Das Einstein-Mädchen

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • dtv, 2009, Titel: 'The Einstein Girl', Originalausgabe

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Jp Jp
Genie und Wahnsinn

Buch-Rezension von Jp Jp Okt 2010

Kurzgefasst:

Berlin 1932. Eine junge Frau wird im Wald bei Caputh bewusstlos aufgefunden und in die Charité eingeliefert. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an nichts erinnern, nicht einmal an ihren Namen. Bei ihr findet man nur einen Programmzettel von einem Vortrag Albert Einsteins. Martin Kirsch, der zuständige Psychiater, ist fasziniert von diesem ungewöhnlichen Fall - und von seiner Patientin. Wer ist diese Frau? Gibt es eine Verbindung zu Einstein? Seine Nachforschungen führen ihn nach Zürich und bis nach Serbien. Währenddessen ergreifen in Deutschland die Nazis die Macht...

 

Erst gut 30 Jahre nach seinem Tod wurde bei der Veröffentlichung einer Korrespondenz Albert Einsteins mit seiner ersten Ehefrau Mileva Maric die Existenz einer gemeinsamen vorehelichen Tochter publik. Ein uneheliches Kind zu der damaligen Zeit (Jahrhundertwende) war entgegen aller Sitten, deshalb wurde Elisabeths Geburt verheimlicht. Über ihr weiteres Schicksal kann nur spekuliert werden. Einer möglichen Version ihres Werdegangs hat sich der englische Autor Philip Sington in seinem Roman Das Einstein-Mädchen angenommen. Philip Sington ist von Hause aus Historiker. Nach der erfolgreichen Veröffentlichung von sechs Romanen mit einem Co-Autor unter dem Pseudonym Patrick Lynch ist Das Einstein-Mädchen nach Zoia´s Gold sein zweites Soloprojekt.

Wir schreiben das Jahr 1932. Martin Kirsch ist Psychiater an Berlins traditionsreichem Krankenhaus - der Charité. Fachkompetenz und ein stets liebevoller Umgang mit seinen Patienten zeichnen ihn aus. So scheint einer erfolgreichen Karriere nichts im Wege zu stehen, zumal er durch seine Verlobung mit Alma Siegel, Tochter aus begütertem Hause, auch über die richtigen Kontakte verfügt. Die baldige Hochzeit steht an. Das Leben meint es gut mit Martin Kirsch, wären da nicht....

1. Die Krankheit. Während des 1. Weltkriegs war Kirsch als Chirurg auf den Schlachtfeldern Frankreichs tätig. Dabei hat er sich mit Syphilis infiziert, einer Krankheit, die mehrere Stadien durchläuft, die u.a. dem Erkrankten eine Latenzzeit von einigen Jahren gewähren kann. Ausgerechnet jetzt muss er eine erneute Aktivität des Erregers feststellen. Er beginnt eine Eigenbehandlung mit den damals gebräuchlichen Arsen- und Quecksilberpräparaten. Eine gefährliche und nicht unbedingt wirkungsvolle Medikation.
2. Der Aufsatz. In einem Artikel für ein Fachblatt hatte Kirsch sich kritisch über die unfundierten Behandlungsmethoden seiner Psychiaterkollegen ausgelassen, was den Unmut der konservativen Ärzteschaft hervorrief und bei nur Wenigen Anklang fand. Applaus gibt es zu Kirschs Entsetzen von völlig falscher Seite.
3. Elisabeth. Nach einer flüchtigen Begegnung am Morgen trifft Kirsch am Abend in einem Tanzlokal wieder auf die anmutige junge Frau. Ein paar Tänze, ein bisschen Konversation, ein scheuer Kuss - dann ist sie weg, Bis sie einige Tage später in der Charité auftaucht - als Patientin.

In einem Waldstück bei Caputh vor den Toren Berlins hatten spielende Kinder eine bewusstlose, stark unterkühlte Frau entdeckt. Die etwas drastischen Erste-Hilfe-Maßnahmen ließen die junge Frau ins Koma fallen, sodass sie in die Charité eingeliefert werden musste. Aus dem Koma erwacht, kann sie sich zunächst an nichts mehr erinnern, ja, weiß noch nicht mal ihren Namen. Berlins sensationslüsterne Presse stürzt sich auf die schöne Unbekannte, nennt sie "Das Einstein-Mädchen", weil bei ihr ein Handzettel zu einer Vorlesung Einsteins gefunden wurde. Auch das Sommerhaus des berühmten Physikers befindet sich in der Nähe des Fundortes.
Martin Kirsch, der als beratender Psychiater in einem Fall von Amnesie hinzugezogen wird, übernimmt diese Aufgabe natürlich gerne, hat er doch "seine" Elisabeth wiedergefunden. War er anfänglich nur von ihrem reizvollen Äußeren angetan, gewinnt sie nun an Attraktivität durch eine mögliche Verbindung zu Albert Einstein. Kirschs gefallener Bruder Max war ein glühender Anhänger von Einsteins Thesen gewesen und so hat sich auch Martin in Erinnerung an den geliebten Bruder mit Einstein beschäftigt. Martin versucht nun, Licht in Elisabeths Vergangenheit zu bringen. Hilfreich dabei ist Elisabeths zurückkehrendes Erinnerungsvermögen. In ihren Unterlagen findet Martin konkrete Hinweise, die auf Einsteins erste Ehefrau Mileva Maric Bezug nehmen. Martin macht sich auf nach Zürich, um Mileva zu befragen. Diese verhält sich sehr abweisend, gibt Martin aber einen Hinweis auf ihren und Einsteins gemeinsamen Sohn Eduard, der in einem Züricher Sanatorium wegen Verhaltensauffälligkeiten unter Beobachtung steht. Eduard scheint alles zu wissen, doch Martin ist sich nicht sicher, ob er Eduards Aussagen trauen kann.

Philip Sington erzählt nicht allein die fiktive Geschichte des Einstein-Mädchens, die eigentlich Marija Dragonovic heißt, oder die Geschichte des Dr. Martin Kirsch in all seinen Konflikten mit Familie, Verlobten und Krankheit, sondern Sington beleuchtet auch die reale historische Bühne - das Erstarken des Nazi-Regimes mit den Auswirkungen auf die Tätigkeit von Wissenschaftlern und Medizinern, der Dauerstreit zwischen Psychiatrie und der aufkommenden Psychologie, auch Einsteins Relativitätstheorie und seine Ansätze zur Quantenphysik werden für den Laien verständlich angerissen. Über das Privatleben des großen Genies äußert sich Sington nur in Andeutungen. Man kann vermuten, dass Einstein kein unkomplizierter Lebensgefährte und Vater war.

Der eigentliche Roman des Einstein-Mädchens wird umrahmt von zwei Briefen eines gewissen Eduard, (der Einsteins Sohn sein könnte) an seine Schwester Elisabeth, (die Einsteins Tochter sein könnte), in denen er ihr ein unbetiteltes Manuskript zur Lektüre avisiert - die Geschichte eines Lebens - ihres Lebens? Für uns Leser scheint die Geschichte zu schweben zwischen Dichtung und Wahrheit, ein Effekt, der von Sington bewusst eingesetzt wird, erinnert er doch an die Vielschichtigkeit und Unschärfe bei der Quantentheorie.

 

 

Er würde nicht zögern, diese Seiten als das Werk eines Wahnsinnigen zu bezeichnen, wenn er feststellt, wie die Figuren, Du und ich und Dr.Kirsch, an verschiedenen Orten gleichzeitig existieren - wie seine Quanten, die er so gern wieder einfangen würde.

 

...so Eduard in seinem letzten Brief. Wen er meint, ist klar, oder? Das Genie...

Wir alle kennen Einsteins weltberühmte Formel: E = mc2, kennen die Bilder von ihm, wo er uns burschikos die Zunge rausstreckt. Aber wie war als Privatmensch ? Dazu könnte man eine Biographie lesen oder Philip Singtons spannenden Roman, der Einsteins Person und sein privates Umfeld aus der Sicht des ungeliebten Sohnes Eduard beschreibt.

Ein gut recherchierter Plot, ein komplexer Aufbau, dazu eine adäquate, schöne Sprache machen Das Einstein-Mädchen zu einem kleinen Highlight, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

 

Das Einstein-Mädchen

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Letzte Kommentare:
29.12.2015 15:16:09
Kalamaria

Einsteins Mädchen wird in Caputh in der Nähe der Einsteinschen Sommerresidenz aufgefunden - im Herbst 1932, also quasi am Vorabend der Machtergreifung Hitlers. Sie ist bewusstlos und bleibt nach dem Erwachen ohne Erinnerung - alles, was sie bei sich hat, ist ein Faltblatt mit der Ankündigung einer Vorlesung von Einstein - so hat sie ihren Spitznamen weg. Der zuständige Arzt an der Charité, wohin die Patientin eingewiesen wird, Dr. Martin Kirsch, ist fasziniert von der Schönheit der Patientin und von ihrem geheimnisvollen Fall und verstrickt sich immer tiefer hinein. Kirsch trägt selbst an schweren Lasten: am Verlust seines Bruders im 1. Weltkrieg sowie an einer kaum heilbaren Krankheit, an der er sich in ebendiesem Krieg angesteckt hat. Zudem hadert er mit seiner Zukunft: sowohl der privaten als auch der beruflichen.

Spannend? Könnte es sein, doch der gewisse "Klick" fehlt. Mir als Leserin erscheinen die Figuren seltsam konturlos, der Geschichte fehlt aus meiner Sicht der rote Faden. Ich habe mich zwar nicht gerade durch das Buch gequält, doch von einem Lesegenuss war es ebenso weit entfernt. Für Thrillerfreunde ist es schon gar nicht geeignet: ausser der Spannung fehlen auch die entsprechenden Effekte. Wissenschafts-Fans und Leser, die Romane über die Nazi-Zeit mögen, sind eher der Zielgruppe zuzuordnen, zumal der Wahnsinn in den Anfängen des Dritten Reiches, der Weg zur gestörten Nation, durchaus herausgearbeitet ist: Für mich eine der wenigen Stärken des Buches!

06.09.2011 12:24:53
KimVi

Im Berlin der dreißiger Jahre wird ein junge Frau im Wald bei Caputh bewusstlos aufgefunden. Als sie aus dem Koma erwacht, fehlen ihr sämtliche Erinnerungen. Selbst ihr Name ist aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Da man bei ihr nur einen Programmzettel, für einen Vortrag von Albert Einstein findet, wird sie von den Medien fortan als das "Einstein-Mädchen" bezeichnet. Die junge Frau wird in der Psychatrie der Charité behandelt. Der Psychiater Martin Kirsch beginnt sich deutlich mehr mit der Patientin zu befassen, als von ärztlicher Seite notwendig wäre. Er versucht ihre Identität zu lüften und gerät dabei in den Sog gut gehüteter Geheimnisse....



|| Meine Meinung ||


Die Geschichte um das Einstein-Mädchen wird in verschiedenen Handlungssträngen erzählt. Man begleitet zunächst Alma Siegel auf der Suche nach ihrem Verlobten Martin Kirsch. Dann springt die Handlung einige Monate in der Zeit zurück. Nun kann man Martin Kirsch dabei beobachten, wie sein Interesse an der namenlosen Frau geweckt wird und wie er langsam immer tiefer in den Sog der Ereignisse gerät. Dabei wird dieser Teil der Handlung gelegentlich von Briefen und einer Erzählung in der Ich-Perspektive unterbrochen. Diese Einschübe heben sich durch ein anderes Schriftbild vom Rest des Geschehens ab. Zunächst bleibt ungewiss, wie sich diese Einschübe in das Gesamtbild einfügen, doch recht bald erlangt man dadurch ein umfangreicheres Hintergrundwissen und kann erste Schlüsse ziehen.

Historische Ereignisse fließen in die Handlung ein und spiegeln das Flair dieser Zeit wider. Man erfährt von den damaligen Behandlungsmethoden der Psychiatrie und vom Leben zwischen den beiden Weltkriegen. Langsam schleichen sich die Anfänge des Nationalsozialismus in die Handlung ein. Auch wenn diese nur den Rahmen für das Hauptgeschehen bilden, tragen sie doch viel zur besonderen Atmosphäre der Geschichte bei. Historische Fakten verknüpfen sich in diesem Roman geschickt mit der künstlerischen Freiheit des Autors. Die Physik kommt ebenfalls nicht zu kurz. Ausführlich wird auf die Arbeit und die Veröffentlichungen von Albert Einstein eingegangen. Diese Abschnitte sind zwar verständlich geschrieben, wirken aber trotzdem zuweilen recht langatmig und verführen dazu, mit den Gedanken abzuschweifen. Ein geringerer Anteil hätte den Lesefluss sicher gefördert.

Die Protagonisten wirken lebendig und ihre Handlungen nachvollziehbar. Martin Kirsch ist sympathisch und man folgt ihm deshalb gerne bei der Spurensuche. Sein gesundheitliches Manko wirft ihn dabei häufiger aus der Bahn, doch das lässt diese Figur noch glaubwürdiger wirken. Der Schreibstil ist flüssig und angenehm lesbar. Handlungsorte und Personen erwachen zum Leben und die Atmosphäre der vergangenen Zeit ist beim Lesen deutlich spürbar. Die Suche nach dem Schlüssel zur Vergangenheit des Einstein-Mädchens ist zwar interessant, doch für einen historischen Thriller nicht spannend genug. Dafür sind einfach zu viele langatmige Passagen enthalten.

Obwohl mir die physikalischen Abhandlungen zu ausführlich waren und meinen Lesefluss etwas hemmten, konnte ich mich nur schwer von der Geschichte des Einstein-Mädchens lösen. Die Atmosphäre der Erzählung und die Mischung von Fiktion und Realität konnten mich überzeugen, auch wenn ich mir, aufgrund des Klappentextes, inhaltlich etwas anderes vorgestellt hatte.

11.12.2010 14:19:59
Kathrin

Dieser Roman war meiner Ansicht nach nur mittelmäßig.
Man hat den Eindruck, der Autor will eine hohe seitenanzahl erreichen und zieht deswegen die Geschichte unnötig in die Länge. Die meiste Zeit werden nur die Gedanken von Martin Kirsch beschrieben, die Handlung bleibt dadurch zum Teil auf der Strecke. Die Schilderung Einsteins basiert meiner Meinung nach nicht auf Fakten. Einerseits wird schon fast als Gottheit charakterisiert, andererseits werden ihm schlechte Eigenschaften zugeschrieben für die es keinen Beweis gibt. Das Buch ist anfangs ganz spannend, ich musste mich jedoch am Schluss fast zwingen, es fertig zu lesen.