Schatten auf dem Fels

Erschienen: Januar 1956

Bibliographische Angaben

  • , 1931, Titel: 'Shadows on the Rock', Originalausgabe

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Almut Oetjen
Ein großer amerikanischer Klassiker

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jul 2010

Kurzgefasst:

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts beginnt die Pariser Familie Auclair in Kanada ein neues Leben. Als ihre Mutter stirbt, wird die zehnjährige Cécile mit der Führung des Haushalts betraut. Allmählich lernen Vater und Tochter sich mit den langen Wintern zu arrangieren. Sie unterhalten eine kleine Apotheke, und bei der Arbeit zwischen Pulvern und Pasten hören sie die aufregendsten Geschichten von der Jagd in den Wäldern und dem Tauschhandel mit den Indianern. Doch ist Quebec wirklich die richtige Umgebung für ein heranwachsendes Mädchen wie Cécile? Immer öfter denkt Monsieur Auclair daran, nach Frankreich zurückzukehren...

 

Entstehungsgeschichte

Die amerikanische Autorin Willa Cather (1873-1947) ist neben Sarah Orne Jewett und Kate Chopin eine der wichtigsten Schriftstellerinnen und Intellektuellen Neuenglands. In ihren Romanen und Erzählungen hat sie die Landschaften und Milieus ihrer Heimat festgehalten und konnte dabei aus dem Fundus ihrer eigenen Erfahrungen und Kenntnisse schöpfen. Ihr Roman "Schatten auf dem Fels" (1931) bildet eine Ausnahme, denn er spielt in der kanadischen Hauptstadt Quebec zur Zeit der Kolonialherrschaft. Quebec lernte sie im Sommer 1928 kennen, als ihre Lebensgefährtin Edith Lewis auf der Reise zur Insel Grand Manan vor der kanadischen Küste, auf der sie ein Sommerhaus erstanden hatten, erkrankte und die Frauen gezwungen waren, in Quebec Station zu machen. Cather war fasziniert von dem französischen Charakter der auf einem Fels im Sankt-Lorenz-Strom gebauten Stadt, die ebenso gut in der Normandie oder Bretagne hätte stehen können. Zehn Tage hatte sie Zeit, die Stadt zu erkunden. Zurück in New York begann sie sofort mit den Recherchearbeiten, die sie noch mehrmals nach Quebec, nach Frankreich und zum Sankt-Lorenz-Strom führte. Ende 1930 schloss sie das Manuskript ab, im Sommer 1931 erschien der Roman.

Kurzinhalt

Im Zentrum steht die zwölfjährige Apothekertochter Cécile Auclair, die als Vierjährige mit den Eltern von Paris in die kanadische Hauptstadt Quebec übersiedelte. Ihre Geschichte beginnt im Oktober 1697 und endet im November 1698. In einem längeren Rückblick wird die Biografie ihres Vaters Euclide Auclair aufgerollt und geschildert, wieso er seine Apotheke in Paris aufgab und mit Frau und Tochter als ärztlicher Begleiter seines Schutzherrn, des Grafen von Frontenac und Gouverneurs der Kolonie Neufrankreich (Kanada), nach Quebec auswanderte. Ein Epilog von 1713 berichtet, wie es den Figuren ergangen ist und welche Entwicklungen es im Mutterland gibt.

Französische Leitkultur

Die Gründer der Kolonie haben ihre Kultur mit in die Neue Welt gebracht und dort bewahrt. Das manifestiert sich sichtbar in der Architektur der Stadt und in den kulturellen Bräuchen und Gewohnheiten. Auch Cécile ist in der französischen Kultur fest verankert. Seit dem Tod der Mutter vor zwei Jahren versorgt sie allein den Haushalt, wobei sie getreu den Vorgaben ihrer Mutter folgt, die wiederum Lebensweise und Ordnung vollständig aus Paris übernommen hat. Auclair speist sogar zu den Tageszeiten, die er aus Frankreich gewohnt ist. Ordnung hat oberste Priorität, das hat Cécile von ihrer Mutter gelernt, denn ohne Ordnung und Gewohnheit ist das Leben "widerwärtig und wie das der Wilden".

Die französische Kultur ist Leitkultur, sie bedeutet Tradition, Ordnung, Stabilität und Sicherheit.
Der Fels, auf dem Quebec erbaut wurde, ist für die französischen Siedler Symbol für Stabilität, Zuflucht, Beständigkeit. Der letzte Angriff der Engländer im Jahr 1690 wurde zurückgeschlagen. Quebec ist eine französische Enklave, sicher vor feindlichen Angriffen und durch den Strom von der undurchdringliche Wildnis, den endlosen Nadelwäldern in den lebensfeindlichen, von Stechmücken verseuchten Sumpflandschaften abgeschottet.
Nur einmal verlässt Cécile die Insel, weil sie neugierig ist. Mit Pierre Charron, dem Freund ihres Vaters, besucht sie eine Schmiedfamilie in Saint-Laurent, einer französischen Siedlung am Ufer des Stroms. Dort werden die landwirtschaftlichen Produkte angebaut, mit denen Quebec versorgt wird. Die Töchter des Schmieds tragen Mokassins, die Mücken müssen mit Fensternetzen abgehalten werden und die Menschen essen Hunde. Grässlich! Cécile bricht den Besuch vorzeitig ab, weil sie die Primitivität nicht erträgt - von französischer Lebensart keine Spur. Außerhalb Quebecs ist das Leben anders, haben sich die Siedler den Bedingungen ihrer harten Umwelt angepasst und dabei Teile der indianischen Kultur assimiliert. Aus Sicht Céciles jedoch herrscht dort nur Unordnung, Schmutz, Chaos. Erst als sie wieder bei ihren Töpfen und Pfannen ist, fühlt sie sich sicher.

Cather macht deutlich, dass die Menschen in Quebec sich als "Verbannte" fühlen, die auswandern mussten, sei es aus wirtschaftlicher oder einer anderen Not, aber viele möchten irgendwann zurück zu ihren Verwandten nach Frankreich kehren. Einzig die Nonnen im Ursulinenkloster werden als Freiwillige betrachtet: Gott ist überall. Auch die Auclairs wollen im Oktober 1698 mit dem dann 77-jährigen Graf de Frontenac nach Frankreich zurückkehren. Doch dazu wird es nicht kommen.

Ein wenig fühlt man sich angesichts der Abschottung nach außen an deutsche oder englische Enklaven an der spanischen Mittelmeerküste erinnert, wo die Auswanderer beharrlich unter sich bleiben und in der eigenen Kultur und Tradition verharren, aus Angst oder Unbehagen oder anderen Gründen vor dem Fremden, wobei die Sprache das größte Hindernis ist. Auch bei Cather gibt es nur wenige Menschen, die die Sprache der Indianer beherrschen. In der Regel sind es Trapper, Holzfäller, Jäger, manchmal auch ein Geistlicher, der sich für die Kultur interessiert, wie der im Roman erwähnte, 1930 heilig gesprochene französische Jesuit Jean de Brébeuf (1593-1649), der 1625 als Missionar nach Quebec kam und durch seine verschiedenen Aufenthalte bei den Indianerstämmen und seine ausführlichen Berichte darüber zum ersten Ethnologen der französischen Kolonie wurde.
Der kleine Kosmos Céciles, ihr Haushalt und die väterliche Apotheke, in der sie aushilft, ist an die Stadt Quebec angeschlossen, die wiederum wie an einer Nabelschnur mit dem Mutterland Frankreich verbunden ist. Das größte Ereignis des Jahres ist der Tag, an dem die ersten Schiffe aus Frankreich über den Sankt-Lorenz-Strom in Quebec eintreffen. Dann werden die Siedler mit Waren, Post von Angehörigen, Nachrichten über die neuesten politischen Entwicklungen aus der alten Heimat versorgt. Ist der alte Louis XIV tot? Steht Frankreich in einem neuen Krieg? Frankreich bestimmt das Denken, die Gefühle, die Sehnsüchte der Siedler Quebecs, die politische Zukunft und das wirtschaftliche Schicksal der Kolonialhauptstadt.

Céciles Welt wäre klein und begrenzt, das Mädchen würde zwischen Bäcker, Schuster und Kirche pendeln, aber da Cécile ihren Vater auf seinen Visiten begleiten darf, eröffnet sich ihr der Zugang zu den einflussreichen Menschen der Stadt, die ihre Perspektive erweitern: der Graf Frontenac, der alte Bischof Laval, der neue Bischof Saint-Vaillier, die Mutter Oberin vom Ursulinenkloster. Doch die Welt kommt auch zu ihr in Gestalt der Jäger, Waldläufer, Holzfäller, die in die Apotheke kommen und Geschichten von der Jagd, dem Handel und den hilfsbereiten Indianern erzählen. So kann Cécile von ihrem Haus aus die Geschehnisse in der Stadt und auf dem Land verfolgen.

Der Pelzhändler Pierre Charron bildet eine wichtige Gegenfigur zu Céciles traditionsbewusster Position. Er verkörpert das romantische Bild des freien Franzosen in den großen Wäldern, verbindet die "guten Manieren der Alten Welt und den Wagemut und die Unerschrockenheit der Neuen Welt". Er liebt das wilde Leben, seine Freiheit in der Neuen Welt, wo er jagen kann, ohne dafür wie in Frankreich mit dem Tode bedroht zu werden. Er wird später Céciles Ehemann, in ihnen verbinden sich Alte Welt und Neue Welt auf produktive Art.

Katholizismus

Zur kulturellen Identität der Bevölkerung von Quebec gehört der Katholizismus. Für die Autorin bot dies die Möglichkeit, ein Thema wieder aufzugreifen, das sie bereits in ihrem mehrfach preisgekrönten Roman "Der Tod bittet den Erzbischof" behandelt hatte, in dem es ebenfalls um die Kolonisierung, um die Begegnung zwischen Alter und Neuer Welt geht. Kirche, Kathedralen, Kloster dominieren architektonisch die Stadt, katholische Feiertage sind strukturierende Elemente im zeitlichen Ablauf. Der alte Bischof und der neue Bischof, die Mutter Oberin des Ursulinenklosters - sie spielen eine zentrale Rolle in der Stadt und in Céciles Leben. Cather zeigt verschiedene Ausprägungen des katholischen Glaubens. Cécile glaubt an Wunder, ihr Vater, ein Philosoph und Naturwissenschaftler, nicht. Cather veranschaulicht am Beispiel von Jeanne Le Ber aus Montreal, der "Recluse de Ville-Marie", die verschiedenen Positionen: Jeanne hat ihre Mitgift und ihr Leben der Kirche vermacht und sich in einer Kapelle lebendig einmauern lassen; als es heißt, sie sei von den Engeln besucht worden, ist Cécile begeistert, ihr Vater skeptisch und Charron entsetzt: er kannte Jeanne als junges Mädchen, war einer ihrer Verehrer, und nachdem sie sich hat einmauern lassen, konnte er einmal einen heimlichen Blick auf sie werfen und musste feststellen, dass sie unglücklich und verzweifelt wirkte. Cather selbst war Protestantin und stand dem Katholizismus distanziert gegenüber. Die Jeanne-Geschichte kommentiert die Erzählerstimme abschließend kritisch: Menschen lieben Wunder, nicht weil sie Beweise für die Existenz Gottes sind, sondern der Sehnsucht der "einfältigen Herzen" entspringen, die einen Gegenstand, etwas Greifbares zum Anbeten und Entzücken brauchen.
Cather denunziert nicht den Glauben, sie zeigt, dass er den Menschen Stabilität und Trost gibt und sie dazu bringen kann, soziale Verantwortung zu übernehmen. So kümmert sich Cécile um einen von der Gesellschaft gemiedenen Mann mit dem Spitznamen Blinker, den sie von ihrer Mutter "geerbt" hat und den ein düsteres Geheimnis umgibt, sowie um den kleinen Jacques, der von seiner Mutter, einer Prostituierten, vernachlässigt wird.
Kirchliche Interessen, das macht Cather deutlich, treten jedoch hinter ökonomischen Überlegungen zurück. So ist der neue Bischof dagegen, dass die Indianer im Tausch gegen Felle Alkohol bekommen, doch das Mutterland ist dagegen, denn dann würden England und die Niederlande den Fellhandel ganz an sich reißen. Es würde sich finanziell nicht mehr lohnen, Kanada als Kolonie zu halten.

Historische Relevanz

Céciles Leben allein wäre wohl recht uninteressant, doch wird es in den größeren Kontext der Kolonialgeschichte Kanadas gestellt und die einfachen, fiktiven Figuren treten hinter den wichtigen historischen Figuren zurück, mit denen Céciles Leben verknüpft wird, wie François de Montmorency-Laval (1623-1708), Quebecs erster katholischer Bischof, Louis de Buade, Graf von Frontenac und Palluau (1620-1698), Gouverneur der Kolonie Neufrankreich in Kanada, Jean-Baptiste de la Croix de Chevrière de Saint-Vallier (1653-1727), Nachfolger Lavals. Wichtige Persönlichkeiten der Kolonialgeschichte Kanadas, wie Marie Guyart (1599-1672), Ordensschwester und Gründerin des Ursulinenklosters in Quebec, Samuel de Champlain (1567-1635), Forschungsreisender und Kolonisator, Gründer von Neufrankreich und erster Gouverneur der Kolonie, Robert Chevallier de la Salle (1643-1687), Entdecker, Marie Cathérine de Saint-Augustin (1632-1668), Daniel Greysolon Sieur de Lhut (1636-1710), Kapitän und Waldläufer, finden in dem Roman Erwähnung.

Wertung

Der Roman weist keine traditionelle Handlungsdramaturgie auf, sondern ist eine Aneinanderreihung von Bildern und Geschichten aus der kanadischen Kolonie, den Wäldern und Städten, der Neuen und der Alten Welt. Willa Cather macht die Historie Quebecs nicht zur Hintergrundtapete irgendeiner dramatischen oder romantischen Geschichte, sondern sie verbindet geschickt die fiktiven und historischen Figuren und Ereignisse zu einer Geschichte in der Tradition des Realismus, in die sie naturalistische Stimmungen und Naturbeschreibungen auf lebendige Weise einflicht. Es gibt keine Romanze, kein Abenteuer, keine Indianerkriege, Feldzüge und großen Intrigen. Cather beschreibt im modernen Stil das Leben in der Kolonialstadt Quebec und verankert es in die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhänge der Zeit Louis XIV. Der Roman adressiert Leser und Leserinnen, die sich für eine realistische Auseinandersetzung mit dem Leben der einfachen Siedler vor einem größeren historischen Hintergrund interessieren.
Die Anmerkungen und das Nachwort von Sabina Lietzmann sind gleichermaßen hilf- wie aufschlussreich.

 

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