Der Adjutant

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • , 2008, Titel: 'Adjutanten', Originalausgabe

Couch-Wertung:

95

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Carsten Jaehner
Eine großartige Reflektion über den letzten deutschen Kaiser

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Aug 2010

Kurzgefasst:

Hoch über dem Sognefjord, wo 1967 kein Norweger mehr leben möchte, wohnt seit dem letzten Krieg ein inzwischen 96-jähriger Deutscher. Nach vielen Jahren freundet sich der Einsiedler in jüngeren Jahren war er Adjutant Kaiser Wilhelms II. mit seinem Vermieter, einem Sozialisten und Pazifisten, und dessen kleiner Tochter an. Diese ungleiche Freundschaft stellt den Greis vor die Frage der Mitschuld am Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die weitere Katastrophen den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust nach sich zog. Zwei Welten treffen in dieser Geschichte aufeinander, das kriegerische Preußen und das friedliche Norwegen. Bis sich die Vergangenheit der Männer auf eine Weise kreuzt, die für beide ergreifender nicht sein könnte.

 

Hoch oben in den abgelegenen Fjorden Norwegens lebt ein Mann. Man schreibt das Jahr 1967, und der 96jährige rüstige Deutsche reflektiert aus der Einsamkeit heraus sein Leben. Als kleiner Junge fuhr er mit seinem Vater, der ein hoher Militär war, mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. in dessen Ferien immer mit in die Fjorde Norwegens, von denen der Kaiser ganz begeistert war. Der Kaiser wurde auf den Jungen aufmerksam und gestattete ihm, ein Tagebuch über die Fahrten zu führen.

Jahre später wird der inzwischen erwachsene Junge Adjutant des Kaisers. Nach der Abdankung Wilhelms nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 fragt ihn der Kaiser, ob er als sein Adjutant mit ihm ins Exil ins niederländische Doorn gehen würde. Nicht genau wissend, was ihn dort erwartet, sagt er zu und verbringt so die folgenden Jahre bis zu des Kaisers Tod im Jahr 1941 sein Leben an der Seite des einstigen Herrschers.

Nach dessen Tod wandert der Adjutant nach Norwegen aus und siedelt sich in einem der Fjorde an, in denen der Kaiser immer mit seinen Kreuzfahrtschiffen seinen Urlaub verbrachte. In einer einsamen Hütte in Hylla geht so der Zweite Weltkrieg weitestgehend an ihm vorbei. Er lebt bis auf wenige Kontakte zu seinem Vermieter allein und zurückgezogen, bis schließlich die Tochter seines Vermieters vermehrt Kontakt zu ihm aufnimmt und er über eigene Schuld und seine Beteiligung an "seinem" Krieg nachdenkt. Und er entdeckt seine Aufzeichnungen als kleiner Junge wieder und entdeckt somit seine eigene Geschichte.

Bestechende Intensität

Der norwegische Autor Jørgen Norheim hat mit Der Adjutant ein kleines Meisterwerk geschaffen, das den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. Der komplett in der Ich-Perspektive des Adjutanten erzählte Roman aus dem Osburg-Verlag beleuchtet das Leben des durchgehend namenlos bleibenden Offiziers. Nach und nach setzt sich in verschiedenen Zeitebenen dessen Leben zusammen, und für den Leser entsteht ein komplettes Bild, das dem Adjutanten selber gar nicht so bewusst ist.

Norheim reflektiert aus der Sicht eines 96jährigen die Geschehnisse fast eines kompletten Jahrhunderts und entdeckt dabei seine eigenen Tagebücher als Kind, die ihm dabei helfen, das Bild zusammen zu setzen. Ganz behutsam und mit einer gewissen Ruhe tut er dies, und dieses langsame Erzähltempo besticht durch eine daraus resultierende Intensität, mit der er sich sich selbst und dem Kaiser nähert.

 

 

Manche Dinge sehe ich klarer, seit ihr hier oben wohne. Der hiesige Dialekt kann gnadenlos sein. Hier und da schnappe ich neue Wörter auf, zum Beispiel bydetulling. Wir würden es wohl mit "Dorftrottel" übersetzen. Wer so genannt wird, ist nicht unbedingt im klinischen Verstand verrückt, es reicht, anders zu sein. In der Regel sind solche Originale harmlos, sie dienen uns "Normalen" als Witzfiguren. Aber was geschieht, wenn die Worte einer solchen Figur Gesetz werden? Jetzt, mit Abstand, sehe ich, dass genau dies in meinem geliebten Deutschland geschehen war, als Wilhelm II. den Thron bestieg. Der Mann, dem ich meine besten Jahre opferte.

 

Dieses zunächst harte Urteil wird noch relativiert werden, aber es zeigt den Weg, den der Adjutant sich in seiner Reflektion selbst zu gehen auferlegt hat. Norheim schreibt nicht sensationslüstern, sondern er nähert sich bewusst und behutsam allen zeitlichen Ebenen an. Unterbrochen werden die Erzählungen immer wieder durch Begebenheiten des heute, also nach dem Krieg, die aufzeigen, wie der Adjutant heute lebt. Das ist bisweilen sogar amüsant, wenn er von oben den Fjord beobachtet und die Touristenschiffe einlaufen. Von unten sieht man sein Haus, und er ist ein Art Attraktion, wenngleich er meist in Ruhe gelassen wird. Eine herrliche Anekdote beschreibt ein paar ältere Damen, die zu ihm hoch steigen und bei ihm Kaffee und Plätzchen bestellen, die er verwundert, aber bereitwillig serviert, ohne dass die Damen merken, dass der eigentlich Gasthof, wo sie hinwollten, einige hundert Meter weiter entfernt liegt. Auch diese kleinen Geschichten haben ihren Platz in der großen Geschichte, es gibt halt im Leben wichtiges und unwichtiges, und jedes hat seine Zeit.

Ein gelungenes Gesamtbild hervorragend präsentiert

Norheim weiß zu erzählen und dabei nicht zu langweilen. Seine Beschreibungen, die auch durch die hervorragende Übersetzung von Frank Zuber beeindruckend sind, zeigen in wenigen, aber gut durchdachten und beobachteten Worten jeweils den Kern der Dinge und bleiben doch immer freundlich. Selbst wenn es um Schicksalsschläge wie den Verlust von Geschwistern im Krieg geht oder ein Gespräch mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, der in einem Sommer seine Zeit auch im Fjord verbringt, durch jede noch so unwichtige Kleinigkeit setzt sich das Gesamtbild über den Adjutanten und den Kaiser zusammen.

Manchmal erfährt man mehr über jemanden, indem man ihn selbst über andere erzählen lässt, wie es beispielsweise in der Autobiographie des Komponisten Dmitri Schostakowitsch der Fall ist. Hier ist es ebenso, aber nicht nur. Norheim nutzt eine geschickte Dramaturgie für seinen Roman, und als Ergänzung stellt er immer wieder kurze Lexika-Einträge dazwischen, die manche Begriffe erklären, wie er sie versteht oder verstanden haben will. So bekommen seine Erläuterungen sogar noch eine Art wissenschaftliche Unterstützung, die ihm hilft, seine Frage nach der eigenen Schuld am Krieg zu beantworten. Auch die Zitate aus Rilke-Gedichten tun ihr übriges.

Letztlich ist Jørgen Norheim ein großartiger Roman gelungen, der über 300 Seiten eine stille Geschichte erzählt, die trotzdem lebhaft und voller Ereignisse steckt und gelegentlich auch ein wenig philosophisch daher kommt. Das ansprechende Cover mit seinen ungewöhnlichen Farben macht neugierig auf den Roman, der durch ein dreiseitiges kurzes Nachwort ergänzt wird. Wenn man überhaupt einen Wermutstropfen finden möchte, dann den, dass eine kleine Karte der Fjorde eine nette Ergänzung gewesen wäre. Was bleibt, ist ein literarisches Kleinod, dass jedem seiner Leser noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Von solchen Romanen hätten wir gerne mehr!

 

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Letzte Kommentare:
09.08.2011 18:27:38
Joachim Meyer

Ich möchte korrigieren, der vater war pastor, und nur durch seinen onkel, der kaufmann war, ist der Erzähler mit wilhelm 2 zusammengekommen. Ich finde, wesentliche details, die nicht verfälscht wiedergegeben werden dürfen. So muss ich unterstellen, der Verfasser der kritischen Inhaltsangabe, hat das Buch nur oberflächlich gelesen.Ansonsten 1A Lektüre.

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