Wie August Petermann den Nordpol erfand

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • , 2010, Titel: 'Wie August Petermann den Nordpol erfand', Originalausgabe

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76
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Carsten Jaehner
Die Eroberung des Nordpols vom Schreibtisch aus

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jun 2010

Kurzgefasst:

Nordpol: Ort der Sehnsucht und Entdeckerlust für das 19. Jahrhundert. Ein Deutscher will bei diesem Abenteuer mit dabei sein: der genialische Kartenzeichner August Petermann. Die Engländer reiben sich erstaunt die Augen, als dieser Bücherwurm, der noch nie einen Eisberg gesehen hat, ihnen erklärt, wo sich - "ernsthaften und besonnenen Berechnungen" zufolge - der für verschollen erklärte John Franklin aufhalten muss. Als die Seeoffiziere sich gegen Petermanns Theorien wehren, zieht er sich tief enttäuscht nach Gotha in Thüringen zurück. Dort erobert Petermann den Nordpol auf seine Weise: auf dem Papier. Und schickt zahlreiche Expeditionen in die Irre, weil er von seiner - falschen - Theorie partout nicht lassen will...

 

August Petermann war im 19. Jahrhundert einer der bekanntesten deutschen Geographen und Kartographen. Philip Felsch hat ihm in seinem Roman Wie August Petermann den Nordpol erfand ein literarisches Denkmal gesetzt - und damit einem wissenschaftlichen Kuriosum.

Beschrieben wird Petermanns Aufstieg als Wissenschaftler und der Beginn seiner Karriere als Kartograph, eines damals neuen Teilbereichs der geographischen Wissenschaft, der noch keine große Beachtung teil wurde. Er begann mit Karten für Naturphänomene - Tierwanderungen etc., bis er in die Dienste des damals größten Wissenschaftlers trat: Alexander von Humboldt. Somit bekamen seine Karten einen neuen Sinn und eine breitere Öffentlichkeit.

Ein eisfreies Polarmeer

Im Jahr 1845 startete der Brite John Franklin eine Expedition zum bis dahin unentdeckten und unerforschten Nordpol, im selben Jahr ging Petermann nach Edinburgh. Zwei Jahre später ging Petermann nach London, wiewohl Franklins Expedition immer noch nicht zurückgekehrt war und somit für die wildesten Spekulationen sorgte. Diverse Suchexpeditionen wurden gestartet, auch angetrieben von Franklins Frau, doch zu einem Ergebnis, geschweige denn zum Auffinden Franklins, kam niemand. Auch Petermann stellte seine Theorie auf, wie Franklin zu finden sei, und behauptete, auch aufgrund der Strömung des Golfstroms, das Meer würde am Nordpol nicht komplett zufrieren, auch nicht im Winter, so dass man nach einer Schicht des Treibeises ein frei schiffbares Polarmeer bis zum Nordpol vorfinden würde.

Viele Expeditionen fuhren in den Norden, niemand konnte Petermanns Theorie widerlegen oder bestätigen. Petermann wurde auch wegen anderer Äußerungen zur unbeliebten Person in England und ging 1854 an den Hof von Gotha, wo er ein Jahr später die Zeitschrift "Petermanns Geographische Mitteilungen" gründete, deren Erscheinen erst im Jahr 2004 eingestellt wurde. Aber er mischte sich immer wieder in die Diskussionen ein und versuchte selbst, eine preußische oder österreichische Expedition zustande zu bringen.

Letztlich scheiterten alle Expeditionen, meist bereits im Vorplanungsstadium, und zu Lebzeiten hat Petermann nie eine Forschungsreise selbst unternommen, sondern alle Theorien vom Schreibtisch aus begründet. Der Nordpol freilich wurde erst 1909 erreicht - von Amerikanern, womit auch Petermanns Theorie widerlegt wurde.

Das 19. Jahrhundert aus Sicht der Wissenschaft

Philipp Felschs Buch ist kein Roman, zumindest fehlt ihm dieses Prädikat sowohl auf der Titelseite als auch an jeglicher anderen Stelle im Buch. Dennoch liest es sich wie einer, ist aber wohl mehr ein interessant ausformuliertes Sachbuch. Es gibt keine Dialoge, wohl aber viele Zitate aus alten Dokumenten, und so entsteht für den Leser ein Bild des 19. Jahrhunderts aus Sicht der Wissenschaften, in denen die Welt oft in der Theorie und nicht in der Praxis stattfand.

Felsch versteht es, den Leser in die Materie einzuführen und die Person Petermanns lebendig werden zu lassen. Privates allerdings wird fast komplett ausgespart, seine Ehe nur am Rande erwähnt, hier hätte man für ein kompletteres Bild noch nachbessern können. Petermanns Aufstieg, Höhepunkt und Abstieg werden so anhand von Zeitdokumenten und teilweise bissig-ironischen Seitenhieben des Autors kommentiert, die zwar nicht wissenschaftlich sind, die sich der Leser aber eigentlich auch selber denkt und somit die Materie vor der Austrocknung bewahrt.

Leicht ironische Erzählweise

So ist ein Buch entstanden, dessen Protagonist hauptsächlich von seinem Schreibtisch in Gotha aus die Welt erforscht und den Nordpol findet, ohne je selbst auf einem Schiff gewesen zu sein geschweige denn es selbst nördlicher als Edinburgh auf der Erdkugel gebracht hätte. Die verbalen Scharmützel zwischen "praktischen" (also selbst reisenden) und "theoretischen" Polarforschern (wie Petermann) stellen manchmal aberwitzige Kuriositäten dar und lassen den Leser das eine und andere Mal den Kopf schütteln. Nationale Animositäten (siehe das viktorianische England) stehen doch noch vor Logik und Expedition, etwa, wenn ein Wissenschaftler nicht glauben mag, was ihm ein heimgekehrter Kapitän berichtet.

Es war halt eine andere Zeit, und diesen Zeitgeist fängt Felsch sehr gut ein. Die Denkensweise im 19. Jahrhundert war oft steif und langsam, wie er oft belegt, und die stand auch erfolgreichen Forschungsreisen des öfteren im Wege. Kein Wunder, dass "Armchair"-Kartographen wie Petermann es erst zu Ruhm, und anschließend zum belächelten Theoretiker gebracht haben.

Wenngleich viele Forschungsreisen mehr mit dem Finger auf der Landkarte als mit dem Schiff im Polarmeer stattfanden und man daher logischerweise zunächst den ersteren mehr glauben schenkte, gibt das einen wunderbaren Einblick in die hochnäsige Wissenschaft der Zeit. Viele Karten ergänzen das Buch von Philipp Felsch, ein sehr umfangreicher Anhang mit Anmerkungen und Quellen belegen die Borniertheit vieler damaliger Köpfe. Trockene Wissenschaft wird hier aufgeweicht und mundgerecht erzählt, wenngleich der Staub der Vergangenheit nicht komplett beseitigt werden konnte. Für wissenschaftsinteressierte allemal ein lohneswertes Buch aus der Sammlung Luchterhand, für "normale" Leser ein 250seitiger Ausflug ins Kuriositätenkabinett. Eine nette Abwechslung im Dschungel der historischen Bücher.

 

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