Der König der Komödianten

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Ehrenwirth, 2010, Titel: 'Der König der Komödianten', Originalausgabe

Couch-Wertung:

92
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Carsten Jaehner

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2010

Kurzgefasst:

Aufgewachsen in ländlicher Einöde, findet der unerfahrene junge Marco sich plötzlich in der betörend bunten Welt des Theaters wieder, inmitten eines skurrilen Ensembles, bei dem neben der schönen Hauptdarstellerin auch die vorlaute Enkelin des schlitzohrigen Indendanten und ein schwer bewaffneter Kleinwüchsiger tragende Rollen spielen. Marco zieht mit der Truppe nach Venedig, wo es bald um Sein oder Nichtsein geht: Nur ein erfolgreiches neues Stück kann die Truppe vor dem Ruin bewahren. Vom Kulissenschieber steigt er zum Gehilfen des trunksüchtigen Bühnendichters auf - und bald darauf zum Autor seines eigenen Theaterstücks. Doch bis er dieses auf die Bühne bringen kann, muss er noch viel lernen. Über das Schreiben. Die Liebe. Und darüber, dass das Leben manchmal eine eigene Dramaturgie bereithält...

Das meint Histo-Couch.de: "Venedig als Kulisse für das Theater"

Im März des Jahres 1594 kommt Vittore Ziani ums Leben, und seine Neffe und elternloser Erbe Marco denkt, er würde den kleinen Hof nun bekommen. Doch Geistliche und Anwälte des Ortes lassen ihn ahnen, dass sein Erbe viel größer sei, und als er heimlich ein Gespräch belauscht, in dem gesagt wird, wer bei Marcos Ableben erbe wird, macht er sich schnell aus dem Staub und kommt bei einer fahrenden Theatertruppe, den "Incomparabili" (den "Unvergleichlichen") unter.

Diese Gruppe zieht nach einem Gastspiel in Padua weiter nach Venedig und nimmt Marco mit, der zwar nicht mit auf der Bühne steht, aber für Aufbauten und Sicherheit verantwortlich ist. Nach und nach stellt sich heraus, dass er auch ein begabter Autor sein könnte, und so beginnt er, für die Truppe ein neues Stück zu schreiben, was auch bitter nötig ist, da das bekannte Publikum alle anderen Stücke bereits kennt. Doch neben den vielen kleinen Geschichten, die sich um die Truppe abspielen und wegen denen es des öfteren zu Streit kommt, beschäftigen Marco noch andere Dinge: Seine Verfolger aus dem Veneto, und, fast noch schlimmer: die Liebe...

Charaktere mit vielen bunten Facetten

In ihrem vierten historischen Roman kehrt die Autorin Charlotte Thomas wieder nach Venedig zurück und taucht gleichzeitig in eine Welt ein, die für sich schon eine sehr spezielle ist. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind für die fahrende Schauspieltruppe der "Incomparabili" tatsächlich alles, was sie haben, und so verdienen sie sich mal besser, mal schlechter ihren Lebensunterhalt. Als Marco Ziani als Aussenstehender neu hinzukommt, taucht der Leser mit ihm in eine Welt ein, in der manches nicht so ist, wie es scheint. Die Perspektive von Marco als Ich-Erzähler ermöglicht dem Leser so, dieses neue Welt genauso zu entdecken wie er, und das ist sehr aufschlussreich und daher klug gewählt.

Direkt beim ersten Anblick verliebt sich Marco in die hübsche Caterina und lernt bald auch alle weiteren teilweise kuriosen Figuren der Gruppe kennen. All diese Charaktere hat die Autorin liebevoll gezeichnet und auch mit kleineren oder größeren Geheimnissen und Überraschungen ausgestattet, die dem Leben in einer solchen Gruppe erst die richtige Würze verpassen. Da ist der ältere und meist betrunkene Bernardo, der erstaunlich fitte Greis Baldassare, der gerne mal im Badezuber sitzt, und seine Enkelin Elena, die Marco auch nicht ganz unsympathisch findet. Cipriano ist der helle Kopf der Gruppe, der sie immer wieder zusammenhält, und bald stösst auch der talentierte Zwerg Rodolfo zur Gruppe dazu, für den natürlich immer Verwendung ist. So bunt die Truppe ist, so farbenfroh schildert die Autorin ihre Mitglieder und deren Geschäftigkeiten. So entsteht nie Langweile, immer gibt es etwas zu erzählen, nie gibt es Stillstand. Zwar gibt es ruhigere Passagen, aber keinen Leerlauf, und das ist aller Ehren wert.

Bretter, die für jeden eine andere Welt bedeuten

Die kleinen Querverweise auf einen englischen Schriftsteller der Zeit mit Namen Will wirken zunächst etwas dahergeholt und gewollt, machen aber im Laufe der Geschichte mehr Sinn, und so muss man über den ersten Aha-Effekt hinweglesen. Interessant ist es allemal, wie Marco sein Theaterstück entwirft, ändert, verwirft, korrigiert und schließlich auch mit den anderen probt. Mag es manchen auch unwirklich erscheinen, wie die Truppe probt, so zeigt es doch die Realität, und es gab und gibt wirklich Menschen, die sich Texte so schnell und gut merken können. Es bleibt beneidenswert.

So interessant Marcos Konstruktion seines Stückes ist, so interessant sind auch die kleinen Geschichten, in denen Charlotte Thomas das Venedig der Zeit beschreibt. Dabei geht es nicht nur um die Stadt selber, sondern auch um das Leben und das Sein in dieser Zeit. Von Anfang an fühlt man sich in der Geschichte zu Hause, und das bleibt bis zur letzten Seite so. Venedig als Kulisse bei Tag und bei Nacht, sympathische und unsympathische Facetten aller Protagonisten und die Vielfalt der Personen und Ereignisse machen so einen Roman aus, der über fast 700 Seiten mit jeder Zeile unterhält und den Leser stets bei der Stange hält. Gegen Ende fällt zwar die Spannung ein wenig ab, kann aber schnell wieder aufgefangen werden, und so fällt das nicht weiter ins Gewicht.

Lobenswerte Covergestaltung

Originell sind neben dem liebevoll gestalteten Buchcover auch die kleinen Zeichnungen zu Beginn eines jeden neuen Kapitels. Dies zeigt, dass es sich doch lohnt, in das Äußere und die Form eines Romans zu investieren, denn diese kleinen Details machen das Buch zu etwas ganz besonderen. Hiervon können sich viele Verlage eine gewaltige Scheibe abschneiden, denn diese vermeintlichen Kleinigkeiten nimmt der Leser durchaus zur Kenntnis und erfreut sich daran.

Bleibt zu hoffen, dass die Autorin auch in ihren nächsten Romanen ihren leicht-lockeren, dabei aber nicht flachen Erzählstil beibehält. Sie erhebt nie den belehrenden Finger, obwohl man den Roman mit viel neuem Wissen am Ende ins Regal stellt. Und man wird ihn später bestimmt noch einmal gerne in die Hand nehmen. So lässt man sich, auch mit einem Glas Rotwein in der Hand, gerne in die Renaissance entführen.

Der König der Komödianten

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