Das dunkle Netz der Lügen

  • Wunderlich
  • Erschienen: Januar 2010
  • Wunderlich, 2010, Titel: 'Das dunkle Netz der Lügen', Originalausgabe
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Dirk Jaehner
89

Histo-Couch Rezension vonSep 2010

Spannendes und virtuos konstruiertes Krimi-Sittenbild

Kurzgefasst:

Ruhrort, 1861: Dunkle Zeiten im Land von Stahl und Kohle Lina hat es geschafft: Ihr kleiner Modesalon ist in aller Munde. Wie viele Bewohner des Städtchens hat sie die Aufbruchstimmung der letzten Jahre genutzt und sich nach ihrer Hochzeit mit Commissar Robert Borghoff selbständig gemacht. Ihre Welt wird erschüttert, als Anna Jansen erstochen wird. Wer hatte einen Grund, ihrer besten Näherin nach dem Leben zu trachten? Doch das ist erst der Anfang. Ein weiterer Mord geschieht. Und während ganz Ruhrort den traditionellen Maiball begeht, werden die Villen reicher Bürger geplündert. Nicht nur der Polizei fällt auf: Die Taten waren gut geplant, zeugen von genauer Kenntnis der Örtlichkeiten und Besitztümer. Und: Sie betreffen ausschließlich Linas Kunden. Misstrauen schlägt ihr entgegen. Gestern noch eine angesehene Bürgerin Ruhrorts, muss Lina nun ihre Ehre verteidigen. Dabei steht nicht nur ihr Ruf auf dem Spiel...

 

Nach ihrem fulminanten Roman-Debüt Das rote Licht des Mondes legt Silvia Kaffke den zweiten Roman um Lina Kaufmeister und Robert Borghoff vor. Wieder spielt der Roman ausschließlich in Ruhrort - mit kleinen Ausflügen über die Ruhr nach Duisburg - und wieder ist der Roman auch ein detailliertes Sittenbild der Gesellschaft und der Lebensweisen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch anders als im ersten Buch sind hier die Ereignisse enger miteinander verzahnt. Die Geschichten aus dem Milieu haben unmittelbar Auswirkungen auf die Krimi-Handlung ebenso wie die zahlreichen persönlichen Schicksale. Viele winzige Handlungsstränge verbinden sich mit der "großen" Krimi-Handlung zu einem vielschichtigen und virtuos angelegten Gesamtbild einer Industriestadt des 19. Jahrhunderts, in der es vor allem um das tägliche Überleben geht.

Kurzgefasst

Sieben Jahre nach den Ereignissen um den zwielichtigen Maler Reppenhagen und seinen Satanskult sind Lina und Robert verheiratet, Lina hat einen gut gehenden Modesalon in Ruhrort und Robert ist ein angesehener Polizeichef. Doch die Zeiten sind stürmisch, nicht nur weil das Land gerade aus einer Wirtschaftskrise schlingert. Eine Bande von Räubern unter der Führung des "Greifers", eines skrupellosen und brutalen Kriminellen, sucht sich neue Wirkungsstätten und zieht von Wien in den reichen Norden: nach Ruhrort. Und weil Linas Kundinnen zumeist zu den wohlhabendsten der Stadt gehören, hat der Greifer einen perfiden Plan: Er will eine Spionin unter Linas Näherinnen platzieren, die ihm alle wichtigen Auskünfte beschaffen soll. Der Zufall beschert ihm Zita Fredowsky, mit der er eine gemeinsame Vergangenheit hat, die aber vor einiger Zeit vor ihm geflohen ist. Sein Druckmittel ist ihre kleine Tochter, die er in Gewahrsam hält und mit deren Tod er droht, liefert Zita nicht die gewünschten Informationen. Und weil Zita liefert, kann der Greifer mit seiner Bande bald die Stadt mit einer Einbruchsserie nach der anderen überziehen. Zunächst kann die Polizei ihm nicht auf die Schliche kommen, denn niemand hat etwas oder jemanden gesehen oder gehört. Doch dann wird Anna Jansen, eine von Linas Näherinnen, ermordet und Linas verschwunden geglaubte Zwillingsschwester Mina taucht wieder auf und bringt die Dinge ins Rollen. Und dann muss Lina auch noch um die Existenz ihres Salons kämpfen, denn die Polizei entdeckt schnell den Zusammenhang zwischen den Einbrüchen und ihrer Schneiderei.

Viele Ebenen

Silvia Kaffkes Romane sind von einer Unzahl Personen bevölkert, die die Handlung unübersichtlich machen könnten. Ein weiterer Flüchtling vor dem Greifer zum Beispiel ist Hermann Demuth, ein studierter Arzt, der jedoch als einfacher Arbeiter im Phoenix-Stahlwerk untergetaucht ist. Er und Zita begegnen sich und entdecken, dass sie das gleiche Schicksal miteinander teilen. Oder Emil und Josef, die beiden Söhne von Mina, die nach dem Verschwinden ihrer Mutter bei ihrem Onkel Robert aufgewachsen sind und nun vehement in die Handlung eingreifen. Oder das junge Paar Finchen und Simon, das im Vorgänger-Roman geheiratet hatte und inzwischen vier Kinder hat. Oder der Baron Sannberg, der mit einer deutlich jüngeren Ehefrau auf der Bildfläche erscheint und sie im Verlauf des Romans unter dramatischen Umständen wieder verliert.
Kaffke verwebt geschickt mehrere Handlungsstränge miteinander. Die Spannung bleibt bis zum Schluss, weil nicht sofort klar wird, wer wen ermordet hat und in welchem Verhältnis die Verbrechen zueinander stehen. Die Handlung ist sorgfältig konstruiert, jede Szene trägt ein winziges Teil zum großen Puzzle bei. Auch länger zurückliegende Ereignisse können plötzlich eine Bedeutung bekommen, sogar die aus dem ersten Buch - trotzdem ist das zweite auch ohne das erste verständlich.

Ein wenig zuviel Zucker

Freilich kann die Autorin vom Wohlfühlfaktor nicht lassen, und in diesen Momenten werden die Samthandschuhe unerträglich weich. Lina Borghoff scheint nicht nur sehr intelligent zu sein - was in diesem Roman allerdings weniger die Handlung vorantreibt als in seinem Vorgänger -, sie hat auch ein gutes Herz und versucht nicht nur den notleidenden Menschen zu helfen. Als barmherzige Samariterin geht sie durch die Welt und tut - fast - nur Gutes: Sie sorgt sich im ihre Näherinnen mehr als andere Chefs um ihre Angestellten, sie geht auf eine Hurenbeerdigung, sie hilft wem und wo sie nur kann. Und sie steckt sogar ihren Ehemann, den Polizeichef, mit ihrer Nächstenliebe an, damit er bei Simon, dem Gatten ihres Hausmädchens Finchen, der sich zum Säufer und Spieler entwickelt hat, mehr als ein Mal ein Auge zudrückt. Das alles birgt die Gefahr des Gefühlskitsches, und manchmal trägt Kaffke auch ein wenig zu dick auf. Doch irgendwie wird der Rahmen des Erträglichen nie überschritten.

Zum Schluss

Ja, der Schluss... Natürlich bekommen der Greifer und seine Bande, was sie verdienen. Natürlich renkt sich alles wieder ein, alle Lügen werden aufgeklärt und die Menschen, die zueinander finden sollen, finden zueinander. Ende gut, alles gut. Und doch hinterlässt der Schluss nicht das Gefühl der Endgültigkeit. Wer weiß, ob nicht ein dritter Roman schon in der Pipeline steht. Vielleicht werden die Borghoffs dann ja endlich Eltern...

 

Das dunkle Netz der Lügen

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