Senyoria

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Suhrkamp, 1991, Titel: 'Senyoria', Originalausgabe

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96

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Almut Oetjen
Absolute Macht in Zeiten der Revolutionskriege

Buch-Rezension von Almut Oetjen Feb 2010

Kurzgefasst:

Barcelona im ausklingenden 18. Jahrhundert: An nichts ist dem Gerichtspräsidenten von Barcelona, Don Rafel Massó i Pujades, genannt "Senyoria", Euer Gnaden, mehr gelegen, als seine gesellschaftliche Stellung und seinen Reichtum gegen andere Emporkömmlinge zu verteidigen. Doch ein Mord, an dessen Aufklärung niemand besonderes Interesse zeigt, bringt eine Lawine ins Rollen, die Don Rafel trotz bester Beziehungen nicht mehr aufzuhalten vermag. Wer wußte von dem unseligen Vorfall, den er längst aus seiner Erinnerung verbannt hatte? Am letzten Tag des Jahres 1799, an dem das herrschaftliche Barcelona nur das rauschende Fest zur Jahrhundertwende im Sinn hat, ist für Don Rafel jeder Ausweg, den er in seiner Not sucht, von vermeintlichen Verbündeten versperrt.

 

Die letzten Tage des Jahres 1799. Die promiskuitive Sängerin Marie de l'Aube Desflors gibt ein Privatkonzert in Barcelona und amüsiert sich anschließend mit dem Dichter Andreu Perramon. Am nächsten Morgen ist die Sängerin tot. In ihrem Zimmer wird eine Halskette gefunden, die Andreu gehört. Der wird verhaftet und soll schnell gestehen, damit der Fall umgehend abgeschlossen werden kann. Als offizielle Begründung wird genannt, die Sängerin hätte bei Hofe auftreten sollen und man wolle mit einem schnellen Ermittlungserfolg den König besänftigen. Nach wiederholter und schwerer Folter unterschreibt der verzweifelte Andreu ein Mordgeständnis und wird in einem kurzen Verfahren zum Tode verurteilt. Entlasten könnte ihn allein sein Freund Nando Sorts, ein angesehener Leutnant und Komponist, der jedoch mit seiner Militäreinheit unterwegs ist und vom Schicksal Andreus nichts weiß.
Ein besonderes Interesse an der schnellen Exekution Andreus hat der Gerichtspräsident Don Rafel Massó i Pujades, genannt Senyoria. Der lebt mit seiner Ehefrau Donya Marianna nur noch formell zusammen. Sie hat sich der Kirche verschrieben und ist Ordensmitglied in der heiligen Bruderschaft des Blutes, für die sie zum Tode Verurteilten Beistand leistet. Rafel ist Hobbyastronom und verbringt viel Zeit mit dem Betrachten des Sternenhimmels und der ihn aufreizenden Nachbarin Donya Gaietana. Außerdem pflegt er außerehelichen Verkehr.
Nando Sorts schreibt Andreu fleißig Briefe, die dieser aber nicht erhält. In ihnen berichtet er dem Freund von Liebesabenteuern und fordert ihn zum Schreiben von Texten für seine Melodien auf.

Universelle Themen

Zwar spielt die Handlung an der Wende zum 19. Jahrhundert, die Themen jedoch sind durchaus universell: Profitgier, Korruption, Machtmissbrauch, Rechtsbeugung, Intrigen und Leidenschaft.
Cabrés Aufsteiger Don Rafel ist ein Machtmensch, der sich, um ein oft bemühtes Bild zu verwenden, in einem Haifischbecken bewegt. Die Gesellschaft ist auf brutale Weise horizontal organisiert. Eine Membran, die schwach durchlässig ist, erlaubt es mitunter, dass auch Menschen wie Rafel sie nach oben durchdringen können, dabei aber den Neid und Hass Etablierter auf sich ziehen und nur geduldet werden, solange man ihnen nichts anhängen kann. Zu Beginn wissen wir über Rafel kaum etwas und stehen ihm mit Gleichgültigkeit oder Ablehnung gegenüber. In der Folge erfahren wir immer mehr über ihn, er wird uns vertrauter. Parallel zu dieser Entwicklung demontiert Cabré seine Hauptfigur, die wir zunehmend abscheulich finden und für die wir gleichzeitig ein wenig Mitleid empfinden - wenn wir es zulassen.

Historische Personen

Cabré lässt in Senyoria reale Personen der Handlungszeit auftreten. Andreus Freund Nando Sorts ist der Komponist und Gitarrist Ferran Sor i Muntades (Fernando Sor, 1778-1839). Der Erzbischof Felix Amat, mit dem Rafel sich über Astronomie unterhält, ist Félix Amat de Paláu y Pons (1750-1824). Der Baron von Maldà, auf dessen literarische Abbildung Rafel trifft, als er den Zeichner aufsucht, war im ausgehenden 18. Jahrhundert ein bekannter Schriftsteller.

Ein geschickter Fährtenleger

Cabré öffnet Handlungsgebilde, deren Sinn sich zumeist erschließt, wenn man als Leser die verstreuten Hinweise aufnimmt und zusammenfügt. Dies ist für Leser von Kriminalromanen nicht unbekannt. Insbesondere die Vergangenheit Rafels und die Gegenwart Andreus werden so auf intelligente Weise in einen Zusammenhang gesetzt.

Cabré arbeitet in Senyoria filmisch

Der Autor komponiert Bilder, in denen er die Menschen, die Dinge und die Umwelt zueinander in Beziehung setzt. Darüber gelangt er zu direkten Aussagen und zu solchen, die den Charakter von Andeutungen besitzen und in ihrem Gehalt zu einem späteren Zeitpunkt deutlich werden. Ein Beispiel für diese kompositorische Vielschichtigkeit ist Don Rafel mit seinem Teleskop im Garten. Diese Szene gibt es in Variation häufiger, und sie erschließt sich den Lesern im Verlauf des Buchs in ihrer ganzen Komplexität. Hier laufen verschiedene Zeitebenen zusammen, hier werden soziale Verhältnisse, insbesondere Machtverhältnisse, pointiert abgebildet - u. a. in einer perversen Anordnung des Oben und Unten (Spoiler!).
Über die Einstellungsmontage hinaus stellt Cabré in der Montage von Sequenzen Handlungszusammenhänge her. Er beschreibt an mehreren Stellen des Romans Einstellungen, die zeitlich verbunden sind, aus anderer Perspektive eine andere Sicht ermöglichen und sich gegenseitig kommentieren. Dies wird zum Beispiel deutlich an der Figur des Ciset. Im ersten Romanteil taucht der immer mal wieder auf, es wird ein Problemfeld erzeugt, mit dem wir gar nichts anfangen können. Die Auflösung dieses Feldes nimmt Cabré im zweiten Teil vor, in dem er eine Kollision von Einstellungen erzeugt, die - mit noch offenen Konsequenzen - schlagartig die größere Bedeutung Cisets für Rafel beleuchtet.
Oft wechselt Cabré - auch innerhalb eines Absatzes - die Erzählperspektive, springt mitunter innerhalb eines Satzes vom Erzähler zur behandelten Figur, die sich mit einem inneren Monolog oder in direkter Rede äußert.
Die vergeblichen Versuche, Nando zu erreichen, der immer gerade weitergezogen ist, haben etwas von einem filmischen Running Gag.
Es fällt auf, dass in den letzten Jahren vermehrt Romane geschrieben werden, die aussehen wie Filmmitschriften oder Drehbücher. Ein Trend, der vornehmlich in den USA zu beobachten ist. Der wichtigste Exponent ist Dan Brown. Neben Cabré verfährt in Spanien Agustín Sánchez Vidal ebenso, der sich mit Kryptum auf den Pfaden Browns bewegt.
Von diesen Autoren hat es Cabré zu einer Meisterschaft gebracht, die den anderen (genannten) Autoren abgeht.

 

Senyoria

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Letzte Kommentare:
30.03.2010 10:51:20
arthez

Mein erstes Highlight des Jahres im bereich Histo - schöne Sprache, erfrischender Stil und jede Menge Aha-Effekte in der zweiten Hälfte.

Die Figur des Don Rafel ist wunderbar geglückt, der wird mich noch lange begleiten.

Schade dass das Buch mit 440 Seiten so kurz ausgefallen ist, hier hätte ich noch Wochen hinlesen können.

Satte 90 Grad

Zeitpunkt.
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