Die Insel der Witwen

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2010, Titel: 'Die Insel der Witwen', Originalausgabe

Couch-Wertung:

97
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Rita Dell'Agnese
Faszinierendes Dokument eines erwachenden Wahnsinns

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jul 2010

Kurzgefasst:

Taldsum, eine Insel im friesischen Wattenmeer, Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Leben der Bewohner ist geprägt von der Seefahrt, dem Tod und bitterer Armut. Als ein Leuchtturm auf dem Eiland errichtet werden soll, schlagen die Wogen der Empörung hoch. Auch die junge Seemannswitwe Keike Tedsen, die wie viele Frauen von der Strandräuberei lebt, fürchtet um ihr karges Auskommen. Dann aber verliebt sie sich in den Hamburger Ingenieur Andreas Hartmann, der mit dem Leuchtturmbau beauftragt ist. Es ist eine schicksalhafte Liebe, die das Leben der beiden für immer verändern soll...

 

Keike Tedsen ist eine der Witwen, die auf der Insel Taldsum im friesischen Wattenmeer ein karges Dasein lebt. Zusammen mit ihren Töchtern und einem überdrehten Schwiegervater versucht sie, sich über Wasser zu halten - unter anderem durch Strandräuberei. Als der Hamburger Ingenieur Andreas Hartmann plant, auf der Insel einen Leuchtturm aufzustellen und damit das Stranden von Schiffen zu verhindern, ist die Empörung nicht nur bei Keike Tedsen, die um ihr Auskommen fürchtet, groß. Dem Ingenieur schlägt Ablehnung entgegen und sein Bauprojekt wird sabotiert. Als er und Keike aufeinander treffen, entsteht eine zerstörerische Liebe. Langsam verliert Andreas Hartmann die Kontrolle über sich.

Hervorragend aufgebaut

Dagmar Fohl verfolgt mit ihrem Roman Die Insel der Witwen einen ungewöhnlichen Weg - sie erzählt die Geschichte von Keike Tedsen und Andreas Hartmann in getrennten Strängen, die langsam aufeinander zugleiten. Als Einschub finden sich Aussageprotokolle von Ärzten und Angehörigen über den in gefährlichem Wahnsinn gefangenen Andreas Hartmann - zeitlich deutlich vom Erzählstrang abgegrenzt. So ist zwar von Anfang an klar, dass die Geschichte Hartmanns kein gutes Ende nehmen wird, sondern in einem Blutbad endet. Doch bleibt bis zuletzt im Dunkeln, wer sein Opfer sein wird. Die Erzählstränge sind so subtil miteinander verknüpft, dass nirgends ein Bruch entstehen kann.

Feinfühliges Portrait

Der Autorin ist es gelungen, ein äußerst feinfühliges Portrait ihrer Protagonisten zu zeichnen und ihre Handlungen - die durchaus etwas Brutales an sich haben - verständlich zu machen. Das feine Gewebe von Überlebenstrieb, Geister der Vergangenheit und einer verzehrenden Liebe hüllt den Leser ein und nimmt ihn gefangen. Kaum jemand kann sich der düsteren Faszination dieses Romans entziehen, dies umso mehr, als nicht nur Plot und Protagonisten auf der ganzen Linie überzeugen, sondern auch die Sprache kaum Wünsche offen lässt.

Spürbare Entwicklung

Schon in ihrem ersten Buch Das Mädchen und sein Henker hat Dagmar Fohl Wert auf eine tiefsinnige Geschichte gelegt. Der zweite Roman kommt jedoch noch wesentlich ausgereifter und mit stärkeren Bildern daher. Die erzählerische Stärke der Autorin offenbart sich denn unter anderem auch in ihrer Fähigkeit, so intensive Bilder zu schaffen, dass man glaubt, die Wucht des Meeres, die Düfte und Geräusche unvermittelt um sich zu haben, oder sich in der erstickenden bigotten Welt von Andreas Hartmanns Familie wiederzufinden. Schließlich ist es das Bild des wahnsinnigen Mannes, das den Schlusspunkt setzt und trotz allem den Leser mit der Geschichte zu versöhnen vermag.

Ein wirklich tiefsinniger, facettenreicher Roman, der kaum eine Schwachstelle aufweist, allerdings höchste Ansprüche an die Leserinnen und Leser stellt.

 

Die Insel der Witwen

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