Der Seelenarzt

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Kindler, 2010, Titel: 'Der Seelenarzt', Originalausgabe

Couch-Wertung:

93
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Bettina Weiß
Tragische Geschehnisse und mittendrin Heinrich Hoffmann

Rezension von Bettina Weiß Jul 2010

Kurzgefasst:

Frankfurt, Mitte des 19. Jahrhunderts: Doktor Heinrich Hoffmann, Erfinder des Struwwelpeter und Leiter der städtischen Irrenanstalt, bekommt eine neue Patientin. Pauline Franck halluziniert, behauptet, jemand habe ihren Körper vertauscht. Noch ahnt Hoffmann nicht, dass ihn mit der jungen Frau Umstände verbinden, die weit in seine eigene Vergangenheit reichen. Ebenso wenig ahnt er, welch entsetzliches Verbrechen der Auslöser für ihre Krankheit ist. Als er die Wahrheit endlich begreift, steht er vor der schwersten Entscheidung seines Lebens.

 

Eine tragische Familiengeschichte stürzt den Leiter der Frankfurter Irrenanstalt in einen tiefen persönlichen Konflikt. Dr. Heinrich Hoffmann, Erfinder des Struwwelpeter, hat es im Jahre 1853 zum Leiter der Frankfurter Anstalt für Irre und Epileptische gebracht. Die neue Patientin, die im Mai des Jahres von ihren Kollegen in die Anstalt gebracht wird, stellt ihn vor ungeahnte Probleme. Pauline Franck behauptet, ihr Körper sei vertauscht worden und gehöre nicht ihr. Die von Dr. Hoffmann angewandten Therapien, wie Rizinus als Brechmittel, Blasenpflaster oder kalte Bäder bringen keinen Erfolg. Erst als Dr. Hoffmann sich die Zeit nimmt, ihr zuzuhören, beginnt er, ihr tragisches Schicksal zu erahnen. Weitere Nachforschungen führen Hoffmann zu einem entsetzlichen Verbrecher und auch zu seiner eigenen folgenschweren Verstrickung in das Unglück seiner Patientin. Als Hoffmann endlich das ganze Ausmaß erkennt, hat er eine weitreichende Entscheidung zu treffen.

Schwere Jugend und ein entsetzliches Verbrechen

Der Roman beginnt im Jahre 1853 mit der Begegnung zwischen Dr. Heinrich Hoffmann und seiner Patientin Pauline Franck. In Rückblenden wird von dieser Begegnung ausgehend nach und nach die Lebensgeschichte von beiden erzählt. Heinrichs Leben unter dem strengen Regiment des Vaters, dessen Anforderungen der eigentlich faule Schüler und Student kaum gerecht werden kann und den eine schwere Schuld belastet. Paulines Leben, das nach dem Tod des Vaters eine dramatische Wendung nimmt, und doch von ihr gemeistert wird, bis sie sich unsterblich verliebt. Die beiden Protagonisten werden mit viel Hingabe ans Detail gezeichnet und machen eine glaubhafte Entwicklung durch. Sie gewinnen an Tiefe und Kontur, so dass ihr Handeln immer nachvollziehbar erscheint. Auch die teilweise tragischen und teilweise skurrilen Nebenfiguren, treten so aus dem Schatten heraus und werden in ihrem Part zu wichtigen Figuren. Dadurch gewinnt der Roman an Lebendigkeit und Spannung.

Unerwartete Wendungen beleben das Schicksal der Protagonisten

Bereits zu Beginn des Romans wird der Leser unmittelbar ins Geschehen gezogen, wenn Pauline erklärt, sie sei vertauscht worden und das Mädchen im Spiegel sehe ihr ähnlich, sei aber nicht sie, woraufhin der Leiter der Irrenanstalt ihr ein Brechmittel verabreichen lässt. Aus dieser Absurdität aus heutiger Sicht entwickelt sich ein Sog, den weiteren Weg von Pauline zu verfolgen. Durch die in Rückblenden erzählten Lebensgeschichten von Heinrich und Pauline bis ins Jahr 1853 ist der Leser immer ein bisschen weiter als das aktuelle Geschehen, woraus sich der straffe Spannungsbogen bildet, der auch bis zum Ende nicht abreißt. Die Autorin hat immer noch eine neue, unerwartete Wendung in petto, die ihre Figuren bis zum Ende zittern und den Leser mitfiebern lässt.

Der Roman wird in einer ruhigen und flüssigen Sprache erzählt. An manchen Stellen klingt die Sprache fast ein wenig altmodisch und schafft so eine noch größere Nähe zum Geschehen. Die Krankheitsbezeichnungen scheint die Autorin unmittelbar der Zeit entnommen zu haben, wenn sie von Melancholie und fixem Wahn spricht, auch dadurch gelingt es ihr, die Authentizität zu wahren.

Das stimmige Cover mit dem unscharfen Bild der jungen Frau im Spiegel erinnert an die erste Begegnung zwischen Dr. Hoffmann und Pauline. Der Roman wird abgerundet durch ein Nachwort der Autorin zu den historischen Fakten und den fiktiven Ausschmückungen sowie durch ein Einlageblatt mit den wichtigsten Personen des Geschehens.

Insgesamt ein ganz wunderbarer und fesselnder Roman über Heinrich Hoffmann, der am liebsten Dichter und Schriftsteller sein wollte und doch als Seelenarzt grundlegende Einsichten weitergeben konnte.

 

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