Friesische Freiheit

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • , 2010, Titel: 'Friesische Freiheit', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Carsten Jaehner
Eindrucksvoller Roman über das friesische Mittelalter

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2010

Kurzgefasst:

Friesland im 14. Jahrhundert. Reiche Großbauern wollen herrschen, ihre Landsleute aber in Freiheit leben. Dieser Konflikt ist friedlich nicht zu lösen. Lange Zeit haben die Friesen Angriffe fremder Herren auf ihre Freiheit erfolgreich abgewehrt. Mit den Wikingern fing es an. Dann kamen die Deutschen - Grafen und Fürsten, ja sogar Könige - und haben sich dabei blutige Nasen geholt. Doch nun gärt es unter den Friesen. Reiche Bauernfamilien drängen zur Häuptlingswürde. Die alte Rechtsordnung der friesischen Freiheit und ihre Verfechter geraten zunehmend unter Druck. Das Amt des frei gewählten Richters, der zugleich Führer des Heeresaufgebots und Patronatsherr ist, soll jährlich wechseln, aber immer öfter vollzieht sich dieser Wechsel nur mit Schwierigkeiten. Ehrgeizige Großbauern finden Gefallen an der Machtfülle ihres Amtes und trennen sich nur widerwillig von ihm. Schließlich weigern sich die ersten. Wo sie mit ihren Argumenten nicht überzeugen, nutzen sie Erpressung und Gewalt und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Magnus tom Diek ist Richter im Harlingerland und fühlt sich der alten Rechts­tradition verpflichtet. Ihm stehen Widersacher wie der Brokmanne Keno Hylmerisna und der Erzbischof Otto I. von Bremen gegenüber, denn auch die Kirche drängt zu säkularer Macht. Magnus­ nimmt den Kampf auf, er macht sich zum Sprecher derer, die nicht bereit sind, ihre seit langem bewahrte Freiheit nun an eigene Bauernfürsten zu verlieren. Aber seine Gegner sind stark, vor allem, weil sie keine Skrupel kennen.

 

Im Friesland des Jahres 1345 leben in der Nähe des heutigen Esens die Großbauern friedlich auf ihren Höfen, die sie bestellen. Es gibt Richtlinien, nach denen Unrecht geregelt wird, und alle akzeptieren dies. Doch es regen sich Widerstände gegen die alte Ordnung, einige wollen mehr als andere, und das geht auf Dauer nicht gut.

Einer von diesen Großbauern, die durch List und Tücke ihr Land vergrößern und die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken, ist Keno Hylmerisna, der Brokmanne, der auch einen Sohn namens Ocko hat, der sogar noch skrupelloser zu sein scheint, als sein Vater. Ihnen gegenüber stehen Magnus tom Diek und sein Sohn Enno, die sich in der Tradition der alten Rechte sehen und so zu Widersachern der Brokmannen werden. Jeder zieht andere Bauern auf seine Seite, und so bleibt es nicht aus, dass es immer wieder zu Reibereien kommt.

Doch nicht nur die Bauern bekriegen sich. Als der Bischof von Bremen stirbt, sind es die Kirchenfürsten Frieslands leid, auf Nachricht aus Rom zu warten, und setzen einen der Ihren ins Amt ein. Als schließlich der vom Papst ernannte Bischof auftaucht, beginnt ein Kampf der beiden Kirchenmänner und ihrer Anhänger um das Amt. Magnus tom Diek stellt sich auf die Seite des vom Papst ernannten Gottfried von Arnsberg und kämpft für seine Freiheit und die der anderen Friesen, die sich nicht den Unterdrückern und Gewalttätigen beugen wollen. Ein Kampf, der über Generationen dauern wird.

Realistische Beschreibungen

Mit seinem Roman Friesische Freiheit legt Lothar Englert einen eindrucksvollen Roman über das mittelalterliche Friesland vor, der sowohl spannend als auch außerordentlich lehrreich ist. Von Anfang an schafft er es, den Leser in die bittere Zeit des 14. Jahrhunderts zu bringen und behält auch über die sagenhaften 960 Seiten immer die Spannung bei. Er verliert nie den Überblick, schaut auch über den Tellerrand Frieslands hinaus und bettet so das Geschehen in Friesland in das große Ganze der Weltpolitik, und das tut er äußerst überzeugend.

Neben der immer wieder beschriebenen Thematik zwischen Keno Hylmerisna und Magnus tom Diek und später ihren Söhnen tauchen immer wieder neue Personen und Konflikte auf, die zusammen ein großes und trotzdem übersichtliches Bild der Zeit ergeben. Englerts Beschreibungen sind sehr realistisch und dabei nie überzogen oder übertrieben. Man kann die Landschaft förmlich riechen, die Menschen sehen und ihre Handlungen nachvollziehen, und so entsteht niemals Langeweile, im Gegenteil, immer wieder ertappt man sich dabei, dass man das Buch vor Spannung kaum aus der Hand legen möchte. Dies gilt für Passagen, in denen gekämpft und intrigiert wird genauso, wie für Stellen, wo es vielleicht eher ruhiger zugeht. Lothar Englert beherrscht sein Handwerk.

Gute Personenzeichnung

Auch in Sachen Personenzeichnung weiß der Autor durchweg zu überzeugen. Neben den beiden Familien, von denen die Hylmerisnas gar historisch verbürgt sind, die tom Dieks hingegen stellvertretend für viele Familien ihrer Zeit stehen, bleiben vor allem der lange Adriaan, Holländer und Freund von Magnus, sowie der Dominikaner William, in Diensten von Magnus, und der Mönch und Speichellecker der Hylmerisnas, Bruder Ludgerus, im Gedächtnis. Letzterer erweist sich als windige, unsympathische und als Geistlicher völlig fehlbesetzte kleine Kröte, die nur an sich selbst denkt und immer wieder für unangenehme Situationen sorgt. Auch er steht stellvertretend für eine Kirche, in der Korruption ebenso an der Tagesordnung liegt wie außerhalb der Kirche.

Auch wenn man sich anfangs scheuen mag, den 960 Seiten starken Roman nebst 25seitigem Anhang in die Hand zu nehmen, so lohnt es sich doch. Englert verliert nie den Überblick über seine Figuren und die politischen Situationen und beweist sogar gelegentlich friesischen Humor. Er beschreibt Traditionen und kennt sich im mittelalterlichen Friesland aus, was auch die Nutzung der alten friesischen Ortsnamen bezeugt, die immer mit Fußnoten im Anhang aufgeschlüsselt werden. Dabei ergreift der Autor keineswegs wirklich Partei, sondern versucht immer mit einer gewissen Neutralität zu formulieren. Auch wenn bald klar ist, dass die Sympathien der Leser, wenn man überhaupt davon reden kann, wohl auf der Seite der tom Dieks liegen, so bekommen doch alle Parteien ihre Charakterzüge, die sie zu realen und nicht nur schwarzweißen Figuren machen.

Politische Winkelzüge anschaulich dargestellt

Friesische Freiheit ist dank seines Autors ein gelungene Chronik Frieslands und bietet dem Leser einen eindrucksvollen Einblick in das mittelalterliche Leben, und wenn man genau hineinliest, kann man so manchen Schachzug bestimmt auch in heutiger Politik wiederfinden. Im Großen wie im Kleinen wird hier Geschichte anschaulich und lebendig erzählt, und dies dürfte nicht nur für Norddeutsche interessant sein.

 

 

Die gefährlichsten Feinde der Friesen sind die Friesen selbst.

 

So sieht es aus, und diese Weisheit lässt sich mühelos in die heutige Zeit in die ganze Welt übertragen. Dem geneigten Leser sei zu raten, die Seitenzahl zu vergessen und sich auf den spannenden Roman einzulassen. Er wird wahrscheinlich eh nicht merken, wie die Seiten nur so davon fliegen. Vielleicht wäre eine Karte Frieslands aus der Zeit ebenso wie eine Personenliste eine interessante Ergänzung gewesen, so bleibt ein langes und ausführliches, gutes Nachwort neben den Fußnoten die einzige Ergänzung. Dieser Roman aus dem Leda-Verlag wäre es durchaus wert gewesen, als Hardcover zu erscheinen (und dann auch bequemer beim Lesen in der Hand zu halten). Aber auch so wird der Leser ein eindrucksvoller Leseerlebnis haben. Herzlichen Glückwunsch!

 

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