Wölfe

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 2010
  • DuMont, 2009, Titel: 'Wolf Hall', Originalausgabe
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Almut Oetjen
98

Histo-Couch Rezension vonAug 2010

Zoll um Zoll

Kurzgefasst:

England im Jahr 1520: Das Königreich ist nur einen Pulsschlag von der Katastrophe entfernt. Sollte der König ohne männlichen Erben sterben, würde das Land durch einen Bürgerkrieg verwüstet. Henry VIII. möchte seine Ehe annullieren lassen und Anne Boleyn heiraten. Der Papst und ganz Europa sind dagegen. Die Scheidungsabsichten des Königs schaffen ein Machtvakuum, in das Thomas Cromwell tritt: Die Werkzeuge dieses politischen Genies sind Bestechung, Einschüchterung und Charme. Aus der Asche persönlichen Unglücks steigt er auf und bahnt sich seinen Weg durch die Fallstricke des Hofes, an dem "der Mensch des Menschen Wolf" ist.

 

Hilary Mantel erzählt die Geschichte von Thomas Cromwell, dem Sohn eines Hufschmieds und Brauers aus Putney, der als ungefähr Fünfzehnjähriger von zu Hause wegläuft, weil sein Vater ihn im Suff beinahe zu Tode prügelt. "Zoll um Zoll" kriecht er blutend und mit zerschmettertem Gesicht im Schlamm der Themse vorwärts, um dem väterlichen Stiefel zu entkommen. So lernen die Leser ihn im ersten Kapitel im Jahr 1500 kennen. Die Handlung springt ins Jahr 1527. Cromwell ist nun juristischer Berater von Kardinal Wolsey, dem Lordkanzler Henrys VIII. und mächtigstem Mann im Königreich. Auf dem Kontinent erlernte er verschiedene Sprachen und Berufe, darunter den des Soldaten. Zehn Jahre später kehrte er als Jurist und Tuchhändler nach England zurück und gründete eine Familie mit einer wohlhabenden verwitweten Kaufmannstochter. Wolsey soll die Scheidung Henry VIII. betreiben, der sich von Katherine scheiden lassen will, weil sie ihm keinen Thronerben geschenkt hat und das Land deshalb vor einem Bürgerkrieg steht, aber auch wegen seiner Gier nach Anne Boleyn. Einen offenen Bruch mit Katherine und dem Papst kann Henry sich aus innen- und außenpolitischen Gründen und aus Angst um sein Seelenheil nicht leisten. Wolseys Unfähigkeit, Henrys Wunsch zu erfüllen, kommt einem Todesurteil gleich. Er wird entmachtet und enteignet, später verhaftet. Dem Henkersbeil entgeht er knapp, weil ihn rechtzeitig eine Krankheit dahinrafft. Oder war es doch Gift?
Mantel schildert, wie Cromwell in den nächsten acht Jahren "Zoll um Zoll" in das Machtvakuum vorstößt, zu Henrys wichtigstem Berater und Vertrautem aufsteigt.

Cromwell und die menschliche Seite

Jeder dürfte die Geschichte um den berühmtesten König Englands und deren Ausgang kennen. Indem sie Cromwell zum Zentrum des Geschehens macht, vermeidet Mantel die ewige Rekonfiguration der Geschichte von Henrys sexueller Gier und seinem Wunsch nach einem Sohn als Auslöser für einen Bruch mit dem Papst. Vielmehr macht sie mit Thomas Cromwell einen Mann, der als Kind geprügelt wurde und nicht einmal seinen Geburtstag kennt, zum Architekten einer Nation, die sich von der Tyrannei der katholischen Kirche befreit und den Grundstein für den ersten modernen Staat Englands unter Elizabeth I. erschafft. Obwohl sich Mantel an die geschichtlich verbürgten Fakten hält, verliert ihr Roman nicht an Spannung, denn die traditionelle Geschichtsschreibung lässt viele Lücken über die Befindlichkeiten der Menschen offen, ihre Bedürfnisse und Wünsche, Tugenden und Laster, ihren Alltag und ihre Probleme in einer politisch, sozial und religiös zerrissenen Epoche. Diese muten auffallend aktuell an.

Homo homini lupus

Wölfe ist ein Roman über Macht. Der Mensch ist des Menschen Wolf und der königliche Hof ist ein Wolfsrudel. Nur wer wie Cromwell ein Trickser ist, das menschliche Kalkül durchblickt, alle juristischen Winkelzüge kennt und in Mehrdeutigkeit verbleibt, überlebt - eine Weile. Wolf Hall lautet der sinnige Titel der Originalfassung, der sich auf die Wolfsnatur bezieht und auf den Familiensitz von Henrys Ehefrau Nummer drei, Jane Seymour.

Mantel beschreibt Cromwell als humanen Freigeist, der an Freundlichkeit, Toleranz und Bildung glaubt, das Neue Testament auswendig kennt, Verträge abschließen, einen Falken trainieren und eine königliche Ehe zimmern kann. Er liebt seine Familie, nimmt verwaiste und verwitwete Verwandte bei sich auf, hat immer Kinder im Haus und einen Hund, der Bella heißt. Dass er mit der verheirateten Schwägerin eine Affäre beginnt, verschweigt Mantel bei all seinen bemerkenswerten Eigenschaften nicht, auch nicht seine Bestechungen und seine Spione, die er in fremde Haushalte einschleust. Töten könnte er auch, als ideale Verteidigungswaffe empfiehlt er ein kurzes Messer "wie ein Zahn", schnell unter die Rippen gestochen und zur Sicherheit einmal in der Wunde umgedreht.

Henry VIII. wird als Mensch mit Gewissen geschildert, der 1527 ein immer noch gutaussehender, athletischer Mann ist, der seine Frau Katherine achtet, die Hofdame Anne Boleyn romantisch liebt und für einen König wenig Affären hat. Wie Cromwell durchläuft er in den nächsten acht Jahren eine Änderung, die wachsende Macht lässt ihn verhärten.

Die Negativfigur im Roman ist Thomas Moore, Anwalt, Gelehrter, Verfasser der "Utopia" und Wolseys Nachfolger als Lordkanzler, ein Mann, der seine Frau vor Gästen demütigt, seine Kinder tyrannisiert, Gelehrte und Kaufleute, die die Bibel in der verbotenen englischen Übersetzung lesen, verfolgt, foltert und hinrichtet, ohne Mitleid mit sich und anderen und mit Lust an der Grausamkeit. Einen Jungen, der sagt, die Hostie sei ein Stück Brot, lässt er nackt vor den kichernden Frauen und Mädchen der Moore-Familie auspeitschen. Wolsey verbrennt nur Bücher, doch Moore verbrennt Dissenter im Interesse der katholischen Kirche. Am Ende wird er als Papist geköpft, nachdem Cromwell die Gesetze geschrieben hat, mit denen Henry die Kirchen und Klöster entmachtet, sich vom Parlament zum Oberhaupt der Kirche ernannt und sich hat scheiden lassen.
Mantel beschreibt beeindruckend die gefährlichen Machtspiele der Kontrahenten, insbesondere auch den riskanten Machttanz Annes, die Henry sieben Jahre hinzuhalten versteht.

Stil

Mantel simuliert keinen mittelalterlichen Sprachstil, sie verwendet eine moderne, sachliche Sprache mit kurzen, schnörkellosen Sätzen. Gespräche brechen mitten im Satz ab. Bezüge fehlen oft absichtsvoll, und anfangs ist es etwas schwierig, sie herzustellen, aber bald wird klar, dass immer, wenn von einem "er" die Rede ist, Cromwell gemeint ist. Erläuterungen sind rar, Beschreibungen fehlen ganz, denn Mantel unterstellt, dass jeder Leser weiß, wie Hampton Court aussieht, oder eine Vorstellung davon hat. Dies sowie Andeutungen, Mehrdeutigkeiten und Ellipsen führen einen Schwebezustand herbei, der zur Instabilität und Unsicherheit passt, in der die Figuren leben. Die Story geht ein hohes Tempo, hetzt zwischen vielen Schauplätzen und fast hundert Personen hin und her. Eine Herausforderung ist die erstaunliche Anzahl an Thomassen (12 an der Zahl inklusive Wolseys außerzölibatär gezeugtem Sohn), Lady Annes und Lady Marys. Das fünfseitige Figurenverzeichnis und die Stammbäume der Tudors und der Thronanwärter aus dem Hause York helfen bei der Navigation durch den Text.

Bewertung

Der mit dem Booker Preis 2009 ausgezeichnete Roman adressiert den aktiven Leser, erfordert Aufmerksamkeit und Konzentration, um nicht den Faden zu verlieren. Kenntnisse der Geschichte sind nicht notwendig, aber hilfreich. Das Buch ist eines der besten und eine hervorragende Ergänzung zu anderen Büchern, die die Tudors behandeln.

 

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