Die Lautenspielerin

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Goldmann, 2010, Titel: 'Die Lautenspielerin', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Volker Faßnacht
Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen

Buch-Rezension von Volker Faßnacht Aug 2010

Kurzgefasst:

1569: Die Hugenottin Jeanne, eine Lautenspielerin, und ihr Vater suchen Zuflucht in einem sächsischen Dorf. Die Dorfbewohner begegnen den Fremden mit Missgunst. Nur der schüchterne Heiler Gerwin verliebt sich in Jeanne, obwohl der Standesunterschied unüberbrückbar ist. Bald darauf geht Jeanne an den Dresdner und später an den französischen Hof - immer auf der Suche nach Förderern ihrer Lautenspielkunst. Als sie glaubt, endlich eine Heimat gefunden zu haben, wird sie in eine gefährliche Intrige verstrickt. Doch dann begegnet sie Gerwin wieder. Und das Schicksal von Jeanne und Gerwin wird sich in der blutigen Bartholomäusnacht entscheiden...

 

Vom Lautenbau zu einer der größten europäischen Katastrophen der beginnenden Neuzeit

Wie bei den beiden zuvor erschienenen Teile - Die Tochter des Tuchhändlers und Die Malerin von Fontainebleau - liegt das Augenmerk der Autorin Constanze Wilken bei ihrem neuen Roman Die Lautenspielerin auf der detailgetreuen Schilderung der Lebensumstände der Menschen, ihrem Handwerk und dem politischen Umfeld als Handlungsrahmen, dem sich alle Akteure stellen müssen. Jeanne, die Lautenspielerin und ihr Vater Endres Fry, der Lautenbauer, müssen miterleben, wie ihre Mutter und Frau umgebracht wurde. Aus Rache, weil deren Bruder beim Attentat auf Franois de Guise dabei war. Papisten gegen Hugenotten, Hugenotten gegen Papisten, ein Bruderkrieg im Namen Gottes.

Dabei ist die Lage noch viel komplizierter, denn Frankreich ist ein Spielball zwischen den wirklich großen Mächten der damaligen Zeit. So hätte Katharina Medici, Königinmutter und Regentin durchaus gerne den Anliegen der Hugenotten nachgegeben, gleichzeitig pochten die Katholiken auf eine gnadenlose Verfolgung der Andersgläubigen und das ebenfalls katholische Spanien wartete nur auf einen Vorwand, um nach dem französischen Thron zu greifen. Katharina Medici war zu schwach, um den Irrsinn der Bartholomäus-Nacht zu verhindern:

 

 

Unter den gegebenen Umständen [...] blieb mir keine Wahl. Da es mir nicht gelang, geliebt zu werden, musste ich mich dafür entscheiden, gefürchtet zu werden. [...] Wenn ein Fürst sich die Liebe seines Volkes nicht erhalten kann, so darf er zwar gefürchtet, doch nicht gehasst werden.

 

Lautenspiel- und -baukunst - Recherche-Fleißarbeit der Autorin und einer der Aufhänger des vorliegenden Romans

Jeanne und ihr Vater verlassen Frankreich und suchen im lutherischen Sachsen Unterschlupf. Allerdings sorgen Neid und Intrigen auch hier für Probleme, so dass sie bald wieder nach Frankreich fliehen, nicht ohne einige Verbindungen am Dresdner Hof geknüpft zu haben, die ihnen auch in Paris von Nutzen sein sollten. Ein weiterer Erzählstrang des Romans stellt die aufkeimende Beziehung zwischen Jeanne und Gerwin, einem jungen Medicus-Gehilfen und Sohn eines versoffenen Fuhrknechts dar. Beide Parteien - Hippolyth und Gerwin, die Heilkundigen und Jeanne und ihr Vater - geraten in Frankreich in den Bruderkrieg.

Constanze Wilken nimmt sich viel Zeit, die Handwerke eines Medicus' und die Lautenkunst darzustellen. Insbesondere die Einblicke in die Lautenkunst ist dank Recherche bei den Instrumentenbauern Dietrich in Erlbach und umfangreichen Informationen von Musikwissenschaftlern und historischen Instrumentenkundlern sehr plastisch und glaubhaft gelungen. Eine Stärke der Autorin, die sie ja auch schon in den vorhergehenden historischen Romanen bewiesen hat. Zusammen mit der berufsmäßigen Fähigkeit der promovierten Kunsthistorikerin, die absolut in der Lage ist, geschichtliche Verwirrungen so aufzudröseln und zu erzählen, dass auch ein Laie versteht, was die Probleme der damaligen Zeit waren und wie es zu so einem furchtbaren Ereignis, wie der Bartholomäus-Nacht vom 23. auf 24. August 1572 kommen konnte, entstand eine Geschichtslektion, die weder trocken noch oberlehrerhaft daherkommt und ein toller historischer Roman mit viel Handwerkskunst-Kolorit und einer unmöglichen Liebe, die aber niemals schnulzig in den Vordergrund tritt.

Ein bisschen weniger Glaube und ein bisschen mehr Liebe hätten wahrscheinlich gereicht, dass ein Ereignis wie die Bartholomäusnacht nicht geschehen hätte können. Die katholische Kirche, die noch immer versucht hat, ihren Machtanspruch gegen jeglichen Widerstand, notfalls mit Gewalt durchzusetzen, aber auch die radikalen Verfechter der Hugenotten verhinderten eine friedliche Lösung.

Für den vorliegenden Roman, der völlig losgelöst von den beiden vorangegangenen Romanen gesehen werden kann, gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

 

Die Lautenspielerin

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