handlungen begründet. So kann es einem Kaiser auch mal zu höherem Ruhm gereichen, wenn er eine Stadt verschont, anstatt sie zu erobern. Baudolino verstand es meisterhaft, immer die richtigen Gründe für die Taten des Kaisers zu finden. Mit einfachsten Mitteln konnte er seinen Adoptivvater manipulieren und so die Geschichte entscheidend mitbestimmen. So ist auch die Gründung der italienischen Stadt Alessandria einzig und allein Baudolino zu verdanken. Glücklicherweise, denn sonst hätte die Stadt nicht solche Berühmtheiten wie den Schriftsteller Umberto Eco hervorbringen können. 

Verschmelzung von Realität und Fantasie

Doch Eco wäre nicht Eco, würde er in dem Ganzen nicht einen Bezug zur Gegenwart aufzeigen. Die Macht der Manipulation spielt auch in der Politik unserer Zeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Leider jedoch habe ich wohl nur die wenigsten Anspielungen auf die heutige Zeit verstanden. 

Meisterhaft versteht Umberto Eco die Verschmelzung von Realität und Fantasie. Baudolino bietet dem Leser in großen Teilen anspruchsvolle Unterhaltung, doch leider auch immer wieder gepflegte Langeweile. Endlose Aufzählungen italienischer Städte oder Namen fallen ebenso darunter wie Ecos Abschweifungen in philosophische Themen, wobei die Diskussionen über die Existenz eines Vakuums noch zu den interessanteren zählen. Der Schreibstil des Autors ist einfacher geworden im Vergleich zum Focaultschen Pendel. Natürlich ist Eco als Semiotiker ein sprachlicher Künstler, doch sind seine Satzkonstuktionen selten überlang und verworren. Dennoch verhindern lange oft seitenweise Absätze stellenweise ein allzu flüssiges Lesen. 

Mit Baudolino ist Umberto Eco wahrlich ein Kunstwerk von einem Roman gelungen. Das Buch bietet sowohl Unterhaltung als auch geschichtliche Fakten, doch die wichtigsten Informationen muss sich der Leser selbst erarbeiten.

Baudolino

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Letzte Kommentare:
01.03.2016 16:15:59
Winfried Dunz

Ein Buch, wie ich es gleich zu Anfang erlebte, das einfach packt! Solch einen "Introitus" gibt es kein zweites Mal - eben typisch Umberto Eco. Gebt beim Lesen nicht nach 10 Zeilen auf, denn es lohnt sich den Rhythmus mittelalterlich angehauchter Sprachformation zu inhalieren. Eigentlich habe ich es fast bedauert, dass so nicht weiter geschrieben ist...
Den Zeitenablauf "erklärt" der Verfasser nebenbei - wobei die Zeiten wirr waren, und sich somit auch in dieser Form erst richtig erschließen. Es ist ein Buch, das man sicher viele Male liest, doch niemals ohne Gewinn!

28.11.2012 19:54:48
rp

Das buch ist gelungen, auch das letzte Drittel, das Anspielungen auf real existierende Erzaehltraditionen oder Begebenheiten zurueckgreift, man muss diese nunmal kennen, fuer Unkundige ist der letzte Teil wirklich nix! (Eunuchen-chinesicher Kaiserhof; Der Palast des diakon-Bauten der Turkvoelker; Diakon;Presbyter-DalaiLamatradition...) Baudolino selbst verarbeitet die Vorstellungen und Erfahrungen der MA Welt.

20.06.2011 13:16:22
gm

erreicht stellenweise fast die Spannung eines Geschichtsbuchs
teilweise langes Gefasel über Visionen im Rausch oder über Hirngespinste
auf zwei Seiten gibt es kurzzeitig eine leichte Spannung
manchmal gibts auch was zum schmunzeln
spätestens ab Kap 27 wirds absolut unglaubwürdig
das letzte Drittel ist reine Fantasy, hat nichts mit Historie zu tun

14.01.2011 12:33:39
maupe

Vorweg: Ich habe das Buch als Hörspiel, nicht als Hörbuch gehört. Das war vielleicht sehr gut so. Das sehr gut gemachte Stück ließ mich erahnen, was als Buch auf mich zugekommen wäre.

Die historischen Bezüge sind interessant dargebracht. Besonders die Herkünfte der Reliquien und der rote Faden des Priesterkönigs Johannes. Doch leider summierten sich besonders zum Ende hin Punkte, die mir dann einen enttäuschten Beigeschmack hinterließen.

Die Figur des Baudolino empfand ich von Beginn an nicht als Sympathieträger. Doch der Erzählstil rettete dieses Manko für mich. Die Reise am Ende jedoch geriet für mich zu sehr ins phantastische und das doch recht offene Ende lassen für mich keine hohe Wertung zu.

Ich versuchte dann auch immer daran zu denken, wie es wohl in Buchform wäre und ich bin letztendlich froh, es nicht als Buch versucht zu haben.

14.02.2009 13:43:40
Rolf.P

Ecos Romane sind keine leichte Kost, dafür anspruchsvoll und inhaltsschwer. In Baudolino, gelingt es ihm mal wieder virtuos historische Facts und Utopien genial miteinander zu verquicken.
Wie in "Der Name der Rose" stellt Eco an den Beginn ein altes Manuskript, diesmal jedoch eindeutig einerfundenes. Der Protagonist ist keine historische Figur, sondern eher eine Manifestation des Clowns in Eco. Schnell wird klar, was Eco mitteilen möchte:
Historie ist ein Entwurf einer vergangenen Lebenswelt aus der Perspektive der Gegenwart, nie jedoch ein realistisches Abbild. Damit diese These auch so richtig deutlich wird, erlaubt Eco seinem Baudolino einfach alles. Und das macht Spaß!
Endlich mal ein Eco, der leichtfüßig und Augen zwinkernd daherkommt. Wunderbar, wie Eco mittelalterliche Geschichte (Kaiser Friedrichs Kreuzzug, seine Probleme mit Norditalien, die Eroberung Konstantinopels durch den 4. Kreuzzug), mittelalterliche Geschichtsfälschungen und mittelalterlichpolitische Propaganda miteinander durch die Gestalt des Schelmen und Wort-Gauklers Baudolini verwebt.
Typisch Eco, wie er durch seine Gestalten die mittelalterliche Welt mit ihren Fantasien, Visionen, Fragen, Fälschungen wieder auferstehen lässt! Entlarvend, wie Eco die Absurdität und die Banalität von Zerstörungswut und Gier der Menschen, damals wie heute, vorführt.
Der Roman ist angenehm zügig zu lesen und mit vielen ironischen Seitenhieben auf die politischen Wirren um 1200 gespickt. Es bietet von vielem etwas - Lebensweisheit, Humor, knisternde Liebesgeschichten.

Ecos Talent das Fantastische realistisch zu beschreiben macht diesen Roman zu einem kritischen und humorvollen Meisterwerk.

21.04.2007 16:14:01
black.bone

obwohl der autor sonst sehr gut schreibt bin ich von diesem buch sehr enttäuscht. ich finde es zu sehr gemischt auch wenn einige gute ansätze und teile darin sind.