Die Geometrie der Wolken

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2009, Titel: 'Turbulence', Originalausgabe

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Dirk Jaehner
Die menschliche Seite des Wetters im Zweiten Weltkrieg - über dem Durchschnitt spannend und unterhaltsam

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Feb 2010

Kurzgefasst:

Anfang 1944 erhält Henry Meadows vom Meteorological Institute in London Befehl, einen zurückgezogen in Schottland lebenden Wissenschaftler aufzusuchen. Wallace Ryman soll ein System entwickelt haben, das erstaunlich präzise Wettervorhersagen zulässt - entscheidend für die Landung der Alliierten in der Normandie. In geheimer Mission soll Henry die sagenumwobene "Ryman-Zahl" entschlüsseln. Regelmäßig trifft er den knorrigen Pazifisten, ohne Erfolg. Allein dessen Frau Gill lernt er näher kennen, als statthaft wäre. Es ist bereits Mitte Mai, als das Headquarter willkürlich ein Angriffsdatum festsetzt, doch bald geraten die Ereignisse - wie das Wetter - außer Kontrolle.

 

Warum schreibt man einen Roman? Oft liegen die Gründe in den Vorlieben der Autoren. Die von Giles Foden scheinen Schottland und Afrika zu sein, bekannt geworden ist er mit Der letzte König von Schottland über den ugandischen Diktator Idi Amin. Auch in seinem neusten Werk Die Geometrie der Wolken bleibt er seinen Vorlieben treu. Doch Länder geben nicht automatisch Geschichten her, Menschen hingegen schon eher. Und da brauchte Foden nur in seiner eigenen - angeheirateten - Verwandtschaft zu suchen. Sein Schwiegervater war der Großneffe der Ehefrau von Lewis Fry Richardson. Ihm, Richardson, ist Wallace Ryman, die eigentliche Hauptfigur des Buches, nachempfunden. Dieser Grund ist so gut wie jeder andere auch.

Auf der Jagd nach der Information

Der historische Roman indes kommt durch die Hintertür. Denn der Beginn der Erzählung findet im Jahr 1980 statt. Doch wie es sich für einen anständigen historischen Roman derzeit gehört, findet sich eine zweite Erzählebene, die im Jahr 1944 spielt. Giles Foden schreibt in dem Roman über das Wetter. Eigentlich ein Allgemeinplatz, den jeder ernstzunehmende Journalist meidet wie der Teufel das Weihwasser. Doch Foden gewinnt dem allgegenwärtigen und ausgewalzten Thema eine neue Seite ab. Es geht um die Turbulenz (so auch der englische Original-Titel), jenes Wetter-Phänomen, das so schwer vorherzusagen und für die Prognose doch so entscheidend ist. In der menschlichen Verlängerung geht es auch um die seelische Turbulenz, die durch unvorhergesehene oder unbedachte Ereignisse hervorgerufen wird.

Erst das vierte Element der Gleichung, die bislang aus den Werten Schottland, Afrika und Wetter besteht, macht den historischen Roman: Es geht um die Ereignisse, die der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie am 6. Juni 1944 vorausgehen, insbesondere die Aktivitäten der militärischen Wetterdienste. Die sollen eine Fünf-Tages-Vorhersage erstellen, um die Landung für die Truppen möglichst reibungslos vonstatten gehen lassen zu können. Der Chef der englischen Meteorologen geht davon aus, dass eine mathematische Methode des besagten Wallace Ryman, Wetter-Genie und fast militanter Pazifist, bei dieser Voraussage helfen kann. Das Problem: Er will diese Methode nicht im Krieg eingesetzt sehen.

Henry Meadows, Ich-Erzähler und meteorologischer Assistent, soll die Information beschaffen. Dazu reist er nach Schottland, wo der Wissenschaftler in einer Art selbstgewähltem Exil mit seiner - deutlich jüngeren - Frau Jill lebt. Der Weg in die schottische Einsamkeit wird für Meadows zu einer existenziellen Erfahrung. Nicht nur, dass seine heimlichen wie offenen Versuche, an das Geheimnis der so genannten "Ryman-Zahl" zu kommen, von permanentem Misserfolg gekrönt sind. Am Ende der Schottland-Episode, kurz nach der Hälfte des Buches, steht ein großes Unglück, aber auch ein Erkenntnisgewinn. Meadows ist ein deutliches Stück erwachsener geworden.

Der zweite Teil des Buches erzählt mit überraschend korrekten historischen Fakten von der Wetterkommission, die eingesetzt war, das Wetter des D-Day, der Landung in der Normandie, zu berechnen. Mittendrin in diesem Fegefeuer der Eitelkeiten europäischer und amerikanischer Wetter-Koryphäen spielt Meadows zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Doch angesichts der anhaltenden Uneinigkeit der Meteorologen sieht er sich gezwungen, die Informationen, die er von Ryman erhalten hat, neu zu überdenken. Und schließlich findet er einen Weg.

Viele Stile, viele Ebenen

Fodens Erzählung ist ein Patchwork aus verschiedenen Stilen und Einflüssen. Die Einleitung, in der der gealterte Meadows auf einem Eisbergschiff von der Antarktis Richtung Saudi-Arabien unterwegs ist und seine Lebenserinnerungen aufschreibt, klingt wie Umberto Ecos Adson von Melk, der im Namen der Rose seine Geschichte erzählt. Die Reise in den hohen Norden Schottlands schildert Foden wie die Reise ins Herz der Finsternis, obwohl die Analogie nur begrenzt Bestand hat. Zwar geht es - subjektiv gesehen - weg von der Zivilisation in eine Gegend, der nichts oder nur wenig Menschliches anhaftet und die am weitesten entfernt vom gefühlten Zentrum menschlicher Kultur - in dem Fall London - ist. Doch ist der Weg allein nicht das Ziel, und das Erreichen des geografischen Ziels stimmt noch lange nicht mit dem Erreichen des persönlichen Ziels überein.

Zusätzlich wird die schottische Einöde von skurrilen Figuren bevölkert. Da ist Meadows´ direkter Vorgesetzter, der nichts oder zu wenig vom eigentlichen Auftrag weiß. Für ihn muss der Jungmeteorologe eine Wetterstation aufbauen. Da ist der ur-schottische Landwirt, in dessen Scheune Meadows sein Quartier bezieht, und dessen Ehefrau, ein Mannweib schlimmster Ausprägung. Da sind die beiden Assistentinnen des Vorgesetzten, die viel von Wasserstofferzeugung verstehen, noch mehr aber von Malerei, und die ihre Bilder immer gemeinsam malen. Und da ist Wallace Ryman mit seiner Frau Gill, die in ihrem selbstgewählten Exil leben und sich mit zunächst unklaren Dingen befassen.

Die Lakonie, mit der Foden seinen Ich-Erzähler sprechen lässt, erinnert an die coolen Figuren von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Doch die vorgebliche Coolness ist bei Meadows nicht das emotionale Nicht-Beteiligt-sein, sondern die Altersmilde, denn immer wieder erinnert er den Leser daran, dass er gerade - also fast 40 Jahre später - auf dem Eisschiff "Habbakuk" zwischen der Antarktis und den Arabischen Emiraten sitzt und seine Tagebuchaufzeichnungen sortiert.

Meisterhafter Umgang mit Geschichte

Überhaupt, unklare Dinge. Foden ist ein Meister der literarischen Auslassung. Besonders die Rahmengeschichte strotzt nur so von Informationslücken. Ein Schiff aus Eis? Ist das möglich? Erstaunlicherweise wurde die Idee erstens bereits diskutiert und zweitens tatsächlich zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs erforscht. Und man stellt erstaunt fest, dass der damals sehr berühmte Eisforscher Pyke nicht Fodens Phantasie entsprang sondern tatsächlich existierte.
Womit der tatsächliche historische Gehalt des Romans erwähnt werden muss. Ebenso wie Geoffrey Pyke haben auch alle Meteorologen, die Foden erwähnt, tatsächlich gelebt und tatsächlich Vorhersagen für den D-Day erstellt, sogar in der Art und Weise, wie Foden es beschreibt. Und offenbar hat Foden noch nicht einmal übertrieben mit seiner Darstellung, dass sich die drei Gruppen nur selten auf eine Vorhersage einigen konnten. Tatsächlich wurde die Invasion aufgrund der Wettervorhersage vom 5. auf den 6. Juni verschoben. Dass das Wirken von Henry Meadows maßgeblich dazu beigetragen hat, ist allerdings künstlerische Freiheit. Trotzdem wird die Leistung des Autors eigentlich erst im Spiegel der historischen Ereignisse deutlich.

Die Bühne ist das Wetter, der Zweite Weltkrieg der Bühnenhintergrund. Davor agieren Personen, die von den Umständen zu Ausnahme-Handlungen gedrängt werden. Man muss vom Wetter nicht mehr verstehen als man zum Verstehen der täglichen Wettervorhersagen im Fernsehen braucht, um das Buch nachvollziehen zu können. Aber es könnte das Vergnügen vergrößern. Man muss kaum mehr als Grundlagenwissen über den Zweiten Weltkrieg und die Landung der Alliierten in der Normandie haben, um sich in die Figuren hineinversetzen zu können. Aber die Einsicht könnte sich vergrößern. Foden ist etwas Seltenes gelungen: ein unterhaltsamer, spannender, stellenweise sogar humorvoller Roman, dessen viele Schichten von großer Ernsthaftigkeit durchdrungen sind.

 

Die Geometrie der Wolken

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Letzte Kommentare:
25.11.2010 11:16:25
Dr. Ronald Eixmann

Aufgrund der Tatsache, das ich beruflich mit Wetter und Physik der Atmosphäre zu tun habe, wurde mir der Roman geschenkt. Meine Meinung: Am anfang kam ich etwas ins Rudern, da verschiede Zeitebenen und Thematiken scheinbar unvollständig aufgespannt wurden. Mit dem "sich einlesen" in diese Struktur wurde das Buch aber zunehmend spannend. Großes Lob an die doch exakte Beschreibung und Verknüpfung der Problematik Turbulenz mit großen weltpolitischen Ereignissen (2. WK). Um die wirkliche Tiefe des Romans zu verstehen (Komplexität und Verknüpfung von Wissenschaft, Politik, Sozialverhalten des einzelnen und der Gesellschaft, die eben alle den gleichen Gesetzen folgen), sind meteorologische Grundkenntnisse sicherlich sehr hilfreich, vielleicht sogar norwendig.