Das Haus zur besonderen Verwendung

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Arche, 2009, Titel: 'The House of Special Purpose', Originalausgabe

Couch-Wertung:

97
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Rita Dell'Agnese
Feinfühliger Roman über den Untergang der Romanows und eine Liebe, die alle Schranken überwindet

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2010

Kurzgefasst:

Russland 1915: In einem kleinen Dorf verhindert der sechzehnjährige Bauernsohn Georgi mit Glück und Geistesgegenwart ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie. Zar Nikolaus II. ruft Georgi daraufhin nach Sankt Petersburg, wo er ihn zum Leibwächter seines einzigen Sohnes ernennt, der nicht nur als Thronfolger in ständiger Lebensgefahr schwebt. Georgi weicht dem kleinen Zaren fortan nicht mehr von der Seite und findet in ihm einen Freund. In den prunkvollen Sälen des Winterpalais begegnet er auch der Zarentochter Anastasia. Sie verlieben sich, wohl wissend, dass diese Liebe nicht sein darf. Doch Georgi ist entschlossen, für Anastasia bis zum Äußersten zu gehen. Aber dann erhebt sich das Volk gegen den Zaren; das ganze Land taumelt dem Abgrund der Revolution entgegen. Anastasia und ihre Familie werden an einen geheimen Ort verschleppt ins "Haus zur besonderen Verwendung".

 

Georgi möchte nur eines: Seinen besten Freund von einer Dummheit abhalten. Ohne nachzudenken wirft er sich deshalb in die Kugel, mit der sein Freund Kolek den Vetter des Zaren töten möchte. Diese Tat bringt ihn in den Palast nach St. Petersburg. Dort soll der Bauernsohn Georgi auf den Thronfolger Alexei aufpassen, ihm ein loyaler Freund und Begleiter sein. Doch 1915 ist eine schwierige Zeit, der Sturz der Zarenfamilie bahnt sich an. Georgi spürt davon zunächst nichts. Ihn beschäftigen andere Gedanken. Denn seit dem ersten Augenblick ist er von der jüngsten Zarentochter Anastasia fasziniert. Da bricht die Revolution aus.

Spiel mit den zeitlichen Ebenen

Dass John Boyne ein hervorragender Erzähler ist, offenbart sich bereits im Aufbau des äußerst feinfühligen Romans. Er siedelt seine Geschichte auf mehreren zeitlichen Ebenen an, immer mit Georgi als zentraler Figur. Einmal geht es um die Zeit von 1915, als der junge Bauernsohn plötzlich in die prunkvolle Welt des Palastes versetzt wird. Georgi hat Mühe, sich in der neuen Welt zu Recht zu finden und versteht viele Rituale und Gesetze nicht. Dann spielt der Roman aber auch 1941 im vom Bombenterror gebeutelten London, wo Georgi mit seiner Frau Soja und der gemeinsamen Tochter lebt. Eine weitere Zeitebene ist in den frühen Siebzigerjahren angesiedelt und den Abschluss der Erzählungen macht die Zeit von 1981, als der betagte Georgi auf seine Jugend zurückblickt. Nie geraten die vielen zeitlichen Abläufe durcheinander oder sind verwirrend. Denn Boyne erzählt so schlüssig, dass sich die Geschichte wie ein Fächer vor dem Auge des Lesers entfaltet. Die Zeitsprünge wirken sich auch keineswegs nachteilig auf den Lesefluss aus. Vielmehr bekommt der Roman gerade dadurch seine eigentliche Würze.

Überzeugende Protagonisten

Der Autor hat sich intensiv mit der Familie Romanow und deren Umfeld auseinander gesetzt. Dies gibt ihm die Möglichkeit, die einzelnen Charaktere detailliert und glaubwürdig auszugestalten. Ob es nun um die kühle Zarin, die heranwachsende, liebenswürdige Anastasia, den Bengel Alexei oder auch den undurchsichtigen Rasputin geht, alle Figuren, denen man auch in den Geschichtsbüchern begegnet, wirken in jeder Hinsicht überzeugend. Boyne versteht es, die Stärken und Schwächen der einzelnen Personen fein hervorzuarbeiten und ihnen damit eine unglaubliche Tiefe und Wahrhaftigkeit zu verleihen. Nicht eine einzige Figur fällt hier negativ auf, wenn es auch natürlicherweise Sympathieträger und unangenehme Personen gibt.

Schöne Sprachmelodie

John Boyne legt hier einen Roman vor, der auch von der Sprachmelodie überzeugt. Obwohl er durchaus die prachtvolle Üppigkeit und die Schwere der russischen Gesellschaft einfängt, wirkt die Sprache leichtfüßig und plätschernd, legt beim Lesen keinerlei Hindernisse in den Weg und lädt dazu ein, sich am Text festzukrallen und nicht mehr loszulassen, bis die letzte Seite gelesen ist. Doch auch dann wird der Roman wohl die meisten Leserinnen und Leser nur schwer wieder aus seinen Fängen lassen. Die Geschichte wirkt nach, bezaubert, macht betroffen und wirft die Frage auf: Wie gehe ich persönlich mit Menschen um, die aus einer mir unbekannten Welt stammen. Denn neben der eigentlichen Geschichte um Georgi und Anastasia bietet der Roman viel Stoff zum Nachdenken über Nachbarschaft, fremd sein, Krieg und Gefühle.

Wer den besonderen historischen Roman sucht, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Die Handlung ist so weit entfernt vom gängigen Schema des Durschnitt-Romans, dass er alleine deshalb schon Augenmerk verdient. Dass er zudem hervorragend geschrieben ist und intensive Gefühle zu wecken vermag, sind weitere wichtige Pluspunkte.

 

Das Haus zur besonderen Verwendung

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